2009-11-18

Stilblüten ...

Mir ist gerade eben beim Aufräumen ein altes Buch in die Hände gefallen, das sich auf christlicher Basis mit Hilfen für Gemütskranken beschäftigt. Neben so manchen durchaus richtigen und wichtigen Aussagen sind in dem Buch jedoch auch etliche Plattitüden, indifferente Aussagen und Vereinfachungen und Vermischungen zu finden.

Am Interessantesten sind jedoch ein paar Beispiele wirklich schlechten Schreib- und Denkstiles.

So schreibt der Autor:

Wenn wir nach der Ursache der Melancholie forschen, wissen die Kranken oft nichts Bestimmtes anzugeben. Bei einer nicht geringen Zahl setzt die Schwermut ohne jeden erkennbaren Grund ein. Häufig gibt der Kranke jedoch ein bestimmtes Erlebnis an, ...
Na was ist denn nun der häufige Fall? Die Unbestimmtheit, oder die Bestimmtheit?

Mit zunehmender Besserung schwächen sich die krankhaften Erscheinungen mehr und mehr ab.
Nun, das ist quasi eine Nicht-Aussage, da das Abnehmen krankhafter Erscheinungen wohl genau die Definition von zunehmender Besserung ist.

Da die Melancholie eine organisch bedingte Krankheit ist, deren Ursache bis heute noch nicht genau erklärt werden konnte...
Frage: Wie kann man die organische Bedingtheit behaupten, wenn doch die Ursache ungeklärt ist? Oder ist "organisch bedingt" nicht eben die Darstellung einer Ursache?
... während er im depressiven Stadium aufgrund seiner Entschlußunfähigkeit und geistigen Schwerfälligkeit von sich aus seine Stellung aufgibt ...
Verwirrend: Wie kann Entschlußunfähigkeit mit dem aktiven Treffen eines Entschlusses in einem Satz genannt werden?

Nun, wie gesagt, das Buch ist schon älter. Aber es ist durchaus ein Symptom für die Art, wie leider manchmal immer noch argumentiert und publiziert wird. Wenn gerade auch in heutiger, in wissenschaftlichem und logischem Denken trainierter Kultur auf solche mit logischen Stilblüten gespickte Weise argumentiert und gelehrt wird, wird verständlich, warum Christen auf entsprechenden Schauplätzen nur schwer Gehör finden.
Mit tut so etwas immer irgendwie weh.

2009-10-13

Debatte um Emerging Church, Postmoderne und relative Wahrheit

Vor Kurzem ist mir ein bedenkenswerter Aspekt in unseren Diskussionen um Emerging Church, Postmoderne und die Kritiken daran aufgefallen, und den versuche ich hier einmal zu formulieren.

Oft drehen sich Diskussionen um das Für und Wider der Emerging Church um das Thema der Abkehr von absoluten Wahrheiten, um den Relativismus. Die Frage, die die Debatten bestimmt, lautet dann meist: "Können wir eine Relativierung der Wahrheit dulden?" . Und oft werden Gespräche auf der Grundlage geführt, Emerging Church sei zwangsläufig ein Vertreter des Relativismus, da sie sich "Kirche für die Postmoderne" als Etikett anklebt. Entsprechend, sei die logische Folgerung: Wenn ich den Relativismus ablehne, muss ich also auch die Emerging Church ablehnen.

Ein weiterer Denkfaden in der Diskussion ist dabei, dass es darum gehe, eine Entscheidung für Relativismus oder Absolutismus zu treffen, und entsprechend sich für oder wider die Postmoderne, und damit für oder wider Emerging Church zu entscheiden.

Meiner Ansicht nach geht diese Diskussion aber völlig am Kern der Sache vorbei.

Um diese Ansicht zu erläutern muss ich ein wenig ausholen.

