Ein grüner Faden in einem roten Teppich ist bedeutungslos.
Erst viele grüne Fäden in einem roten Teppich werden wahrgenommen. Haben die Chance, Strukturen herauszubilden, Muster. Vielleicht sogar Muster mit Bedeutung.
Die Entscheidungen jedes Einzelnen, zu reden oder nicht zu reden, zu handeln oder nicht zu handeln, haben Einfluss auf seine Umgebung. Auf seine Mitmenschen. Setzen Impulse, oder nicht. Bringen andere dazu, zu reden oder nicht zu reden, zu handeln oder nicht zu handeln, eigene Entscheidungen zu treffen. Aktion führt zu Reaktion führt zu Reaktion führt zu Reaktion.
So sind wir alle Fäden in einem Gewebe. Fäden mit unterschiedlichen Farben. Jede Entscheidung, jede Aktion oder Nicht-Aktion hat Einfluss auf die Umgebung, und somit auf das Gesamtbild.
Zu jedem Zeitpunkt bildet die Summe aller Entscheidungen, aller Aktionen oder Nicht-Aktionen, Strukturen aus. Muster. Und diese Strukturen und Muster verbinden sich zu übergeordneten Strukturen und Mustern, zu Formen, bis sich schließlich das Gesamte zu einer Gesamtstruktur vereint. Die übergeordnete Gestalt des Seins formt sich heraus.
Gestalt des Seins vor dem Hintergrund des Nicht-Seins.
Jede Generation bildet die Basis, das Fundament, auf dem die nächste Generation heranwächst. Entscheidungen, Aktionen und Nicht-Aktionen bestimmen, welche Werte, welche Anlagen, welche Vorlagen wir der nächsten Generation als Grundlage ihrer Entscheidungen mit auf den Weg geben.
Die Welt ist im Wandel. Jede Generation trifft neue Entscheidungen, neue Aktionen und Nicht-Aktionen. Mit jeder Generation verändert sich das Gesamtbild, die Gesamtstruktur über die Zeit. Das Gebilde unterliegt insgesamt einer Evolution.
So wie ein Faden einen Anfang und ein Ende hat, so hat unser Leben ein Anfang und ein Ende.
Und ist doch Teil des Gesamtgewebes namens Leben.
Nicht nur zu einer Zeit, sondern über die Zeiten hinweg betrachtet, bildet das Leben ein Gesamtgebilde. Eine Struktur aus Strukturen der einzelnen Zeiten. Eine Über-Gestalt.
Auch wenn ein Leben nur 80 Jahre dauert, in einer Flut von Tausenden von Jahren, in einem See von Milliarden Individuen pro Generation. So ist doch jedes einzelne Leben ein Faden, der Teil des gesamten Gewebes ist, und mit zum Muster beiträgt.
Und das gesamte Muster mag mehr sein, als eine Ansammlung von Strukturen. Es mag Form haben, mag eine Gestalt bilden. Und mit dieser Gestalt auch Bedeutung.
Vielleicht ist ein Leben wenig bedeutsam, im Vergleich zur Menge an Menschen in der Welt, zu allen Zeiten. Aber jedes Leben ist doch Teil der gesamten Gestalt und trägt dazu bei.
Ein Atom für sich mag unwichtig sein. Aber alle Atome zusammen sind bedeutsam, bilden Körper, Wesen, mich.
Wenn es keine Atome gäbe, gäbe es mich nicht. Die Gesamtheit aller Leben, die wir leben, bildet die Gestalt des Lebens aus. Ein Leben mag für sich betrachtet wenig bedeutsam sein, aber wenn alle Leben bedeutungslos wären, gäbe es die Gesamtstruktur nicht. In der Gesamtstruktur liegt die Bedeutung des Einzelnen. Es geht ums Ganze.
Das Wissen um diese Zusammenhänge könnte unsere Entscheidungen, unsere Aktionen und Nicht-Aktionen beeinflussen. Wo bekommen wir dieses Wissen gelehrt? Sind wir in der Lage, es zu verstehen? Sind wir in der Lage, damit umzugehen? Oder macht es uns hilflos, sind wir überfordert? Resignieren wir?
Wer bin ich? Als Einzelner. In meinem sozialen Umfeld. Auf der Arbeit. In der Gemeinde. In den Beziehungen, in denen ich lebe.
Wer sind wir als Gemeinde? In unserem sozialen Umfeld. Unserer Stadt. Unserem Land. In den Beziehungsstrukturen, die wir leben. Oder auch nicht leben. Gestalten oder auch nicht gestalten.
Kontrollieren, oder einfach nur geschehen lassen.
