2008-09-10

Emerging Church - Größte geistliche Katastrophe

Die Emerging Church sei die "größte geistliche Katastrophe" in der Geschichte der Christenheit, so verkündete Jakob Tscharntke am 6. September vor etwa 50 Teilnehmern einer Regionalkonferenz
der von mir so "hoch geachteten" Abrenzungs- und Mauerbau-Bewegung "Kein anderes Evangelium".

"Ihre sozialen Aktivitäten hätten wenig mit biblischer Nächstenliebe und viel mit Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinde zu tun. Als Vertreter dieses Konzepts nannte Tscharntke beispielsweise den Theologen Prof. Johannes Reimer (Bergneustadt bei Köln) und die Evangelistin Christina Brudereck (Essen)" (Zitiert von Idea).

Auch manche Kommentare an diesem Online-Artikel sind ... ach, mir fehlen die Worte.

Ein offenes Ohr und insbesondere ein offenes Herz scheint diesen Leuten völlig abzugehen. Mit ihren Reden stimmen sie ein Kriegsgeheul an. Vertreten sie so den christlichen Glauben?

2008-05-28

Trauerfeier oder Party? Kommentar zu: Laut gedacht

Matthias hat auf seinem Blog einen ersten Artikel zum Thema Jugendliche im Gottesdienst

Für einige Mitmenschen vielleicht zu provokant, aber der Artikel ist einfach ehrlich.

Ich möchte hier einfach ein paar Gedankenschnipsel danebenstellen, als Ergänzung, Kontrast, und zum Weiterdenken.

geschrieben.
Demnach muss es also eine dritte Art von Feier geben. Eine Feier bei der man eine Stunde lang auf einem Stuhl sitzt nur hin und wieder aufstehen darf/muss.

Genau. Eine solche Feier gibt es auch. Und zwar auch außerhalb von sakralen Kontexten. Nehmen wir als Beispiel sowas wie die Bambi-Verleihung.

Oder vielleicht ist das doch eher die erste Art Feier?

Wie passt das zusammen? Nun, die Oberkategorie passt eher zur Trauerfeier, und unterscheidet sich von der Party.
Es handelt sich um eine Form von Fest oder Feier, die man mit dem Begriff "Zeremonie" bezeichnen kann.

Dort wo etwas "gefeiert" wird im Sinne von: "zelebriert".
Wo jemand "gefeiert" wird, also geehrt. Solche Leute, die man ehrt und feiert, nennen die Engländer darum auch "celebrities".

In dieser Kategorie treffen sowohl die Trauerfeier als auch die Hochzeitsfeier(!) aufeinander, wobei letztere trotz der "Feierlichkeit" der Situation fröhlich gemäss dem Anlass abläuft.

Sie ist höchst feierlich, aber eine Freude. Ein besonderer Jubeltag.

Worum es nun beim Gottesdienst geht ist nicht, ihn in eine einfache typische "Party" zu verwandeln, wo alle lachend und flirtend in den diversen Ecken rumstehen, Hauptsache die Musik ist gut, die Leute sind gut drauf und Snack und Drink ist ausreichend da.

Aber du hast recht: Normaldeutsche Gottesdienste gleichen oft eher der Trauerzeremonie als dem Jubeltag.

Man stelle sich vor, dass man nach einer langen, politischen Unruhe endlich wieder einen König auf den Thron bekommt, einen Führer, einen Ehrenmann. Jemand, den man achtet und den man ehren möchte (warum fällt mir jetzt Herr-der-Ringe ein? ;-) ).

Wir müssen uns fragen:
Gleichen unsere Gottesdienste einer Krönungszeremonie?

Warum nicht?

Haben wir verlernt, über Gott zu jubeln? Haben wir verlernt, jemandem wirklich die Ehre zu erweisen?

Die Frage geht eigentlich noch tiefer: Haben wir noch das Empfinden für Ehre? Für Hochachtung vor jemandem, den wir als "Persönlichkeit" ansehen? Für Respekt?

Ich denke nicht, dass das völlig abhanden gekommen ist.
Aber die Frage ist dann: Wie sieht heutzutage ein solches Zelebrieren aus?

Nun, nur mal ein kleines Beispiel, als Anregung zum Weiterdenken:
Wir sind an Konzertvorstellungen gewöhnt, an Gala-Shows, an Preisverleihungen, und viele ähnliche Zeremonien.
Ein wesentliches Element dieser Erfahrung ist immer der Applaus. Mit Applaus drücken wir unseren "Beifall" aus. Unseren Jubel. Unsere Freude.

Wie kann es also sein, dass immer noch Leute versuchen, den Applaus aus den Gottesdiensten zu verbannen, weil er nicht "feierlich" genug ist. "Weil wir ja Gott loben wollen, und nicht etwa z.B. die Band". Und was für Argumente man auch zu hören bekommt.

Feierlichkeit, Achtung, Jubilieren, ausgedrückt durch stumme Stille? Emotionslose Reglosigkeit?