Wir leben in einer Zeit, die wir gut und gerne als das Informationszeitalter bezeichnen können. Information und Wissen ist multimedial überall präsent. Das allgemeine Bildungsniveau, obwohl oft beklagt, ist geschichtlich gesehen heute immens hoch.
Konnte man in früheren Zeiten sagen, dass die Menschheit entweder eine Sache X wusste oder nicht wusste, dann konnte man nur noch darüber reden, ob die Sache X in der Schule unterrichtet wurde oder nicht.
Wissen oder Nichtwissen, das waren die Alternativen. Debatten über Sachverhalte wurden in elitären akademischen Zirkeln geführt, und nur Ergebnisse wurden zum Allgemeingut.

In jüngerer Zeit haben wir jedoch immer mehr einen Zustand erreicht, in dem wir es nicht mehr mit ("gesichertem") Wissen zu tun haben, sondern mit Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Das Erleben, dass z.B. die Quantenphysik unsere Alltagserfahrung auf den Kopf stellt, wird zum schulischen Unterrichtsstoff. Debatten über wissenschaftliche Sachverhalte werden öffentlich diskutiert. Medien machen Debatten in Form von Podiumsdiskussionen allgemein zugänglich, Internet und Buchdruck haben sich von reiner Wissensvermittlung in Debattenplattformen verwandelt.

Ein Heranwachsender, der sowohl mit der neuen Bildung, den neuen Medien als auch eben mit dem Erleben dieser Debattenkultur heranwächst, steht nun vor der Herausforderung, diese teilweise konträren Informationen einordnen zu müssen.
Da ist zum Beispiel die Atheismusdebatte, die gerne auch auf dem Boden der Evolutionstheorie ausgetragen wird.
Und der junge Mensch wird nun mit einer Fülle an offensichtlich schlüssigen, logischen Argumenten angefüllt. Offensichtlich, bis die Gegenseite mit einem System ebenso schlüssiger und logischer Argumente antwortet. Welche sich im Rahmen von wiederum schlüssiger und logischer Konterargumenten als vielleicht nicht ganz so logisch und schlüssig herausstellen. Und so weiter und so weiter.

Der junge Mensch will aber letztlich einfach leben und an dieser Gesellschaft teilhaben. Da offensichtlich aber keine der beiden Seiten ohne weiteres erkennen lässt im Unrecht zu sein und die andere somit automatisch im Recht wäre, ist er gezwungen, eine Entscheidung zu treffen.

Diese sieht zunehmend so aus, dass er sich der Seite anschliesst, die ihm irgendwann als die Schlüssigere erscheint; als die, mit der er sich wohl fühlen kann. Die ihm intuitiv "passend" oder "stimmig" zu sein scheint. Die irgendwo "authentisch" klingt.
Und danach entscheidet er sich, an keiner weiteren Debatte mehr teilzunehmen. Schluss mit dem Hin und Her, sollen sich andere die Köpfe heiß reden, während ich zufrieden meinen Lebensweg gehe.

So kommt es, dass sich Egon auf die eine Seite stellt, und fertig. Und Hugo stellt sich auf die andere Seite, und gut ist. Jetzt haben die beiden aber ein Problem, wenn sie aufeinandertreffen. Sollen sie nun ihre Seite vertreten und in eine Debatte einsteigen? Nun, beide haben irgendwann festgestellt, dass alle Debatten irgendwo zu keinem klaren Ergebnis führen, und haben sich entschieden, keine ernsthaften Debatten mehr zu betreiben. Beide sind sich der Unfertigkeit und Beliebigkeit ihrer eigenen Einstellung bewusst, und lassen sich daher gegenseitig in ihrer Ansicht stehen. Wenn der Andere mit seiner Entscheidung glücklich ist, soll er es sein, ich bin es auch.

Aus diesem Erleben also kommt es zur Relativierung von Wahrheitsansprüchen. Selbst die Seite, die mich letztlich überzeugt, kann nicht den Anspruch erheben, fehlerfrei und kritiklos wahrhaftig zu sein. Sie ist lediglich für mich irgendwo einsichtiger, "authentischer" als die andere, mehr nicht. Also gibt es keine absolute Wahrheit. Nichts, von dem ich glaube, dass ich den anderen damit letzlich wirklich überzeugen könnte, oder er mich.

In diesem Umfeld also leben wir, und wir treffen als Gemeinden auf eine Gesellschaft, in der immer mehr dieses Erleben Raum findet.