Der Faden im Teppich weiß nichts von dem Muster, was er selbst mit bildet. Er kann es nicht erfahren. Nicht erfassen. Selbst das Wissen, Teil einer größeren Struktur zu sein, würde nicht helfen. Die Struktur zu Erfassen würde bedingen, sie zu verlassen. Aus ihr aufzusteigen und sie von außen wahrzunehmen. So bleibt es: Das Gewebe des Lebens können wir trotz aller Philosophie und Theologie nie wirklich begreifen. Unser Sein, unser Erleben ist mehr, als wir begreifen können. Hier steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.
Gibt es einen Gott? Wenn ja, dann ist diese Wesenheit außerhalb des Gewebes namens Leben. Außerhalb der Gestalt, die unser aller Sein bildet.
Und damit ist sie erst recht unfassbar. Unbegreifbar. Jeglicher Versuch, sie zu verstehen muss zwangsläufig und unbedingt scheitern.
Alle unsere Versuche, über diese Wesenheit zu reden, sie in Worten darzustellen, müssen zwangsläufig weitaus zu kurz greifen. Sie sind lediglich Metaphern. Angepasst auf unseren Verstehenshorizont. Gedankenmodelle. Und armselige noch dazu.
Doch wo bekommen wir das überzeugend und begreifbar vermittelt? Wo werden uns klar und logisch die Grenzen des Verstehens gelehrt? Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich kenne mein Nichtwissen.
Viel zu oft verwechseln wir die Metaphern, die Gedankenmodelle, mit der Realität. Glauben, wir hätten die Wesenheit vollständig erfasst. Dann "wissen" wir plötzlich so viel. Wir "wissen", wie das Leben ist, wie Gott ist, wer wir sind, worum es geht, was zu tun ist und was zu lassen ist.
Und in diesem Moment entfernen wir uns weiter denn je von der Realität. Der göttlichen Wahrheit. Und wir merken es nicht einmal. Denn das Wissen um die eigenen Lücken und Grenzen setzt zunächst erstmal Wissen voraus. Aber anstatt nach dem Wissen zu streben, sind wir viel zu oft mit unseren Vermutungen und Phantasien zufrieden.
Wo bekommen wir gesundes Wissen gelehrt? Wo finden wir das, was in früheren Zeiten als Weisheit bezeichnet wurde? Das, was die Gesamtheit in den Blick nimmt und sich Zeit und Ruhe für Wahrnehmungen und Entscheidungen lässt? Nicht überhastet, nicht überlastet, nicht überstürzt? Nicht zu kurz greift, blind, mit Scheuklappen?
Quergedachte Gedanken - vertikal erhoben - der Blick frei - über den Tellerrand - zu neuen Horizonten
Posts mit dem Label Psychologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Psychologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
2010-08-09
2009-09-09
Lehrer, Aufmerksamkeitsdefizit und Frontalunterricht
Gestern abend gab es einen interessanten Beitrag im Fernsehen, in dem eine junge Hauptschullehrerin bei der Arbeit beobachtet und begleitet wurde.
Man berichtete von den vielen sozialen Problemen, die sie als Lehrerin neben der Vermittlung des Unterrichtsstoffes noch zu meistern habe. Davon, dass 36 Prozent der Klasse nicht richtig deutsch sprechen, und daher manche Aufgaben im Deutschunterricht von ihnen nicht zu bewältigen sind. Von den Aufmerksamkeits- und Verständnisschwächen im Bereich mathematischer Aufgaben.
Offensichtlich kam sie mit ihrem Unterricht bei den Schülern an, denn mit viel Mühe und Einsatz versuchte sie, einen abenteuerlichen Unterricht zu gestalten. Durch Anfassen, Sehen von selbstgebastelten Modellen, riechen, schmecken. Gruppenarbeiten, in denen die Schüler selbst gefordert sind, Beiträge zu erarbeiten.
Eine zentrale Aussage war, das die Vermittlung des Unterrichtsstoffs bei den Schülern überhaupt keine Chance hätte, wenn sie den regulären Frontalunterricht durchziehen würde.
Nun frage ich mich: Wenn solche Erkenntnisse im Bereich der Erziehung und Pädagogik doch allgemeines Wissensgut sind, wieso wir glauben, dass wir Menschen mit einem Frontalgottesdienst erreichen können. Durch unsere Gewohnheit, abstrakte Lehren rein verbal durch eine Kanzelpredigt zu vermitteln, haben wir nicht nur diese Generation, sondern auch diese soziale Schicht von vornherein aus der Gottesdienstbeteiligung ausgeschlossen.
Machen wir das eigentlich bewusst? Wollen wir das so?
Man berichtete von den vielen sozialen Problemen, die sie als Lehrerin neben der Vermittlung des Unterrichtsstoffes noch zu meistern habe. Davon, dass 36 Prozent der Klasse nicht richtig deutsch sprechen, und daher manche Aufgaben im Deutschunterricht von ihnen nicht zu bewältigen sind. Von den Aufmerksamkeits- und Verständnisschwächen im Bereich mathematischer Aufgaben.