Ein Brückenschlag zwischen dem sakralen Gottesdienst und dem zeitgemäßen Zelebrieren ist sicher das, was wir in der "Praise and Worship" Bewegung vorfinden.
Das Wort "Lobpreis" gibt es schon wieder, dass es da um genau die Dinge geht, die ich oben angesprochen habe. Loben und Preisen. Achtung und Ehre deutlich zeigen.

Aber ein Gottesdienst besteht nicht nur aus "Worship".
...weil ein Gottesdienst nicht oberflächlich bleibt. Er geht in die Tiefe und berührt die Menschen da wo sie sind.
In meinen Augen ist das ein ganz wesentlicher Aspekt! Die Menschen werden berührt!

Immer wieder habe ich aber in Gesprächen über Gottesdienstgestaltung den Eindruck, dass man mir (und durch mich bitte auch den Jugendlichen) vermitteln möchte, dass ich mich durch die verwendeten Elemente doch bitteschön berührt zu fühlen habe.

Wenn mich (oder meine jugendlichen Freunde) der Gottesdienst nicht mehr berührt, dann ist
bei uns was falsch! Dann stimmt was mit unserer Einstellung zum Gottesdienst nicht.

Nun behaupte ich aber: Wenn ein Gottesdienst es erfordert, dass man ihn langwierig und umständlich erklärt, damit er auch nur halbwegs von einem Außenstehenden verstanden werden kann, wenn ein Gast von der Straße erst aufwändig "eingestellt" werden muss, um mit dem Gottesdienst umgehen zu können, dann ist in meinen Augen vom Grundansatz her etwas falsch.

Dann wird das Zeremoniell des Gottesdienstes vielleicht vom Verstand her irgendwann einmal erfasst, aber genau dieser Effekt ist es doch, der uns dem Vorwurf aussetzt, alles nur "vom Kopf her" zu begreifen.

Viele Rituale in unseren Gottesdiensten entspringen nicht mehr unserem natürlichen Bedürfnis des Ausdrucks.

Wo klingt der Festredner in seiner Dankesrede wie Goethe im Original?

Und mal ganz ehrlich: Wo machen wir denn in unserer Gesellschaft die Erfahrung, dass wir zur Ehre eines Preisträgers oderwasauchimmer gemeinsam "die eingerückten Verse" lesen??
(Ich habe mal jemanden mit meinem Bekenntnis schockiert, dass das multivokale Sprechen von Texten bei mir immer Unwohlsein auslöst, weil ich mich eher an Alien- oder Horrorfilme erinnert fühle, als an gemeinschaftlichen Lobpreis).

Gleiches wie für die Zeremonien gilt für unser Liedgut. Ich glaube nicht, dass einem Gast von Außen (oder einem unserer eigenen Jugendlichen) klar ist, was es heißt, wenn wir singen: "Alles was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen".
(Und mal ganz unter uns, lieber Leser, ich möchte lieber nicht wissen, welche Gedanken ihnen beim zweiten Teil des Satzes durch den Kopf gehen...).

Ich meine also: Berührt wird der Gottesdienstbesucher dadurch, dass er die Möglichkeit bekommt, sich in seiner natürlichen Sprache auszudrücken. Dass er erlebt, wie die anderen um ihn herum ehrlich ihrer Beziehung zu Gott Ausdruck geben. Und dadurch, dass er sich in der Predigt in der ihm verständlichen Sprache angesprochen fühlt.
Angesprochen - sowohl wörtlich verstanden (der Inhalt ist an ihn gerichtet), als auch übertragen: Was gesagt wird, [be-]trifft ihn in seinem Bezugsrahmen, seiner Erlebniswelt.

Ein ganz generelles Problem habe ich schließlich mit dem "Jugendgottesdienst" Begriff, stelle ich in Einzelgesprächen doch immer wieder fest, dass das ganze Thema keines der "Jugendlichen" (sprich: bis maximal Mitte 20) ist, sondern diese und ähnliche Kritik immer wieder aus den Reihen des mittleren Alters zu hören ist.

Ich frage mich also: Wann werden wir lernen, intensiv Augen und Ohren zu öffnen, und uns Gedanken darüber zu machen, was denn die Erlebniswelt, was der Bezugsrahmen unserer Gottesdienstbesucher ist?

Wo findet diese Debatte statt, ohne dem Besucher einen vorgefertigten Bezugsrahmen überstülpen zu wollen?

2008-05-08

"Der Eine" Gottesdienst? - Willow Creek verändert Gottesdienstkonzept

Heute morgen flatterte mir der aktuelle Willow-Creek Newsletter in die Inbox, indem bereits zu Anfang eine interessante Neuerung in der Gottesdienst-Ausrichtung bei WC zu lesen ist.