Die Frage ist also gar nicht, ob wir als Gemeinden Postmoderne gut finden, und ob wir den Relativismus gut finden. Er ist da. Als Teil unserer Gesellschaft. Punkt.
Die Frage ist ganz einfach: Wie gehen wir damit um? Und weiter:
Wie gehen wir damit um, im Kontext eines Missionsauftrages, der uns auffordert, die Botschaft auch (und gerade) in diese Gesellschaftsbereiche zu tragen?

Einfach hinzugehen und zu sagen: "Du liegst falsch, du hast nicht recht mit deinem Weltbild" funktioniert nicht. Dem anderen zu sagen: "Dein Relativismus stimmt nicht, aber ich kann dir etwas von der wirklich wahren Wahrheit erzählen", funktioniert wohl auch nicht. Zu sagen: "Komm wir reden über dein Weltbild und ich bringe dir überzeugende Argumente für meines" funktioniert aus obigem Kontext heraus zwangsläufig erst recht nicht! Also was?

Die Emerging Church kann für uns insofern ein Leitbild sein, dass sie auf die postmoderne Kultur und ihr Wesen hinweist, sie quasi darlegt.
Sie versucht uns zu erläutern, wie diese Generation/Kultur denkt, wie sie empfindet. Und sie kann insofern ein Leitbild sein, dass sie die richtigen Fragen an dieser Stelle stellt. Sie versucht herauszufinden, wie denn diese Generation/Kultur denn anzusprechen ist.

Zusammengefasst: Die Frage "ob" oder "ob nicht" geht am Problem vorbei, denn wir haben in dieser Hinsicht viel weniger Optionen, als wir denken, bzw. unsere Optionen sehen ganz anders aus, als wir meinen.
Die Frage ist vielmehr "wie?" - "Auf welche Weise?". Und es wird Zeit, dass wir uns dieser Frage langsam aktiv zuwenden. Es wird Zeit, dass wir uns um Antworten kümmern, die auch passen.

2009-10-02

Postmodern oder einfach nur "da"

Wenn man sich mal wieder in die Debatte um die Emerging Church auf manchen Blogs einliest, so wird ein interessantes Phänomen sichtbar.

Während die einen die Postmoderne beschreiben, und damit auch ihre Sicht der Kirche in der Gesellschaft, bezweifeln andere, wie Sebastian Heck, dass es die Postmoderne überhaupt gibt.
Letztlich kommt man zu der Aussage, dass zumindest die Postmoderne in Deutschland nicht wirklich angekommen ist, und dass Frankreich die Thesen der Philosophen sowieso bereits längst überwunden hat, während in unsere Kirchenwelt nun wieder stark verzögert die Welle aus Amerika rüberschwappt.

Da wird dann über Derrida und Lyotard debattiert, usw. usw.

Dabei scheint mir aber zu sehr die Frage nach dem "Nächsten" (personal gemeint) verdeckt zu werden. Mal ehrlich: Meine Arbeitskollegen, meine Kinder, die Freunde meiner Arbeitskollegen und meiner Kinder ... wo findet man denn jemanden, der Lyotard und Derrida gelesen hat? (Geschweige denn, verstanden).

Damit gehen Debatten völlig an dem eigentlichen Hintergrund vorbei.

Wichtig ist doch einzig und allein die Fragen zu stellen:
  • Wie denkt, wie empfindet, wie erlebt der zeitgenössische Mitbürger in meiner persönlichen Umgebung die Welt?
  • Und wie denke ich, empfinde ich, erlebe ich als Christ und Teilnehmer der Gesellschaft meine persönliche Umgebung, meine Mitmenschen und die Welt?
Rechne ich der christlichen Botschaft einen Wahrheitsgehalt zu? Wenn ja, wie gehe ich dann damit um? Was macht das mit mir? Was mache ich mit meiner Umwelt?

Diese Antworten können nun aufgrund persönlicher Unterschiede und aufgrund von Millieufragen ganz unterschiedlich beantwortet werden. Aber beantwortet werden müssen sie. Und zwar so, dass eine Authentizität zwischen Denken, Reden und Handeln entsteht.

