2007-08-23

JA-GoDi: Gottesdienst - neutestamentlich (Teil 1)

Im ersten Artikel schreibt Lars Linder unter dem Titel "Gottesdienst wurde auch im Neuen Testament gefeiert" über die Art und Weise, wie unsere sonntägliche Versammlung vom Neuen Testament her verstanden werden soll.

Direkt sein erster Satz ist dabei eine sehr interessante Einleitung:
"Wenn wir die neutestamentlichen Bücher lesen, zeigt es sich, dass es nicht eine Form von Gottesdienst gibt, sondern dass die ersten Christen in den verschiedenen Gemeinden unterschiedliche Schwerpunkte setzten." (Unterstreichung im Original)

Dieser Satz macht deutlich, dass es zwar Verbindendes zwischen den Gemeinden sowie ihrem jeweiligen Gottesdienst gibt, aber eben auch Unterscheidendes unter den Gemeinden, welches in der jeweiligen Gottesdienstform seinen Ausdruck findet.

Das Verbindende und Einheit Stiftende soll in dem Artikel herausgearbeitet werden.

Der Artikel teilt sich in zwei Bereiche: Zunächst wird Grundlegendes zum Gottesdienst besprochen, danach auf die Elemente des Gottesdienstes eingegangen. Jeder darunter eingeordnete Abschnitt erläutert zunächst die Aussage der Überschrift und stellt dann eine Anfrage oder eine Idee zum Weiterdenken vor.

Grundlegendes

Gottesdienst wird im Namen Jesu gefeiert

"Jesus ist sozusagen der 'Ausrichter dieser Veranstaltung'". Unter diesem Motto erläutert der erste Abschnitt, was die Einleitungsworte in den Gottesdiensten, die diese in einem besonderen "Namen" beginnen, eigentlich bedeuten, und dass sie mehr sind als eine Floskel. Gott lädt uns ein zu seinem Fest.

Gott ist gegenwärtig

Kurz und knapp wird hier zunächst dargestellt, dass Gott im Gottesdienst da ist. Dabei ist, mitten unter uns.

In der Anfrage übt Linder dann Kritik an Aussagen wie: "Das Musikteam wird uns jetzt in die Gegenwart Gottes führen".
Seiner kritischen Meinung nach klingt dies so, als sollte Gott herbeigesungen oder herbeigerufen werden.
Eine andere Sichtweise, nämlich dass das "in die Gegenwart Gottes führen" vielleicht eher damit zu tun hat, dass wir Menschen, obwohl im Gottesdienst sitzend, einfach nicht 'da' sind, und erst in das Bewußtsein der Anwesenheit Gottes geführt werden müssen, sozusagen 'ankommen' müssen, stellt er leider nicht dar.

Linder beschreibt, dass wir zur Gemeinschaft zwischen Gott und uns selbst nichts beitragen können, und folgert: "damit ist alle religiöse und kultische Leistung hinfällig".
Wobei er Kultus beschreibt als "das Unternehmen des Menschen, sich mit irgendwelchen Verrichtungen, Gebärden oder Dingen in einen Sonderbereich zu begeben, in dem er Gott näher zu sein glaubt und in dem er Gottes Wohlgefallen besitzt oder erwirbt".

Diese Aussage ist sehr empfindlich. Denn das "in einen Sonderbereich begeben" scheint mir eine sehr spezielle Auslegung des Begriffes 'Kult', der eigentlich viel allgemeiner gefasst jegliche rituelle religiöse Handlung beschreibt, z.B. auch unsere Liturgie und Abendmahls- und Taufzeremonien.

So verwirrt es mich als Leser auch etwas, wenn er direkt im Anschluß an diese Aussagen unter dem Punkt Idee empfiehlt, symbolisch eine bzw. drei Kerzen auf den Abendmahlstisch zu stellen, weil diese helfen können, uns die versprochene Gegenwart Gottes vor Augen zu führen.

Kein "Kult" ?


Gottesdienst heißt zu allererst: Gott dient uns

Hier spricht Linder einen wesentlichen Punkt an. "Im Gottesdienst begegnet Gott uns Menschen". Dies ist der wesentliche erste Ausgangspunkt, und erst als Folge daraus ergibt sich: "Und weil Gott uns dient, können wir ihm als Antwort im Alltag dienen".

Hier führt Linder kurz über das Wort "Gottesdienst" als Versammlungsbezeichnung hinaus zum Begriff "Gottesdienst" als christliche Alltagshaltung.

Seine Anfrage ist daher über die Versammlungsthematik hinaus sehr bedenkenswert:
"Wie sind bei uns 'Sonntagsgottesdienst' und 'Gottesdienst im Alltag' verzahnt?"



Gottesdienst wird gemeinsam gefeiert, über alle menschlichen Grenzen hinweg

Linder zeigt hier auf, dass auch die frühen Gemeinden schon das Problem hatten, Christen unterschiedlicher Kulturprägung, Sozialisation und Alter vereinen zu sollen, und führt aus:
"Und die Antwort war nicht, dass zwei verschiedene Gottesdienste eingerichtet wurden". (Unterstreichung im Original)

Die Gottesdienste der ersten Gemeinden waren also auf Einheit der Christen ausgerichtet. Dies mag uns anleiten und eine Richtschnur sein. Andererseits bleibt die Frage, inwieweit dies aus der Zeit der ersten Christen tatsächlich in unsere heutige Kultur transportierbar ist, oder ob Dinge nicht über die Jahrhunderte auch einmal neu durchdacht und verstanden werden müssen und können.