Dort heißt es:
Wärend der vergangenen 30 Jahre gab es in Willow Creek zwei unterschiedliche Gottesdienstangebote. Am Wochenende fand der Gottesdienst für Suchende statt, der sich maßgeblich auf die Bedürfnisse von entkirchlichten Menschen ausgerichtet hatte. Während der Woche gab es den Gottesdienst für die Gläubigen "New Community", in dem Anbetung, Lehre und die Feier des Abendmahls ihren Platz hatten. Viele Jahre hat diese Aufteilung der Gemeinde gut gedient.

Mittlerweile sind jedoch die Bedürfnisse der Gläubigen so unterschiedlich geworden, dass eine zentrale Veranstaltung nicht mehr in der Lage ist, all diesen Bedürfnissen angemessen zu begegnen. Dies hat unter anderem die Studie "REVEAL" zutage gefördert.
Ich bin gespannt, wie sich diese "neue Erkenntnis" denn wiederum auf unsere Gemeinden auswirken wird, die ja gerne mal den neuesten Willow-Trends hinterherlaufen.

Warum "neue Erkenntnis" in Anführungszeichen?
Nun, letztlich hat WC da nicht eine völlig überraschende Weisheit aus dem Hut gezaubert, sondern übernimmt nur, was andere ihnen bereits als Kritik vorgekaut haben.

Der Gedanke, dass "der Eine" Gottesdienst zwar eine löbliche Absicht ist, aber in der Praxis nicht trägt, haben wir vom Jugendbereich unserer Gemeindeleitung schon länger versucht klar zu machen. Zu diesem Zweck versuchten wir, aus Dan Kimball's Buch zur Emerging Church zu zitieren, aber kamen nicht weit.

Nicht mehr "der Eine" Gottesdienst? Kam gar nicht in Frage. Inzwischen sieht man auch dies zumindest ein
klein wenig lockerer.

Eine kleine Auseinandersetzung mit diesem Thema ist auch in meinem Artikel
JA-GoDi: Gottesdienst - neutestamentlich (Teil 1) zu finden.

Irgendwie wird der Widerspruch in den Ansprüchen einfach nicht deutlich:
  • Man will -auch gerade jungen Menschen- vermitteln, wie wichtig regelmäßige Gottesdienst-Teilnahme für das Gemeinschaftserleben und für die Beständigkeit im Glauben ist.
  • Darauf hingewiesen, dass Jugendliche mit dem "Großen" Gottesdienst nur wenig anfangen können und einen anderen Stil und andere Formen bevorzugen, heißt es dann: "Ja, aber dafür haben wir doch die JesusHouse Parties" (einmal im Vierteljahr !)
Da runzelt Rudi Ratlos resignierend seine Stirn.

Jetzt bin ich wirklich mal gespannt, ob demnächst bei uns Leute von WC-Kongressen wiederkommen und uns verkünden: "Wir sollten mal drüber nachdenken, ob wir nicht vielleicht verschiedene unterschiedliche Gottesdienstangebote machen sollten ..."

Warum habe ich nur immer das Gefühl, dass christliche Gemeinden ständig hinterherhinken?

Und wie wahr sind doch die Worte: "Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande" (Markus 6, 1-4) und "Niemand verachte dich wegen deiner Jugend" (1. Timotheus 4, 12)

Das Problem bleibt allerdings, dass unsere Gemeinden keine Mega-Kirchen mit unendlich Ressourcen sind. Und das mag ein Hindernis sein, dass neue Ansätze und Gedanken bereits in den Kinderschuhen stecken bleiben.

Auch hier ein nettes Zitat aus dem WC-Newsletter, Trailer zu einem WC-Seminar:
[...]Aber viele Gemeinden sind auch in der Umsetzung dieser Vision stecken geblieben. Dies hat vielerorts damit zu Tun, dass zwar Programme verändert wurden, aber nicht die herrschenden Werte in der Gemeinde. Um dauerhaft Veränderung zu erreichen, ist es aber nötig, auf der Werte-Ebene Veränderung zu schaffen.
Da fällt mir der englische Refrain-Text zum Lied Sag mir wo die Blumen sind ein:
"When will they ever learn, when will they ever learn?"

2008-02-19

Gofi Müller: Was Leidenschaft killt (Re-Post)

Dieser Beitrag ist ein Repost eines Artikels von Gottfried Müller aus dessen inzwischen gelöschtem Bumerang-Blog (mit freundlicher Genehmigung des Autors).
Der Eintrag war dort vom Samstag, 14. Juli 2007. Er ist auch in gedruckter Form in Gofi's neuem Buch "Heiligwerden für Anfänger" (Brunnen Verlag 2008) erhältlich.




Was Leidenschaft killt


Eine Krise

Ich war eigentlich ganz froh, als ich merkte, dass ich krank wurde. Ein leichter grippaler Infekt, sonst nichts. Eine gute Gelegenheit, sich ohne schlechtes Gewissen aufs Sofa zu legen und eine Woche zu entspannen. Insgeheim legte ich mir folgenden Plan zurecht: Ich würde genau eine Woche krank sein und mich währenddessen erholen. Danach würde ich mich wieder mit Elan und Begeisterung in die Arbeit stürzen.