Wenn ich mit dem Blick auf den Nächsten in meiner Umgebung an das Thema Glaube herangehe, dann trete ich in Beziehung. Dann stelle ich Fragen, höre zu, und setze mich auseinander. Versuche Antworten zu finden.

Dann ist es mir aber eigentlich völlig egal, was irgendwelche Philosophen denken oder gedacht haben. Sollten philosophische Prägungen für die Denkweise meines Gegenübers verantwortlich sein, sind sie sowieso unbewusst und tief verborgen. Was zählt, ist die Erfahrung, die jeder mit seiner "Philosophie" im täglichen Leben macht. Und da kann man hinterfragen, ob diese etwas taugt oder nicht.

Wollen wir den Glauben an unsere Mitmenschen in unserem Umfeld weitergeben, so ist letztlich egal, ob diese das Etikett "postmodern" zu recht oder zu unrecht aufgeklebt bekommen. Ob sie "postmodern" sind oder nur "ziemlich postmodern" oder gar nur "im Ansatz postmodern". Was soll's?

Was wir von der Emerging Church -oder: mir gefällt ja Emerging Conversation auch besser- lernen können, ist in jedem Fall die offene Akzeptanz des Anderen, die überhaupt in die Lage versetzt, frei und offen mit dem anderen zu reden, ohne ihn gleich vor den Kopf zu stoßen.

Und was wir lernen können ist, die eigene Position auch immer wieder kritisch zu hinterfragen, und mit seinen Erkenntnissen demütig und veränderungsbereit zu bleiben.

Zuguterletzt können wir dann lernen, auf den anderen und seine Lebenswelt einzugehen, Bezug zu nehmen, wenn wir das Evangelium verkünden. Aber das ist letztlich alter Tobak, den uns Missionare schon längst hätten beibringen können.

2009-09-28

Gemeinde in der Gesellschaft und die Politikverdrossenheit

Inkarnatorische Gemeinde, Relevanz in der Gesellschaft.

"Ich bin sicher, dass sie das Richtige ankreuzen" sagte unser Pastor letzten Sonntag im Gottesdienst.

Heute lese ich einen Artikel, und darin wird von "inkarnatorischer Gemeinde" gesprochen. Gemeinde im kulturellen und sozialen Kontext.

Während sowohl in Schulen als auch bei Parteien eine sog. Politikverdrossenheit beklagt wird, drücken es gerade auch jüngere Bundesbürger konkret aus, was sie empfinden: Bei all dem unsachlichen Werberummel, gegenseitige Beschuldigungen, eigenen Versprechungen, die mal gehalten werden und mal nicht, politischem Um-den-Brei-herumreden und Polit-Skandalen...
Wem sollte man denn seine Stimme geben?

Die politische Landschaft ist unübersichtlich geworden. Vom Normalbürger eigentlich nicht mehr zu durchschauen.

Gleichzeitig wird der Ruf in Kirchen laut, wieder mehr Teil der Gesellschaft zu werden, sich auch auf seine Bürgerpflichten, gerade auch als Christ, zu besinnen.

Meine Frage, leider mal wieder viel zu spät, ist: Inwieweit machen wir denn als Gemeinden eigentlich in dieser Hinsicht ernst?

Geben wir unseren jungen Leuten, oder auch den verdrossenen nicht-mehr-so-jungen Menschen in unserer Gemeinde, Informationen an die Hand? Geben wir ein Leitbild?

Letzlich bleibt in Gemeinde jeder sich selber überlassen, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen. Und damit kommt es häufig zur Nicht-Entscheidung.

Wenn es Kirchen und Gemeinden so wichtig ist, dass Gemeindeglieder ihre Bürgerpflicht wahrnehmen, wenn es ihnen ebenso wichtig ist, aufgrund christlicher, biblischer Grundlage Einfluss auf die politische Landschaft zu nehmen, wieso gibt es dann keine Infoveranstaltungen zu den Parteiprogrammen?
Wieso muss man ausschliesslich für sich selbst einen Wahlomaten bemühen?