Seine Anfrage lautet:
"Was heißt das für uns heute, wo wir darauf getrimmt werden, für jede Zielgruppe einen Extra-Gottesdienst anzubieten? Wie kann ein Gottesdienst aussehen, wo Alte und Junge, Reiche und Arme, Deutsche und ausländische Mitbürger, Christen und Nichtchristen gemeinsam feiern und gleichermaßen angesprochen werden?"

Linders intensive Betonung des einen Gottesdienstes, seine -in meinen Augen polemische- Ablehnung von Zielgruppen-Gottesdiensten, ist ein wenig verwunderlich in einem Heft, in dem es entsprechend dem Vorwort eben um Jugend-Gottesdienste geht.

Noch eigenartiger klingen diese Worte, wenn ich auf der Homepage der Gemeinde Essen Mitte, in der er seit 2002 Pastor ist, zum Teen-Kreis lese:
"Parallel zum Gemeindegottesdienst am Sonntag um 10.00 Uhr feiert der Teeniekreis einen 'alternativen' Gottesdienst mit 12- bis ca. 17-jährigen Jugendlichen."

Schließlich frage ich mich, ob denn die Dichotomien der Anfrage stimmen. Geht es um "Alt und Jung"? Ist nicht allein die Pluralität der Gruppe "Jung" schon ein Problem?
Macht die kurze und knappe Gegenüberstellung der Dichotomien, die Verknüpfung mit dem Wort 'und' wirklich deutlich, wie groß die Spannung dieser Frage eigentlich ist?


Die ersten Christen besuchten regelmäßig den Gottesdienst

Nach einer ersten Euphorie fand sich ein wöchentlicher Gottesdienstrhythmus ein, und es wurde "gute Gewohnheit" für die Christen, hier auch beständig zu sein.

Hier gibt es keine Anfrage und keine Ideen. Meine Anfrage wäre zum Beispiel, einmal bewußt wahrzunehmen, was diese Forderung in der heutigen Gesellschaft bedeutet, die immer weniger auf die Wahrung des Sonntags rücksicht nimmt. Immer mehr Berufsgruppen oder auch z.B. Fußballvereine stellen die Möglichkeit zur Beständigkeit in Frage.

Auch ist 'Beständigkeit' überhaupt ein großes Problem unserer Kultur, die speziell der jüngeren Generation schon früh vermittelt hat, dass es Beständigkeit nicht gibt, alles im Fluß und Wandel ist, und nur der überlebt, der flexibel und ständig in Bewegung bleibt. Brüchige Familienstrukturen, schulisches Kurssystem anstatt Klassenverbund, große Mobilität im Job, häufig wechselnde Partnerschaften, flexible Arbeitszeiten...

Hier wäre es wichtig, Beständigkeit im Sinne tragfähiger Beziehungen nach außen zu vermitteln, anstatt Beständigkeit als Forderung an den Gottesdienstbesucher zu fordern.


Der Gottesdienst wird von verschiedenen Menschen in einer guten Ordnung gestaltet

Hier stellt Linder dar, dass der Gottesdienst prinzipiell von der Beteiligung aller lebt ("Männer und Frauen gestalten den Gottesdienst durch Gebete und Wortbeiträge mit"), jedoch Ordnung, ein gewisses Maß und ein Zusammenhang dazu gehören.

Bei den Versangaben zu 1. Kor. 14 gibt es hier übrigens eine kleine Lücke, die das problematische "die Frau schweige in der Gemeinde" umschifft.


Der Gottesdienst wurde öffentlich und verständlich gefeiert

Der letzte grundlegende Abschnitt erklärt, dass Gottesdienst eine öffentliche Sache war, und dass daher mit Nicht-Christen als Besuchern gerechnet wurde.

Daher bemühten sich die Gemeinden auch, den Gottesdienst verständlich zu halten, was auch bestimmte Ausdrucksformen betraf.

Auch hier fehlt wieder eine Anfrage. Mir wäre hier wichtig darüber nachzudenken, was denn "verständlich" in der heutigen Zeit heißt, die durch die Aufklärung nicht nur mit unterschiedlichen Glaubensinhalten zu kämpfen hat, wie Paulus, sondern vor allem auch mit dem absoluten Unglauben, mit der Abkehr von allem Transzendenten und Metaphysischen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Predigten sind gut aber nur glaubwürdig wen sie in die tat gehen. Gott zu loben und mit den Lippen zu bekennen das ist ein Problem für Herr Linder Kontrolle muss sein es könnte ja exkaliren. eine andere form einnehmen ...wo ist der glauben
na ja wollen wir mal tolerant sein so das alles gedulden wird was der Pastor kontrolieern kann...

MentalRover hat gesagt…

Hallo anonym,

habe deinen Kommentar leider gerade erst entdeckt.

Mich würde interessieren, ob du deine Kritik jetzt direkt aus dem Artikel beziehst, oder ob da noch andere Erfahrungen (mit Herrn Linder oder mit ähnlich argumentierenden Pastoren) dahinterstecken.