Nach genau einer Woche stand ich auf und wollte meine Rückkehr ins Dienstleben mit einem Gebetsspaziergang einläuten. Viel früher als geplant schleppte ich mich entkräftet und schwitzend wieder in unsere Wohnung. Ich war immer noch krank! Frustriert legte ich mich ins Bett. Ab jetzt genoss ich keine Minute mehr. Mich quälte ein schlechtes Gewissen. Ich konnte doch nicht einfach hier herumliegen! Ich musste doch etwas tun! Eine Art Identitätskrise im Kleinen baute sich auf. Was war ich wert, wenn ich nichts Wertvolles produzierte? Welche Art von Selbstbewusstsein kann einer haben, der nur unnütz im Bett liegt?

Anfänglicher Enthusiasmus

Als ich mich entschied, voll in die Jugendarbeit einzusteigen, geschah das aus Begeisterung. Ich lernte Jesus auf eine neue, mitreißende Art kennen, mitten in einer Lebenskrise. Fast unmittelbar darauf machte er mir klar, dass ich in einer Jugendgruppe vor Ort mithelfen sollte. Zunächst widerwillig, dann immer begeisterter ließ ich mich darauf ein. Ich spürte, dass dies mein Platz war. Mein Gabenspektrum schien auf diese Art von Arbeit abgestimmt zu sein. Leidenschaftlich stürzte ich mich in die Aufgaben und vernachlässigte darüber völlig mein Studium.

So kam es, dass ich zwei Jahre später Jugendevangelist wurde. Ich brannte dafür, dass Jugendliche zum Glauben an Jesus kamen. Die Arbeit ging mir leicht von der Hand – bis zu dem Moment, als mich der grippale Infekt erwischte. In dieser Krise passierte es zum ersten Mal, dass ich innehielt und mich fragte: „Warum machst du eigentlich das, was du machst? Was treibt dich an? Woher kommt dein schlechtes Gewissen, nur weil du ein paar Tage lang nicht arbeiten kannst?“

Etwas war verloren gegangen

Mir fiel beim Nachdenken auf, dass mir etwas verloren gegangen war. Wann das passiert war, wusste ich nicht. Aber ich konnte ein Vorher und Nachher ausmachen. Vorher, ganz zu Anfang, handelte ich aus Liebe zu Jesus. Vieles, was ich aus dieser Leidenschaft heraus getan hatte, war ungeschickt, überzogen, manchmal sogar richtig lieblos gegenüber anderen Christen gewesen. Aber ich brannte lichterloh. Ich wollte die ganze Welt umkrempeln aus Liebe zu Jesus, notfalls im Alleingang.

Mittlerweile trieb mich etwas anderes an. Zum Beispiel der Gedanke, dass ich zu wenig arbeiten könnte. Schließlich gab es Menschen, die mich mit ihren Spenden unterstützten. Ich verglich mich mit anderen Vollzeitlerinnen und Vollzeitlern und war unangenehm berührt, wenn sie mehr Termine hatten, mehr Zeit im Büro verbrachten, weitere Wege fuhren und einen größeren Aktionsradius hatten als ich. Andererseits machte es mich stolz, wenn mein voller Terminkalender bestaunt wurde, wenn ich mehr Stunden arbeitete als andere und weiter herumkam als sie. Niemand war dafür verantwortlich, dass ich so empfand. Ich selbst war mein schlimmster Sklaventreiber.

Ohne es zu merken, hatte ich begonnen, mich über das zu definieren, was ich leistete. Mein Selbstwertgefühl hing davon ab, was ich produzierte und ob ich für irgendwen oder irgendwas ‚nützlich’ war. Meine Liebe zu Jesus dagegen schien bei dem, was ich tat, nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Drei Leidenschafts-Killer

Diese Krisen, in denen ich kurz anhalte und mich selbst hinterfrage, habe ich seitdem immer wieder. Es sind oft Phasen der Erschöpfung, in denen mir klar wird, dass von meiner ursprünglichen Leidenschaft so gut wie nichts übrig geblieben ist. In diesen Momenten, in denen ich fast zwangsläufig zur Ruhe komme, stelle ich mir die Frage: ‚Wie konnte es dazu kommen, dass meine Leidenschaft derartig abgenommen hat?’ Ich persönlich stoße immer wieder auf drei Ursachen:

1. Ziellosigkeit: Als ich enthusiastisch in die Jugendarbeit stürmte, hatte ich ein klares Ziel vor Augen. Ich wollte, dass die Jugendlichen, die zu meiner Jugendarbeit gehörten, Jesus kennen lernten, so wie ich ihn kennen gelernt hatte. Sie sollten verstehen, wie sehr er sie liebte, und nicht anders können, als ihn zurückzulieben. Ich hatte begriffen, dass Jesus sich nichts sehnlicher wünschte als das. Und ich hatte mich total mit seinem Anliegen identifiziert und versuchte, ihm diesen Wunsch zu erfüllen.