In Gemeinden findet man leichter ein Public-Viewing zur Europameisterschaft als Politic-Informing zur Europawahl.

Wohlgemerkt: Ich rede hier nicht davon, dass Gemeinde Manipulation betreiben soll und auf die Wahl einer bestimmten Partei durch die Gemeindeglieder hinwirken soll. Jeder soll weiterhin eigenständig seine Entscheidung treffen.

Es geht vielmehr darum, dass den (jungen) Teilnehmern am Gemeindeleben durch diese Art von Veranstaltung der Bezug zwischen Gemeinde und Gesellschaft, zwischen Glauben und Alltag, zwischen Christ-sein und Bürger-sein erfahrbar nahe gebracht wird.
Darum, dass durch einen gemeinsamen Austausch, durch Gespräch über gesellschaftliche Themen, die uns alle direkt betreffen, auch ein Hintergrundwissen vermittelt und Entscheidungshilfen an die Hand gegeben werden.

2009-09-09

Lehrer, Aufmerksamkeitsdefizit und Frontalunterricht

Gestern abend gab es einen interessanten Beitrag im Fernsehen, in dem eine junge Hauptschullehrerin bei der Arbeit beobachtet und begleitet wurde.

Man berichtete von den vielen sozialen Problemen, die sie als Lehrerin neben der Vermittlung des Unterrichtsstoffes noch zu meistern habe. Davon, dass 36 Prozent der Klasse nicht richtig deutsch sprechen, und daher manche Aufgaben im Deutschunterricht von ihnen nicht zu bewältigen sind. Von den Aufmerksamkeits- und Verständnisschwächen im Bereich mathematischer Aufgaben.

Offensichtlich kam sie mit ihrem Unterricht bei den Schülern an, denn mit viel Mühe und Einsatz versuchte sie, einen abenteuerlichen Unterricht zu gestalten. Durch Anfassen, Sehen von selbstgebastelten Modellen, riechen, schmecken. Gruppenarbeiten, in denen die Schüler selbst gefordert sind, Beiträge zu erarbeiten.

Eine zentrale Aussage war, das die Vermittlung des Unterrichtsstoffs bei den Schülern überhaupt keine Chance hätte, wenn sie den regulären Frontalunterricht durchziehen würde.

Nun frage ich mich: Wenn solche Erkenntnisse im Bereich der Erziehung und Pädagogik doch allgemeines Wissensgut sind, wieso wir glauben, dass wir Menschen mit einem Frontalgottesdienst erreichen können. Durch unsere Gewohnheit, abstrakte Lehren rein verbal durch eine Kanzelpredigt zu vermitteln, haben wir nicht nur diese Generation, sondern auch diese soziale Schicht von vornherein aus der Gottesdienstbeteiligung ausgeschlossen.
Machen wir das eigentlich bewusst? Wollen wir das so?

Eine postmoderne Begegnung

Gestern abend traf ich zufällig in der S-Bahn jemanden wieder, der bei uns in der Gemeinde groß geworden war, jetzt aber außerhalb unserer Stadt studiert. Bei dem Gespräch ging es dann irgendwann auch um das Thema Glauben bzw. Gemeinde.

Interessant war für mich die Aussage: "Ich habe mich am Studienort keiner Gemeinde angeschlossen. Es gibt dort zwar eine, aber ich möchte mit meinem Leben und Glauben erstmal selber klar kommen, und wenn ich möglicherweise sogar mal regelmäßig zu der Gemeinde ginge, würde ich da wahrscheinlich schnell zur Mitarbeit eingebunden. Das kann ich grad gar nicht brauchen, ist aber irgendwie so in unseren Gemeinden."

Ja? Ist das so? Vielleicht. Vielleicht sogar ziemlich sicher, denn unsere Gemeinden klagen ja immer über mangelnde Mitarbeiterzahlen für die ganzen "Arbeitsgruppen" und "Projekte", die so laufen.

