2007-09-17

Meisners kleines Fettnäpfchen....

In etlichen Blogs, unter anderem hier bei Onkel Toby und hier bei Peregrinato wird es gerade diskutiert: Meisners Fettnäpfchen.

Meisner O-Ton:
„Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet.“

Irgendwie hat er doch recht, wenn man es mal genau liest.

Derjenige, der diese Worte sagt ist doch genau dadurch, dass er sie sagt, das beste Beispiel dafür, was er selbst aussagt.
a) Ist er doch Vertreter einer Kirchenform, die sich im Kult immer mehr von der (Gesellschafts-)Kultur entfremdet und dadurch im Ritualismus erstarrt.
b) Gibt es keine Nicht-Kultur, wo immer sich eine Form von Gesellschaft bildet. Somit ist er selbst Ausdruck einer (Kirchen-)Gesellschaft mit einer (Kirchen-)Kultur. Und die "entartet" tatsächlich, da sie sich von der Gesellschaftskultur entfremdet und dann solche Vokabeln benutzt und sich damit solche Mißgriffe erlaubt.


Mal ganz davon ab, legt man das Wort einmal mal nicht auf die Goldwaage: Dass eine Kultur "entartet", wenn sie den Bezug zu einer Form der Spiritualität (in seinem ritualkultischen Sprachgebrauch: "Gottesverehrung") verliert, ist durchaus eine bedenkenswerte These: Wohin führt uns eine Kultur, die jeglichen "Kultes" beraubt spirituelle und ethische Expressionen verneint und sich jeglichen triebhaften und/oder progressiven Exzesses hingibt?
Wird dort "Kunst" nicht immer mehr zu "Kommerz"? Versandet Ausdrucksstarkes nicht in Belanglosem? Wird Künstlerisches nicht zu purem mechanischem Handwerk?

Und was ich mich beim Lesen des Zitates ebenso frage:

Wo steckt in dem Zitat eigentlich die "Kunst"?

Hätte er "Kultur" mit "Kunst" gleichgesetzt, würde wohl gemäß seiner Aussage die Kunst entarten.


Er redet aber von entarteter "Kultur"(!), und diese ist mehr als "Kunst", da Letztere nur eine Ausdrucksform von Ersterer ist. Somit kann die der Spiritualität beraubte Kultur als eine "kunstlose", materialistisch-"künstliche" Kultur verstanden werden, die der Menschlichkeit beraubt, dem/den Menschen ent-artet.

Meisner behauptet:
"Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen, wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden. Das war die schlichte Aussage dieser Passage",
Seine "Richtigstellung" als Ausrede ist nun mehr als unglücklich: Wie will man denn Kunst und Kultur auseinanderbringen? Und: Wo ist denn da jetzt der Kultus, die "Gottesverehrung" in seiner neuen Dichotomie zu finden?

Kunst, ganz banal verstanden, steht niemals auf einer der beiden Seiten, sondern ist inhärent in beidem.

Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich nämlich auch im erstarrten religiösen Kult eine Form von Kunst: Gregorianischer Kirchengesang, Eucharistie-Tanz am Altar, Kreuz-Schlag-Choreographie der Kirchbesucher, moderne Kirchen-Architektur.

Eine verzweckte, ebenfalls erstarrte, rein produktive Darstellung der (Kirchen-)Kultur womöglich?

Peregrinato fragt übrigens dazu:
Es klagen ja auch viele christliche Künstler über die stereotype Erwartung, dass Kunst immer predigen müsse. Muss sie das - und was genau?