Heute arbeite ich nicht mehr auf lokaler sondern überregionaler Ebene. Ich habe nicht mehr eine konkrete Gruppe von Jugendlichen als Ziel meiner Bemühungen, sondern ‚die junge Generation’. Aber auch hier treibt mich dieses Ziel an – wenn ich es vor Augen habe. Ich bin davon überzeugt, dass Jesus der jungen Generation ein unglaubliches Angebot macht, und dass er möchte, dass ich – zusammen mit vielen anderen – ihnen dieses Angebot überbringe. Ich merke, wie mich Leidenschaft packt, wenn ich realisiere, worum es bei meiner Arbeit geht. Umgekehrt verkommt mein Beruf zum ‚Job’, wenn ich das Ziel aus den Augen verliere. Und das führt zu den anderen beiden Leidenschafts-Killern.

2. Routine: Dass ich meinen Beruf ‚erfolgreich’ (was immer das in meinem Metier heißt) ausübe, hat zu einem gewissen Teil mit meiner Begabung zu tun. Wie das Wort ‚Gabe’ schon sagt, handelt es sich hierbei um etwas, für das ich nichts kann. Zu einem anderen Teil hängt der ‚Erfolg’ meiner Arbeit von einem gewissen handwerklichen Geschick ab: Sprache ist ein Handwerk, das man lernen kann und in dem man sich weiterbilden muss.

Die Gefahr der Routine besteht darin, dass ich, wenn ich das Ziel aus den Augen verliere, die vor mir liegenden Aufgaben leidenschaftslos abarbeite und mich dabei auf mein Handwerk verlasse. Das ist ganz leicht. Ich bin immer noch in der Lage, Zuhörer zu beeindrucken. Und verrückter Weise lässt Gott sich nicht davon abhalten, dadurch zu wirken und sogar Wunder zu tun. Derjenige, der hierbei den größten Schaden davonträgt, bin ich selbst. Ein routinierter, leidenschaftsloser Dienst für Jesus höhlt denjenigen aus, der ihn tut. Wer in diese Sackgasse eingebogen ist, hat großes Glück, wenn er krank wird und Zeit zum Nachdenken findet.

3. Leistungsdruck: Eine andere Folge von Ziellosigkeit. Wer nicht mehr nach vorne schaut, schaut zur Seite. Und neben sich entdeckt er die anderen Arbeiterinnen und Arbeiter für Jesus. Was liegt da näher, als sich miteinander zu vergleichen und imaginäre Hierarchien aufzustellen? Leistungsdruck hat eher selten seine Ursache in fordernden Vorgesetzten oder unzufriedenen Gemeindemitgliedern. Häufiger ist es meine mangelnde Selbstachtung oder mein fehlgeleitetes Pflichtgefühl oder meine Profilneurose, die mich antreiben. Die Sklaventreiber sind in uns, nicht um uns herum. Ich stelle mir meinen persönlichen Sklaventreiber als einen Fahrrad fahrenden Preußen vor, der aus lauter Pflichtgefühl und Geltungsbedürfnis nicht aufhören kann zu radeln.

Um die Leidenschaft bei von Leistungsdruck geplagten Menschen wieder neu zu entfachen, hilft nur eines: Entspannung. Auch wenn ein deutsches Sprichwort uns einschärft: ‚Müßiggang ist aller Laster Anfang’. Sehr viel häufiger ist es die Überlastung, die der Anfang aller Laster und der Killer jeder Leidenschaft ist. Wer überlastet ist, greift zu zweifelhaften Seelentröstern, zu denen auch bei christlichen Vollzeitlerinnen und Vollzeitlern nicht selten Alkohol und Pornografie gehören.

Der Verlust der Leidenschaft für das, was wir tun, beginnt da, wo wir Jesus aus den Augen verlieren. Wer erkennt, dass Jesus sie oder ihn liebt, kann nicht anders, als ihn zurückzulieben. Wer Jesus liebt, kann nicht anders, als das leidenschaftlich zu wollen, was er will.

Glaube, Spiritualität, Aktivismus

In einem kürzlich veröffentlichten Blogpost schreibt Waldy(Schrotty) über das Thema "Wie kann ich geistlich fit bleiben?" .

Das Thema ist aktuell. Für viele. In vielen Gemeinden ist es leicht, in den Aktivismus mit hineingenommen zu werden. Schon bei Eintritt in die Mitgliedschaft wird darüber sinniert, was denn die Gaben (oft mit Begabungen verwechselt) sind, und an welchen Stellen sie denn in Form von Mitarbeit eingebracht werden können. Es geht im Wesentlichen um Aktivitäten.

Gerade in der heutigen Zeit ist aber wichtig, dass der spirituelle Aspekt wieder entdeckt und als Alternative zur Hektik der Umwelt gelehrt und gelebt wird.
Doch scheint mir irgendwie, dass Gemeinden so sehr verlernt haben, Spiritualität wirklich zu leben und zu vermitteln, dass man streckenweise wieder ganz von unten anfangen muss, das Thema neu zu entdecken. Vieles ist im Alltag der Gemeinde verschüttet worden.