Und da fällt mir sofort auf, was mir diffus immer etwas Bauchschmerzen an unserem Gemeindeleitbild bereitet hat:

Wir wollen dazu beitragen, dass Menschen zum Glauben an Jesus Christus finden, ihn als Hilfe für ihr Leben erfahren und engagierte Christen werden
(Hervorhebungen von mir)

Während das Thema Lebenshilfe durchaus ein enorm wichtiger Punkt ist, bleibt die Frage, wie denn das Wort "engagiert" zu verstehen ist.

Engagiert bezeichnen wir meist jemanden, der sich einsetzt. Der Zeit, Geld, Kreativität für eine Sache einsetzt. Für eine Sache einsteht oder gar kämpft. Das Wort "engagiert" kommt also aus dem aktivistischen Bereich. Greenpeace-Aktivisten sind engagiert. Die Gewerkschaft ist engagiert. Autoverkäufer sind engagiert.

Was aber ist ein "engagierter" Christ? Oder was versteht die Allgemeinheit der Gemeindeglieder darunter? Ein Christ --oder besser: ein Gemeindemitglied-- welcher sich als Mitarbeiter in mindestens einem Arbeitsbereich hervortut? Welcher mehrere Abende die Woche mit Gemeindegruppen und Gemeindeterminen verbringt?

Ist das das Bild, was wir den Jugendlichen in unserer Gemeinde vermitteln? Dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Jugendlichen die Gemeinde (sprich: Das Beteiligtsein an einer Gemeinde) verlassen, sobald sie sich vom Elternhaus lösen und womöglich in eine andere Stadt ziehen.

Nicht nur, dass unsere "Gemeindekinder" plötzlich den Kontakt zu einer Gemeinde verlieren. Nein, das funktioniert auch andersherum. Schließlich leben wir in einer Großstadt mit einer Universität, mit Ausbildungsplätzen. Viele Jugendliche kommen hierher, um in das Berufsleben einzusteigen. Sie kommen von außerhalb, haben sich gerade von ihrer Heimatgemeinde gelöst.

Aber kommen sie in unsere Gemeinde? Suchen sie unsere Gemeinschaft? Wohl äußerst(!) selten. So ziehen unsere Jugendlichen aus Stadt und Gemeinde weg, und keine anderen Jugendlichen in die Gemeinde ein. So entsteht der Einbruch der 20+ jährigen in Gemeinde.

Hinzu kommt noch, dass es für Jugendliche in dieser Altersgruppe, die reflektierter und differenzierter mit dem theologischen Gedankengut umgehen, plötzlich nicht mehr so einfach ist, ihre Meinung, Ansichten, Fragen in Gemeinde offen zu äußern. Auch das war kurz Thema in diesem Gespräch. Die Befürchtung, in der Gemeinde am neuen Ort nicht einfach akzeptiert zu sein, wenn man sich als "Christ" bezeichnet und doch mit zweifelhaften Fragen oder "weltlich" geprägten Ansichten auftritt. Als nicht in der Gemeinde geborener kann man da leicht zum Missionsobjekt werden.

Auch hier wieder die Frage: Wie gehen wir als Gemeinde eigentlich mit den Menschen um uns herum um? Welche mentalen Grenzen von "drinnen" und "draußen" bauen wir auf?

Es bleibt der Eindruck, dass offensichtlich Gemeindekinder, die während einer wichtigen Entwicklungsphase Gemeinde hautnah erlebten vielleicht Jesus Christus, auf jeden Fall aber nicht unbedingt die Gemeinde als "Hilfe für ihr Leben" erfahren haben. Zumindest nicht in den letzten Jahren ihres Heranwachsens.

Das ist ein alarmierendes Zeichen, und daran müssen wir arbeiten. Wir sollten dazu mal eine Arbeitsgruppe gründen und ein paar Mitarbeitertermine zu dem Thema einplanen...

2009-09-04

Morgengedanken: Worum geht es eigentlich?

Heute morgen kam ich aus dem Haus, als unser Nachbar gerade dabei war, mit so einer elektrischen Superpuste das Laub von unserer Straße zu blasen, dass der Sturm über Nacht von den Eichen gerissen hat. Er rief zu mir herüber: "Was für eine Schweinerei, ne?" und die einzige Antwort, die mir einfiel war: "Is eben Natur!".