Offensichtlich kam sie mit ihrem Unterricht bei den Schülern an, denn mit viel Mühe und Einsatz versuchte sie, einen abenteuerlichen Unterricht zu gestalten. Durch Anfassen, Sehen von selbstgebastelten Modellen, riechen, schmecken. Gruppenarbeiten, in denen die Schüler selbst gefordert sind, Beiträge zu erarbeiten.
Eine zentrale Aussage war, das die Vermittlung des Unterrichtsstoffs bei den Schülern überhaupt keine Chance hätte, wenn sie den regulären Frontalunterricht durchziehen würde.
Nun frage ich mich: Wenn solche Erkenntnisse im Bereich der Erziehung und Pädagogik doch allgemeines Wissensgut sind, wieso wir glauben, dass wir Menschen mit einem Frontalgottesdienst erreichen können. Durch unsere Gewohnheit, abstrakte Lehren rein verbal durch eine Kanzelpredigt zu vermitteln, haben wir nicht nur diese Generation, sondern auch diese soziale Schicht von vornherein aus der Gottesdienstbeteiligung ausgeschlossen.
Machen wir das eigentlich bewusst? Wollen wir das so?
2007-11-02
Die eigene Wahrnehmung wahrnehmen
In einem Blog-Kommentar bei DoSi schrieb ich:
Die Frage ist nun, ob ich nicht nur der Tatsache meiner eigenen Beteiligung am Leseprozess als solcher gewahr werden kann, sondern sogar das Wie dieser subjektiven Veränderung der Wahrnehmung erkennen und bewußt wahrnehmen kann.
Dazu müsste ich meinen eigenen Wahrnehmungsprozess wahrnehmen. Nun heißt es aber, ein Auge nehme sich nur dann selbst wahr, wenn es krank ist. Ein gesundes Auge wird selbst nicht wahrgenommen.
Ein interessantes Bild, dem ich aber ein anderes gegenüberstellen möchte:
In meiner Gemeinde mache ich auch die Beschallungstechnik, d.h. ich sitze hinter dem Mischpult, welches sich rechts hinten in der Ecke im Saal befindet, und mische den Klang.
Das Problem hierbei ist, dass ich dort leicht einseitig beschallt werde, und durch die Nähe zur Wand sich auch bestimmte klangliche Veränderungen ergeben.
Um für die Zuhörer im Saal einen optimalen Klang zu erzeugen, muss ich daher immer wieder einmal den Mischpult-Platz verlassen und durch den Raum wandern, hören, wie der Klang sich an anderen Stellen im Saal anhört.
Auf diese Weise lerne ich den Unterschied zwischen dem optimalen Saalklang und dem Klang an meiner Mischerposition kennen und weiß schließlich, wie meine Wahrnehmung dort sich von der Wahrnehmung an anderen Plätzen unterscheidet.
Dadurch weiß ich, dass ich am Mischerplatz z.B. die Tiefen ruhig ein wenig weiter aufdrehen kann, als ich es eigentlich richtig empfinde, dass ich insgesamt nicht ganz so laut aufdrehen darf, wie ich eigentlich gerne würde, und das es OK ist, dass ich mehr vom rechten Kanal höre als vom linken.
Um das Bild zu verlassen: Ich frage mich, ob es möglich ist, vor oder während des Lesens und Auslegens eines Textes meine eigene Position und die daraus resultierenden Verzerrungen zu reflektieren, und dadurch die Auslegung selbst feiner zu justieren oder sogar meine Wahrnehmung des Textes von meiner Position zu relativieren.
Dazu ist natürlich folgendes notwendig: Genauso, wie ich als Tontechniker mich aktiv an eine Position begeben muss, und mich ggf. durch Tricks wie Ohren zuhalten auch in die Lage eines weniger gut hörenden Zuhörers versetzen muss, muss der auslegende Leser sich bewußt in die Lage von Zuhörern mit anderer Disposition versetzen. Extremes, aber deutliches Beispiel: Wie mag eine weibliche Zuhörerin empfinden, wenn wir zusammen Paulus' Aufforderung lesen, dass die Frau in der Gemeinde schweige?
Eine solche Haltung des Hineinversetzens in den Anderen nennt die Psychologie "Empathie".