Vor einiger Zeit habe ich selbst einen Kommentar-Artikel zu Gofi Müllers "Was Leidenschaft killt" geschrieben. Aber irgendwie war ich zu der Zeit selbst noch in einer Denk-Falle, denn die angesprochene Problemlösung scheint mir heute einfach nicht weit genug zu gehen.

Es muss viel stärker thematisiert werden, was Schrotty im Titel eines anderen Artikels ausdrückt: "Meine Zeit für Gott ersetzt niemals die Zeit mit Gott...".

Ich wünsche mir sehr, dass das Problem des Gemeinde-Aktivismus und von "Mitarbeiter statt Mitbruder" stärker angesprochen und bewußt angegangen wird. Mein Empfinden ist: So wie es jetzt ist, geht es nicht weiter.

Leider ist es so, dass wenig konkrete Hilfe für den Umgang im Alltag gegeben wird. Deine Spiritualität ist deine Privatsache. Und wenn du dann wirklich am Rande der (geistlichen) Erschöpfung stehst und denkst: "Bitte kein weiterer Termin, keine weitere Projektgruppe, Planungsrunden, Arbeitskreistreffen, Konferenzbesuche ...", oder auch lediglich "bitte keine weitere Andacht, Predigt, Bibelarbeit, Artikel, vorbereiten müssen...", dann hat jemand genau die Lösung für dich parat:
"Fahr doch einfach einmal ein paar Tage auf eine Einkehrfreizeit! Danach geht es dir bestimmt wieder besser".

Für das geistliche Leben gilt aber das Gleiche wie für den Herzinfarkt: Reha und Weitermachen wie bisher ist nicht die Lösung.

Der Lebensstil muss sich ändern. Einschneidend ändern. Aber auch das Umfeld, muss eine neue, gesunde Haltung mitentwickeln. In einer Umgebung, in der die fromme Fassade, das heile Image, mehr zählt, als der wahrhaftige Umgang mit den Problemen des Glaubens, wo der Einzelne an seinem Output bewertet wird und nicht mehr als Mensch an sich wahrgenommen wird, kann man sich keine Schwäche leisten.
In einem Umfeld in der hektischer Aktivismus, fettiges Essen und Alkohol weiterhin vorherrscht, ist der nächste Herzinfarkt vorprogrammiert.

Schafft eine Gemeinde jedoch den Schwenk dahin, als Gemeinschaft den Einzelnen wieder zu tragen, seines und allgemein das geistliche Leben wieder zu fördern und zum Hauptziel zu machen, wird eine seelsorgerliche Grundatmosphäre aufgebaut und geistliches Leben wieder als das Wesentliche der Gemeinschaft (der Menschen und mit Gott) erfahren.

Die Sehnsucht des Menschen geht dahin, geliebt zu werden und nicht bewertet. Liebevolle Annahme ist das wesentliche Element, was z.B. eine positive Eltern-Kind-Beziehung ausmacht. Ein Vater soll sein Kind nicht nach seinen (z.B. schulischen) Leistungen beurteilen. Das Kind sehnt sich nach der bedingungslosen Liebe, die tiefer geht. Die über die Äußerlichkeiten hinausgeht.

Von der Kanzel predigen wir gerne, dass Gott der Vater uns in dieser Weise liebt und annimmt. Und doch spricht das Leben auch in Gemeinde oftmals eine andere Sprache. (Es muss nicht gleich in Lieblosigkeit ausarten, Vernachlässigung dieses Prinzips reicht schon).
Die Wahrheit dieser Worte kann aber nur im tatsächlichen Miteinander der Menschen, die diese Worte predigen, als heilsame Wirklichkeit erfahren werden.
Wer Gottes Liebe und Güte predigt und nicht liebevoll und gütig mit sich selbst umgeht, macht sich und seine Lehre unglaubwürdig. Und gerade Leiter von Gruppen stehen da nicht nur für sich, sondern für die Gemeinschaft, die sie repräsentieren.

Ich glaube einfach, dass das Erleben dieser spirituellen Form von Gemeinschaft weitaus mehr nach Außen wirkt, als es die vielen Programme, Aktionen und Projekte tun. Ich habe ganz stark den Verdacht, dass die Menschen mit denen wir in Kontakt kommen, viel weniger an unseren "Angeboten" interessiert sind, und viel mehr Wert auf die Wahrnehmung des christlichen Wesens legen. Sie wollen wissen "wer bist du", und nicht "was machst du".
Sie wollen sehen "wie lebst du", und nicht "was sagst du".

Denn die Grundfrage ihres Lebens ist auch nicht: Was kann ich sagen und tun?
Die Grundfrage des Lebens ist: Wer darf ich sein, wie kann ich leben?

Hier fällt mir gerade der Klassiker "Haben oder Sein" von Erich Fromm ein. Aber in heutigen Gemeinden geht es nicht mehr um das Haben, als vielmehr um das Tun, was dem Sein im Wege steht.