Du meine Güte! Die ganze Zeit auf dem Weg zur S-Bahn dachte ich daran, wie wir immer mehr die Natur aus unseren Städten verdrängen wollen. Sie soll keinen Schmutz machen, keine Arbeit. "Ich kann nicht mehr so im Garten arbeiten, wie früher, deswegen wollte ich den Rasen wegmachen und durch schöne Pflastersteine ersetzen." Und: "Das Heckeschneiden ist so aufwändig, ich werde die Hecke wegmachen und durch einen Zaun ersetzen. Grüne Stahlnetzgitter, die sind haltbarer wie Holzlatten" usw. usw.

Als ich weiter auf dem Weg zur Arbeit war, hörte ich einige Gespräche in den Bahnen, teilweise am Handy, und das Ganze verlief in einem noch globaleren Gedanken. Brauchen die Menschen hier um mich herum eigentlich Gott? Und wenn ja, warum? Was würde das in ihrem Leben verändern?

In den Gesprächen bezüglich Veränderung in unserer Gemeinde, Relevanz der Kirche in der Gesellschaft und persönliche Evangelisation kommt schnell der Punkt, wo es um Aktivitäten geht. Welche anderen Angebote sollen wir machen? Mit welchen Aktivitäten können wir Leute erreichen? Welche Projekte müsste man starten, um relevant für die Gesellschaft zu sein? - Und dann wenig später natürlich: Wo sind die, die die Initiative ergreifen? Wo sind die Mitarbeiter, die Zeit in die Projekte investieren?

All diese Stränge fügten sich heute morgen zu einem Gedanken zusammen, als ich auf der Arbeit ankam:

Zu der Frage: "Worum geht es eigentlich?" und zu der spontanen Antwort: "Um Frieden!"

Frieden - ein Oberbegriff, ein umfassendes Konzept für weitere Dinge, die sich darunter subsummieren.

Frieden, darin steckt auch das Wort zu-frieden. Zufrieden sein, mit der Umwelt, mit dem, was man hat (das heißt aber nicht Status Quo!! Es geht dabei auch um Möglichkeiten die man "hat"!, Chancen zur Veränderung, die durchaus vorhanden sind, im Gegensatz zu den nicht vorhandenen Möglichkeiten).

Frieden - zufrieden - darin steckt auch Versöhnung. Das Versöhnt-Sein mit der Lebenssituation, in der man steckt. Mit dem Leben an sich. Mit den Veränderungen, die das Leben mit sich bringt. Auch mit dem Sterben.

Wenn ich mich frage, wo es uns mangelt, wo es MIR mangelt, so stelle ich fest, dass ich all diese Probleme und Fragen auf dieses Grundkonzept zurückführen kann: Unfrieden. Unzufriedenheit und Unversöhntheit.

Und alles was ich in den letzten Wochen und Monaten erlebt habe, was mich belastet hat, und auch die Erlebnisse heute morgen auf dem Arbeitsweg lassen sich darauf zurückführen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die meisten Generationen "Krieg" nicht mehr kennen. Wir leben in relativer wirtschaftlicher Stabilität (trotz sog. Wirtschaftskrise), wir leben in einem relativ sicheren, freien Staat. Und doch: Wenn wir beobachten, wie die Beziehungen zwischen Menschen aussehen -egal ob auf persönlicher, gemeinschaftlicher oder beruflicher Ebene-, so ist ein allgemein latenter Unfriede zu beobachten.

Gleichzeitig aber auch eine Sehnsucht nach Frieden. Und ich denke, das ist der wesentliche Punkt, wo wir als Christen, als Gemeinde einen Unterschied machen könnten. Das ist der Punkt, über den es nachzudenken gilt, aber an dem wir selbst noch enorm arbeiten müssen. Die Frage: "Wie kann ein Leben in Frieden gelingen?"

Und ich denke, dass ist die wesentliche Frage, die uns zur Umsetzung unseres Leitbildes weiterhelfen kann: "Wir wollen dazu beitragen, dass Menschen zum Glauben an Jesus Christus finden, ihn als Hilfe für ihr Leben erfahren, und engagierte Christen werden".