Wenn ein Tontechniker eine Band abmischt, ist es jedoch nicht nur von Bedeutung, dass er den Saalklang im Griff hat und ihn für alle Zuhörer bestmöglich zubereitet. Auch der Klang der Monitore, über den sich die Musiker selber hören, ist von Bedeutung. Und da muss der Techniker auch mal auf die Bühne und sich anhören, wie ein Sänger sich selbst an seinem eigenen Platz hört. Dann wird schnell klar, dass ggf. eine falsche Klangeinstellung der Monitorboxen dafür verantwortlich ist, dass der Sänger versucht, "besser" zu klingen und dabei seine Stimme verstellt, oder er so unsauber singt, weil er sich aufgrund der Umfeldgeräusche einfach nicht selber hört und quasi "blind" versucht, die Melodie auf die Reihe zu bekommen.
Ebenso ist für den Ausleger alter Texte von Bedeutung, dass er lernt, den Text aus der Position des Autors zu lesen. Dass er über die Umstände bescheid weiß, unter denen der Text zustande kam, und zu verstehen versucht, wer der Autor war und in welcher Lage er sich befand und für wen er schrieb.
Leider müssten wir, um dies so erfolgreich zu tun, wie ein Tontechniker, der auf die Bühne steigt, eine Zeitmaschine besitzen. Aber auch gute Sekundärliteratur über die Historie kann ein Augenöffner für die Auslegung von Texten sein, wie ich zur Zeit an Rob Bells "Jesus unplugged" wieder erfahre.
Auch wenn es uns schwer fällt, uns von unserer momentanen Position zu lösen, um einen Text wirklich beurteilen zu können, so ist es schon sehr hilfreich, zu verstehen, dass man dies eigentlich tun müsste. Das einem bewusst wird, dass die Auslegung, die man selber nun vornimmt, durch die eigene Position gefärbt ist und daher auch nicht absolut die richtige für alle Zeiten und Orte sein kann.
Problematisch wird Tontechnik dann, wenn der Tontechniker zu unerfahren oder zu faul ist, seinen Platz zu verlassen und einfach glaubt, er hätte von seinem Mischerplatz aus alles im Griff. Gleiches gilt auch für die Textauslegung. Die Annahme, meine Position sei die einzig mögliche und meine Wahrnehmung die einzig vorhandene führt im Endeffekt zu unbefriedigenden Resultaten und Frust bei den anderen Zuhörern.
Tontechnik ist nun, wie auch Kameratechnik, doch mit dem oben genannten Auge zu vergleichen. Erst wenn man sie selbst nicht wahrnimmt (kein Knistern, kein Bildwackler usw.) kann der Inhalt der Präsentation genossen und erlebt werden. Ebenso ist es bei der Auslegung. Je geschickter die Auslegung vorgenommen wird und je weniger die Tatsache des Auslegens bemerkbar wird, umso mehr tritt der Ausleger als Medium in den Hintergrund und der Text fängt an direkt zum Zuhörer zu sprechen und an ihm zu wirken.
Jedwedes Verständnis der Schrift ist immer auch vom Lesenden/Interpretierenden abhängig. Du bist immer Teil des Auslegungsprozesses, in ähnlicher Weise wie in der Quantenphysik der Beobachter zum Teil des Beobachtungsprozesses wird und dadurch das Beobachtungsergebnis beeinflusst und durch die Beobachtung selbst verändert wird.Diese Subjektivität der Wahrnehmung ist nun etwas, was mich weiterhin beschäftigt.
Die Frage ist nun, ob ich nicht nur der Tatsache meiner eigenen Beteiligung am Leseprozess als solcher gewahr werden kann, sondern sogar das Wie dieser subjektiven Veränderung der Wahrnehmung erkennen und bewußt wahrnehmen kann.
Dazu müsste ich meinen eigenen Wahrnehmungsprozess wahrnehmen. Nun heißt es aber, ein Auge nehme sich nur dann selbst wahr, wenn es krank ist. Ein gesundes Auge wird selbst nicht wahrgenommen.
Ein interessantes Bild, dem ich aber ein anderes gegenüberstellen möchte:
In meiner Gemeinde mache ich auch die Beschallungstechnik, d.h. ich sitze hinter dem Mischpult, welches sich rechts hinten in der Ecke im Saal befindet, und mische den Klang.
Das Problem hierbei ist, dass ich dort leicht einseitig beschallt werde, und durch die Nähe zur Wand sich auch bestimmte klangliche Veränderungen ergeben.
Um für die Zuhörer im Saal einen optimalen Klang zu erzeugen, muss ich daher immer wieder einmal den Mischpult-Platz verlassen und durch den Raum wandern, hören, wie der Klang sich an anderen Stellen im Saal anhört.
Auf diese Weise lerne ich den Unterschied zwischen dem optimalen Saalklang und dem Klang an meiner Mischerposition kennen und weiß schließlich, wie meine Wahrnehmung dort sich von der Wahrnehmung an anderen Plätzen unterscheidet.