2008-01-24

Gemeinde - ein unsterblicher Organismus?

Letzten Samstag hatte ich mit meinem Freund Wolle ein interessantes Gespräch über das Thema Jugend und Gemeinde. Im Allgemeinen spezialisiert sich so ein Gespräch ja schnell auf Jugend-Gottesdienst und Gemeinde, aber in diesem Fall blieben wir auch auf der globaleren Ebene.

Mein Freund äußerte die -schon von mehreren Seiten gehörte- Meinung, dass Jugend in die Gemeinde voll integriert sein müsse. Es könne nicht sein, dass sich die Jugend von Gemeinde abkoppelt und möglicherweise sogar eine eigenständige Jugendkirche bildet.

Nun, ich hatte in diesem Gespräch eine andere Sichtweise eingenommen, und möchte die Fragen und Thesen, die sich aus dieser etwas anderen Perspektive ergeben, hier einmal stellen.

  1. Der Ansatz, dass Jugend unbedingt in die bestehende Gemeinde(-tradition) eingebunden werden müsse, kann auf der Angst aufgebaut sein, meine Gemeinde könne eines Tages überaltern und sogar aussterben. Dieser Gedanke wird von Katastrophengefühlen begleitet. So ungefähr, als wenn der einzige Sohn die Traditionsfirma nicht mehr weiterführen will (ein typisches Pilcher-Thema ;-) ).
  2. Die Frage ergibt sich aber, inwieweit die Entstehung einer neuen Gemeinde und das Sterben einer alten überhaupt eine "Katastrophe" darstellt? Was genau ist an dem Gedanken so "schrecklich"?
  3. Mit welcher Berechtigung erwarten wir eigentlich, dass unsere Gemeinde X als Organisation/Institution ein "ewiges Leben" am Ort besitzt?
    Treffen aus Sicht des Organismus' auf eine Stadt, in der mehrere Gemeinden als neue "Zellen" entstehen sollen (so die missionarische Vision) nicht auch die organischen Gesetzmäßigkeiten zu, dass alte Zellen sterben?
  4. Ist der Versuch, unbedingt die eigene Gemeinde am Leben zu halten nicht eventuell sogar im Widerspruch zu der umfassenderen Sicht des Leibes Christi?
    Heißt: Müssten wir nicht eher daran interessiert sein, dass an unserem Ort möglichst viele Menschen den Christus als ihren Herrn annehmen und ein geistliches Zuhause in einer Gemeinde finden, auch wenn diese nicht die unsere ist?
    Und ist das Bestreben, gerade auch Jugendliche in genau unserer Gemeinde zu halten, nicht gerade kontraproduktiv, wenn sie als Alternative dann in gar keine Gemeinde gehen und sich nicht nur von der Gemeinde, sondern vom Glauben abwenden, weil wir beides nicht sauber getrennt bekommen?
  5. Wenn ich also mit einer umfassenden Sicht des Leibes Christi am Ort an die Thematik herangehe, ist das Altwerden und Aussterben einer konkreten Gemeindeinstitution bei weitem weniger dramatisch, als die Tatsache, dass die Stadt als solches immer gottloser wird.
Wenn ich auf solche Weise argumentiere, dann kann es leicht so klingen, als würde ich mich dafür stark machen, dass die Jugendlichen unserer Gemeinde ausziehen und eine eigene Gemeinde gründen.

Dies ist nicht der Fall. Natürlich ist es weitaus wünschenswerter, dass wir als Gemeinde es schaffen, eine Integration zu erreichen und quasi einen weichen Übergang auf die nächste Generation zu ermöglichen. Uns von innen her zu erneuern. Es ist einfach angenehmer, wenn es einfach so weitergeht, wie bisher. Wir werden alt, die Jungen bekommen Kinder, die gehen dann in die Sonntagschule usw. usw. . Natürlich ändern sich manche Dinge, aber die Gemeinde als solche bliebe erhalten.

Diese Sicht darf aber nicht dazu führen, dass wir
  1. die Augen davor verschließen, dass dies aus verschiedenen Gründen möglicherweise nicht gangbar ist. Dass es einfach so nicht funktioniert.
  2. unseren Wunsch als einzige Alternative sehen und es dadurch versäumen, andere Optionen und Perspektiven, die ebenfalls vorhanden sind, auch in den Blick zu nehmen und ihren Wert für das Fortbestehen des Leibes Christi(!) abzuwägen.
Was mich am Meisten dabei beschäftig ist, dass unser Gemeindebund ja die Vision hat "100 neue Gemeinden in 10 Jahren" zu gründen.

Teilen wir eigentlich diese Ansicht? Tragen wir selbst diese Vision im Herzen? Für Duisburg?

Und: Denken wir nicht im Stillen, diese neuen Gemeinden müssten von allein aus dem Boden schießen und strukturell und inhaltlich quasi Klone unserer Gemeinde sein?

