2007-09-05

Priorität der "Schrift" - etliche Fragen tun sich auf - Verwirrung

In einem Post zitierte Stefan Piechottka das Agile Manifesto, welches in meiner Sidebar zu finden ist.

Christian B. kommentierte dazu:
5. Die Bibel ist Gottes Wort und alleiniger Maßstab im Sinne von 1.-4. Wir folgen nicht menschlicher Weisheit, sondern prüfen alles, ob es der Schrift entspricht. Wir wollen am Tag Christi lieber als treu befunden werden denn Menschen gefallen. Denn es steht geschrieben: "Diese aber waren edler als die in Thessalonich; sie nahmen mit aller Bereitwilligkeit das Wort auf, indem sie täglich die Schriften untersuchten, ob dies sich also verhielte." (Apg. 17, 11)

Die Beröer haben nicht einmal Paulus unbesehen geglaubt. Ihr Maßstab war allein die Schrift. Ich hoffe, dass es auch bei uns so ist. Denn McManus, Bell, McLaren und andere lehren zwar neu, aber anders und Anderes. Ich habe schlaflose Nächte bei dem Gedanken, dass wir das nicht erkennen. Sine ira et studio, audiatur et altera pars.

In einem weiteren Kommentar wies ich darauf hin, dass das höchste Gebot in Matthäus 22 das Gebot der Gottesliebe und der Nächstenliebe ist.

Es ist dort jedoch nicht ein Gebot zur "Schriftliebe" erwähnt.

Das ist nun auch etwas schwierig. Schliesslich zitiere ich hier ja gerade die Schrift, indem ich Matthäus 22 angebe.

Dies veranlasst mich tatsächlich zu der Frage, wie sich die Gebote -gerade auch diese beiden-, die in der Schrift zu finden sind, denn zur Schrift selbst verhalten.

Steht die Schrift über den Geboten, weil sie ja diese enthält und dem Leser vermittelt? Oder stehen die Gebote über der Schrift, weil sie auch regeln, wie mit Letzterer zu verfahren ist?
(Kann man es so sehen, dass die Schrift über die Gebote redet, die Gebote aber über mehr als nur die Schrift ?)

Wie referenziert die Schrift sich eigentlich selbst? Das würde ich gerne einmal untersuchen.

Werden wir der Schrift und den darin befindlichen Geboten (ganz zu schweigen von Gott selbst) gerecht, wenn wir Sola Scriptura in dieser Form zu unserer Glaubens-Maxime machen?

Oder stehen wir dadurch eher in der Gefahr, Gott selbst durch "sein Wort" zu ersetzen, so daß die Schrift als solche zu einem Götzen wird?

Wie verhält es sich mit dem Satz: "Die Beröer haben nicht einmal Paulus unbesehen geglaubt. Ihr Maßstab war allein die Schrift."
Soll ich ebenso "nicht einmal Paulus unbesehen glauben"?
Aber für uns heute ist auch Paulus die Schrift!

Dann wäre das ein Hinweis darauf, der Schrift nicht unbesehen zu glauben?

Wenn aber der Maßstab allein die Schrift ist, und ich der Schrift nicht unbesehen glauben soll, dann muss ich die Schrift durch sich selbst authorisieren.

Welche Teile der Schrift aber sind nun zu prüfen, und welche werden zur Authorisierung herangezogen?
Und wie steht es mit der Prüfung der zur Authorisierung herangezogenen Teile?

Und für die Beröer wie auch für mich tritt dasselbe Problem auf:

Die Schrift ist nicht völlig unabhängig und autonom.

Der Vorgang des Prüfens findet irgendwo durch mich, den Leser, in einem auslegenden, interpretierenden Prozess statt. Somit ist das Ergebnis des Prüfvorgangs auch abhängig von mir als Leser.
Wie kann das in gutem Sinne funktionieren?

Doch nur dadurch, dass Gott selbst in diesen Vorgang durch seinen Geist eingreift.

Dann ist das Ergebnis also davon abhängig, dass Gott durch seinen Geist in mir, dem Leser, wirkt, damit das Prüfen der Schrift anhand der Schrift in Gottes Sinne verläuft.

Damit aber steht Gott und sein Geist über der Schrift selbst, die ja nun sowohl Prüfwerkzeug als auch Prüfobjekt ist.
Dadurch erhält die Schrift aber einen Platz, der nicht mehr durch "Sola Scriptura" vollumfänglich beschrieben wird.

Fehlt vielleicht ein "Solus Spiritus Sanctus" in der berühmten Aufzählung?

(Sind es nicht vielleicht gar zu viele "Soli" ?)