Dadurch weiß ich, dass ich am Mischerplatz z.B. die Tiefen ruhig ein wenig weiter aufdrehen kann, als ich es eigentlich richtig empfinde, dass ich insgesamt nicht ganz so laut aufdrehen darf, wie ich eigentlich gerne würde, und das es OK ist, dass ich mehr vom rechten Kanal höre als vom linken.
Um das Bild zu verlassen: Ich frage mich, ob es möglich ist, vor oder während des Lesens und Auslegens eines Textes meine eigene Position und die daraus resultierenden Verzerrungen zu reflektieren, und dadurch die Auslegung selbst feiner zu justieren oder sogar meine Wahrnehmung des Textes von meiner Position zu relativieren.
Dazu ist natürlich folgendes notwendig: Genauso, wie ich als Tontechniker mich aktiv an eine Position begeben muss, und mich ggf. durch Tricks wie Ohren zuhalten auch in die Lage eines weniger gut hörenden Zuhörers versetzen muss, muss der auslegende Leser sich bewußt in die Lage von Zuhörern mit anderer Disposition versetzen. Extremes, aber deutliches Beispiel: Wie mag eine weibliche Zuhörerin empfinden, wenn wir zusammen Paulus' Aufforderung lesen, dass die Frau in der Gemeinde schweige?
Eine solche Haltung des Hineinversetzens in den Anderen nennt die Psychologie "Empathie".
Wenn ein Tontechniker eine Band abmischt, ist es jedoch nicht nur von Bedeutung, dass er den Saalklang im Griff hat und ihn für alle Zuhörer bestmöglich zubereitet. Auch der Klang der Monitore, über den sich die Musiker selber hören, ist von Bedeutung. Und da muss der Techniker auch mal auf die Bühne und sich anhören, wie ein Sänger sich selbst an seinem eigenen Platz hört. Dann wird schnell klar, dass ggf. eine falsche Klangeinstellung der Monitorboxen dafür verantwortlich ist, dass der Sänger versucht, "besser" zu klingen und dabei seine Stimme verstellt, oder er so unsauber singt, weil er sich aufgrund der Umfeldgeräusche einfach nicht selber hört und quasi "blind" versucht, die Melodie auf die Reihe zu bekommen.
Ebenso ist für den Ausleger alter Texte von Bedeutung, dass er lernt, den Text aus der Position des Autors zu lesen. Dass er über die Umstände bescheid weiß, unter denen der Text zustande kam, und zu verstehen versucht, wer der Autor war und in welcher Lage er sich befand und für wen er schrieb.
Leider müssten wir, um dies so erfolgreich zu tun, wie ein Tontechniker, der auf die Bühne steigt, eine Zeitmaschine besitzen. Aber auch gute Sekundärliteratur über die Historie kann ein Augenöffner für die Auslegung von Texten sein, wie ich zur Zeit an Rob Bells "Jesus unplugged" wieder erfahre.
Auch wenn es uns schwer fällt, uns von unserer momentanen Position zu lösen, um einen Text wirklich beurteilen zu können, so ist es schon sehr hilfreich, zu verstehen, dass man dies eigentlich tun müsste. Das einem bewusst wird, dass die Auslegung, die man selber nun vornimmt, durch die eigene Position gefärbt ist und daher auch nicht absolut die richtige für alle Zeiten und Orte sein kann.
Problematisch wird Tontechnik dann, wenn der Tontechniker zu unerfahren oder zu faul ist, seinen Platz zu verlassen und einfach glaubt, er hätte von seinem Mischerplatz aus alles im Griff. Gleiches gilt auch für die Textauslegung. Die Annahme, meine Position sei die einzig mögliche und meine Wahrnehmung die einzig vorhandene führt im Endeffekt zu unbefriedigenden Resultaten und Frust bei den anderen Zuhörern.
Tontechnik ist nun, wie auch Kameratechnik, doch mit dem oben genannten Auge zu vergleichen. Erst wenn man sie selbst nicht wahrnimmt (kein Knistern, kein Bildwackler usw.) kann der Inhalt der Präsentation genossen und erlebt werden. Ebenso ist es bei der Auslegung. Je geschickter die Auslegung vorgenommen wird und je weniger die Tatsache des Auslegens bemerkbar wird, umso mehr tritt der Ausleger als Medium in den Hintergrund und der Text fängt an direkt zum Zuhörer zu sprechen und an ihm zu wirken.
2007-08-10
Der Dialog als Kommunikationsmöglichkeit
Auf Emergentes Gedankengut befindet sich ein neuer Artikel mit dem Titel "Der Dialog als Kommunikationsmöglichkeit" von Daggi Begemann.