Wer hat bei dieser Vision den Gedanken, dass eine neuzugründende Tochtergemeinde möglicherweise ganz anders sein könnte, als wir es -historisch gewachsen- sind.
Wer hat bei dieser Vision den Gedanken, dass es uns als Gemeinde betrifft, und dass wir selbst möglicherweise auf einige Leute/Mitarbeiter verzichten müssten, damit diese für eine solche Gründungsaufgabe frei werden?

Was wäre, wenn unsere Jugendlichen tatsächlich ein eigenes Gemeindeprojekt beginnen würden, und diese Arbeit tatsächlich wächst? Und wächst? Und... ?
Während wir als Gemeinde weiterhin die Altersgruppe der Eltern zu erreichen suchen und vielleicht weniger wachsen ...

Was wäre eher in Gottes Sinne?

Dies, oder der Stillstand, die Stagnation und letztendlich doch Regression des Reiches Gottes am Ort?

2008-01-08

Ockham's Rasiermesser - ein Morgengedanke

Gestern habe ich mal wieder zum Thema Dawkin's Gotteswahn auf Brian Trapps Blog geschaut, und bin in einem Kommentar zu einen Starglider-Artikel auf folgendes Statement gestoßen:

I'm afraid Ockham is much misused in this way. People tend to forget that the Razor is simply a tool to use when we are looking for the best explanation of some known facts (or, at the very least, some agreed-upon facts).

Und hier kommen wir an einen wichtigen Punkt, wenn es um Ockham's Rasiermesser geht.

Auf der gelinkten Wikipedia-Seite sind ja schon Gegenpositionen benannt, wie z.B. „es ist sinnlos mit weniger zu tun, was mehr erfordert“.
Das Problem bei der Anwendung von Ockham's Rasiermesser ist nämlich, dass es nur zu einem gegebenen Zeitpunkt mit dem gegebenen Daten-Wissen zu einer für diesen Moment adäquaten Theorie führen kann.

Das beste Beispiel dafür ist die Quantentheorie, die sowohl den Wellen- als auch Teilchencharakter der Materie berücksichtigt, um beobachtete Phänomene zu erklären. Diese Theorie ist sehr komplex und führt eine Menge von Entitäten bzw. Begrifflichkeiten ein, geht an die Grenze des Vorstellbaren.

Konsultieren wir nun die Wikipedia-Seite zur Geschichte der Atommodelle, so finden wir dort die Entwicklung der Vorstellung über das Wesen der Materie, die nach und nach immer komplexer wurden.

Einen speziellen Punkt greife ich einmal heraus:

Daltons Atomhypothese (1803)

  1. Materie besteht aus kleinsten kugelförmigen Teilchen oder Atomen.
  2. Diese Atome sind unteilbar und können weder geschaffen noch zerstört werden.
  3. Alle Atome eines chemischen Elements sind untereinander gleich, sie unterscheiden sich nur in der Masse von Atomen anderer Elemente.
  4. Diese Atome können chemische Bindungen eingehen und aus diesen auch wieder gelöst werden.
  5. Das Teilchen einer Verbindung wird aus einer bestimmten, stets gleichen Anzahl von Atomen der Elemente gebildet, aus denen die Verbindung besteht.

Gegenargumente für Daltons Theorie waren jedoch z.B. das elektrische Aufladen von Atomen, welches die Teilbarkeit der Atome voraussetzt.

Meist wurden Atome als feste Kugeln angenommen. Dies änderte sich erst, als Joseph John Thomson 1897 das Elektron entdeckte, dieses wurde 1874 erstmals von George Johnstone Stoney vorausgesagt und 1891 namentlich benannt.

Nehmen wir an, in einem Winkel der westlichen Welt wären zu diesem Zeitpunkt unabhängig von dieser Entwicklung die bekannten Quantenvertreter, wie Heisenberg, Schrödinger und wer auch immer auf den Plan gekommen, und hätten parallel zu Dalton und seinen Kritikern die Kopenhagener Deutung präsentiert.

Die Reaktion auf die Quantenvertreter aber wäre gewesen:
  • Auslachen
  • Verärgerung und Empörung
  • Verwirrung und Kopfschütteln
Ganz allgemein: Unverständnis und Ablehnung, und das höchst wahrscheinlich mit dem Hinweis auf Ockham's Rasiermesser. Viel zu komplex, unnötig komplex.

Hier wird aber deutlich: Die momentan empfundene unnötige Komplexität einer Theorie, und die momentane Genügsamkeit, die man einem einfacheren, scheinbar "eleganteren" Modell gegenüber empfindet, sind in keinster Weise ein Merkmal für eine gesichertere Wahrheit. Sie können nur Hinweise darauf sein, welches Modell für eine gewisse Problemstellung als besser handhabbar zu bevorzugen ist.

An dieser Stelle verliert dann das Argument Dawkins', dass Gott nicht existiert, weil die Annahme seiner Existenz eine unnötige Komplexität in die wissenschaftlichen Theorien bringen würde, wohl einiges an Kraft.