Dieser Artikel spricht mich irgendwie an, denn ich finde darin genau die Dinge beschrieben, über die ich mich nach einem Gespräch oft bei mir selber ärgere:
Ich kann mich in Gesprächen kräftig "echauffieren", aufheizen, reinsteigern. Dann lasse ich den anderen gar nicht erst ausreden, wenn seine Argumentation ja schon im Ansatz den Denkfehler erkennen lässt. Seine weiteren Ausführungen wären ja auch nur Zeitverschwendung. Gar nicht erst den falschen Denkweg beschreiten lassen.
Oder ich werde sehr "engagiert" in meiner Rede, wenn ich das Gefühl habe, dass der Andere meine Argumentationslinie nicht erkennt, die Gedankenansätze, die dahinterstehen, nicht nachvollzieht. Unverständnis wird mit mehr Energie beim Sprechen begegnet.
Und wie sehr ärgere ich mich jedes mal, wenn sich nach einem Gespräch herausstellt, dass ich tatsächlich recht hatte, meine Ansicht und Theorie stimmte, ich dann aber -mich selbst aus der Vogelperspektive betrachtend- erkenne, mit welchen Mitteln ich das Gespräch geführt habe.
Etwas verzweifelt und neidisch denke ich dann an diejenigen, die ich in Gesprächen immer als ruhig und sachlich erlebe, die mir das Gefühl geben, mir wird zugehört. Die mir den Eindruck vermitteln, mich erst einmal verstehen zu wollen, bevor sie eine Antwort formulieren. Die mir die Zeit lassen, ihren Gedanken zu begegnen, auch wenn dies aufgrund meiner Sturheit oder Befangenheit mehr Zeit erfordert, als eigentlich nötig.
Und dabei ist mir doch genau das so wichtig:
Jak. 1, 19: Ihr sollt wissen, meine lieben Brüder: ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.
Dieser Artikel spricht mich irgendwie an, denn ich finde darin genau die Dinge beschrieben, über die ich mich nach einem Gespräch oft bei mir selber ärgere:
In solchen Situationen bin ich versucht, die Rolle des Lernenden zu verlassen, um meine eigene Position zu sichern. Diese Reaktion entsteht, weil Menschen dazu neigen, sich mit ihren Meinungen identifizieren. Sie erleben sie als absolute Wahrheiten erleben und verteidigen sie mit starken Gefühlsreaktionen.Ja, starke Gefühlsreaktionen. Die kenne ich nur zu gut.
Ich kann mich in Gesprächen kräftig "echauffieren", aufheizen, reinsteigern. Dann lasse ich den anderen gar nicht erst ausreden, wenn seine Argumentation ja schon im Ansatz den Denkfehler erkennen lässt. Seine weiteren Ausführungen wären ja auch nur Zeitverschwendung. Gar nicht erst den falschen Denkweg beschreiten lassen.
Oder ich werde sehr "engagiert" in meiner Rede, wenn ich das Gefühl habe, dass der Andere meine Argumentationslinie nicht erkennt, die Gedankenansätze, die dahinterstehen, nicht nachvollzieht. Unverständnis wird mit mehr Energie beim Sprechen begegnet.
Und wie sehr ärgere ich mich jedes mal, wenn sich nach einem Gespräch herausstellt, dass ich tatsächlich recht hatte, meine Ansicht und Theorie stimmte, ich dann aber -mich selbst aus der Vogelperspektive betrachtend- erkenne, mit welchen Mitteln ich das Gespräch geführt habe.
Etwas verzweifelt und neidisch denke ich dann an diejenigen, die ich in Gesprächen immer als ruhig und sachlich erlebe, die mir das Gefühl geben, mir wird zugehört. Die mir den Eindruck vermitteln, mich erst einmal verstehen zu wollen, bevor sie eine Antwort formulieren. Die mir die Zeit lassen, ihren Gedanken zu begegnen, auch wenn dies aufgrund meiner Sturheit oder Befangenheit mehr Zeit erfordert, als eigentlich nötig.
Und dabei ist mir doch genau das so wichtig:
Wenn alle Teilnehmer an einem Dialogprozess gemeinsam lernen, auf diese Weise zuzuhören und sich mitzuteilen, dann schaffen sie einen Raum für zwischenmenschliche Begegnung, der jenseits einengender Meinungsfronten liegt, und es entsteht der freie Sinnfluss zwischen Menschen, der ein neues Denken ermöglicht.An dieser Stelle muss ich noch lernen, muss bewußt diese Haltung üben. Das erkläre ich nun als mein Ziel.
Jak. 1, 19: Ihr sollt wissen, meine lieben Brüder: ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.
2007-08-09
Relativität des Glaubens (2) - "Mir tut mein Glauben gut"?
"Mir tut mein Glauben gut, ich fühle mich wohl, wenn ich bete".
In meinem ersten Post zum Thema "Relativität des Glaubens" bin ich darauf eingegangen, dass jemand, der an etwas glaubt und daraus auch Kraft zieht, nicht gleichzeitig glauben kann, dass es eigentlich egal ist, woran ein Mensch glaubt.
Ebenfalls in diesem Post tauchte auch die Meinung auf, dass es nur darauf ankomme, ob man sich mit seinem Glauben wohl fühle, ob es einem gut dabei gehe.
Der Vertreter dieser Meinung -ich hatte ihn Axel genannt- gab an, er würde an "Gott" glauben.
Im diesem ersten Post habe ich bereits gefolgert, dass Axel eigentlich gar nicht wirklich an die Existenz dieses Gottes glaubt, denn sonst könne er nicht gleichzeitig davon ausgehen, dass es völlig irrelevant ist, ob andere ebenfalls an ihn glauben oder an etwas anderes.
Hier nun möchte ich einen weiteren Aspekt ansprechen:
Axel spricht davon, dass es "ihm einfach gut tut" wenn er betet, das würde ihm helfen, und nur das sei wesentlich.
Auch hier zeigt sich, dass Axel eigentlich gar nicht an "Gott" glaubt, obwohl er dies behauptet, weil auch diese Aussage nicht schlüssig sondern inkonsequent ist.
Mir ist ziemlich rätselhaft, wie man bei vollem Bewußstsein einen solchen schizophrenen Glauben aufrecht erhalten kann.
Zum Verständnis bleiben mir letztlich nur zwei Punkte, die diese Einstellung aufrecht erhalten:
Er ist der Dschinn aus der Flasche.
Auch in dieser Hinsicht ist der Glaube von Axel also jeglichen Inhaltes beraubt.
Was ich persönlich an dieser Stelle sehr schade finde ist, dass ein solcher "Glaube" aus Prinzip schon fertig ist. Selbstgenügsam, anspruchslos und inhaltsleer, stellt ein solcher Glaube keine Herausforderung mehr dar, treibt keine persönliche Entwicklung mehr voran.
Eine Suche nach tiefergehender Wahrheit, ein Streben den geglaubten Inhalten entgegen, findet nicht mehr statt.
Im vorhergehenden ersten Post zum Thema schrieb ich:
Glaube ist somit nie etwas Statisches, Fertiges, sondern immer ein Streben nach etwas.
Ein Weg, ein Prozess, ein Fortschreiten.
Glaube, der stehen bleibt, verdorrt und stirbt.
In meinem ersten Post zum Thema "Relativität des Glaubens" bin ich darauf eingegangen, dass jemand, der an etwas glaubt und daraus auch Kraft zieht, nicht gleichzeitig glauben kann, dass es eigentlich egal ist, woran ein Mensch glaubt.
Ebenfalls in diesem Post tauchte auch die Meinung auf, dass es nur darauf ankomme, ob man sich mit seinem Glauben wohl fühle, ob es einem gut dabei gehe.
Der Vertreter dieser Meinung -ich hatte ihn Axel genannt- gab an, er würde an "Gott" glauben.
Im diesem ersten Post habe ich bereits gefolgert, dass Axel eigentlich gar nicht wirklich an die Existenz dieses Gottes glaubt, denn sonst könne er nicht gleichzeitig davon ausgehen, dass es völlig irrelevant ist, ob andere ebenfalls an ihn glauben oder an etwas anderes.
Hier nun möchte ich einen weiteren Aspekt ansprechen:
Axel spricht davon, dass es "ihm einfach gut tut" wenn er betet, das würde ihm helfen, und nur das sei wesentlich.
Auch hier zeigt sich, dass Axel eigentlich gar nicht an "Gott" glaubt, obwohl er dies behauptet, weil auch diese Aussage nicht schlüssig sondern inkonsequent ist.
- Axel geht davon aus, dass die einzige Bedeutung für seinen Glauben sein eigenes Wohlbefinden ist. Es tut ihm gut, wenn es ihm schlecht geht, zu "Gott" zu beten.
- Axel beschreibt, dass ihm "dies hilft". Das heißt offensichtlich aber nur, dass er sich dadurch besser fühlt, dass seine Gemütslage sich also verbessert hat.
- Das Gebet wird damit zu einem Selbstzweck, zu einer Aktion zur Verbesserung der eigenen Befindlichkeit, nicht anders als regelmäßige Turnübungen oder zur Not die Reha nach einem Unfall.
- Axel hat aber nicht davon gesprochen, dass er von dem "Gott", an den er sich gewendet hat, tatsächlich eine Hilfe erwartet, in dem Sinne, dass dieser in sein Leben aktiv eingreift. Schon gar nicht kann Axel mit dieser Einstellung für andere Menschen bitten, beispielsweise für einen kranken Freund.
- Eine "Gottheit" aber, von der ich gar keine aktive Hilfe erwarte, ist tatsächlich irrelevant und austauschbar. In diesem Sinne ist wirklich egal an was man glaubt, denn eine konkrete Antwort auf Gebet und Glauben erwartet man weder von den Glaubensinhalten der anderen Menschen, noch vom eigenen "Gott".
Mir ist ziemlich rätselhaft, wie man bei vollem Bewußstsein einen solchen schizophrenen Glauben aufrecht erhalten kann.
Zum Verständnis bleiben mir letztlich nur zwei Punkte, die diese Einstellung aufrecht erhalten:
- Eben nunmal die Erfahrung, dass das Beten zu diesem "Gott" irgendwie gut tut. (Interessant ist, wieso Axel nicht von selbst auf die Idee kommt, es könne sich möglicherweise um einen psychologischen Effekt und Selbstbetrug handeln)
- Dieser "Gott", der zwar "gut tut" aber nicht wirklich antwortet, diese Strohpuppe, hat durchaus einen nicht zu verachtenden Vorteil: Sie ist anspruchslos.
Er ist der Dschinn aus der Flasche.
Auch in dieser Hinsicht ist der Glaube von Axel also jeglichen Inhaltes beraubt.
Was ich persönlich an dieser Stelle sehr schade finde ist, dass ein solcher "Glaube" aus Prinzip schon fertig ist. Selbstgenügsam, anspruchslos und inhaltsleer, stellt ein solcher Glaube keine Herausforderung mehr dar, treibt keine persönliche Entwicklung mehr voran.
Eine Suche nach tiefergehender Wahrheit, ein Streben den geglaubten Inhalten entgegen, findet nicht mehr statt.
Im vorhergehenden ersten Post zum Thema schrieb ich:
Wenn ich aber auf der Suche nach diesem Etwas bin, oder nach der Antwort auf das Warum, dann setzt das voraus, dass ich von der Existenz dieses Etwas und des Warum prinzipiell erst einmal ausgehe.In diesem Sinne ist nicht egal, was ich glaube und was andere glauben, weil der Glaube prinzipiell nur dann in die richtige Richtung weist, solange ich mich dabei tatsächlich diesem Etwas annähere und mich auf die Antwort des Warum tatsächlich zubewege.
Dann gibt es aber keinen Glauben ohne Inhalt, denn das ist der Inhalt.
Glaube ist somit nie etwas Statisches, Fertiges, sondern immer ein Streben nach etwas.
Ein Weg, ein Prozess, ein Fortschreiten.
Glaube, der stehen bleibt, verdorrt und stirbt.
2007-07-02
Multitasking? - Tu dir das nicht an!
Spiegel: Schön der Reihe nach statt Multitasking
So, jetzt ist es also endlich amtlich. Der Mensch ist nicht mulitasking-fähig, alles nur Selbstbetrug. DeMarco und Lister wussten es ja schon 1987, als sie ihr Buch "Wien wartet auf dich" (blöder Titel übrigens...) schrieben. Um eine Sache gut zu machen, braucht man Ruhe ohne Ablenkung.
Aber wie bringt man das einer Generation bei, die damit aufwächst, dass überall multimedial alles gleichzeitig präsentiert wird und ein Nur-nichts-verpassen lebt?
Man kann keine Nachrichten ansehen, ohne dass unten Daten-Banner in zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten durchrauschen. Lesen, Hören, Sehen auch noch unterschiedlicher Inhalte gleichzeitig.
Das Lesen eines Online-Artikels wird begleitet von Popup-Windows, animierten Graphiken und Flash-Spots in der Nebenspalte.
Ständiger Wechsel zwischen der zu schreibenden Hausarbeit als Word-Dokument und der ICQ-Chatbox daneben, während gleichzeitig Musik im Hintergrund läuft und auch noch das Handy klingelt (wofür es dann ja zum Glück ein Headset gibt, damit man die anderen Tätigkeiten nicht unterbrechen muss) ...
ADHS kein Thema ??? Ein Gen-Fehler? Oder vielleicht hausgemacht, selbst antrainiert?
"Entschleunigung" ist das neue Stichwort, dass einem Trend, immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigen zu wollen, entgegengesetzt werden sollte. Aber wer hat schon Zeit zu lesen, worum es dabei geht?
Wie bringt man einer heranwachsenden Generation dieses tolle Gefühl des "Flows" nahe, dass ich habe, wenn ich nachts um halb zwölf, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, mich in das Schreiben eines Dokumentes oder eines Programmes versenke und einfach nichts diesen Focus unterbricht?
So, jetzt ist es also endlich amtlich. Der Mensch ist nicht mulitasking-fähig, alles nur Selbstbetrug. DeMarco und Lister wussten es ja schon 1987, als sie ihr Buch "Wien wartet auf dich" (blöder Titel übrigens...) schrieben. Um eine Sache gut zu machen, braucht man Ruhe ohne Ablenkung.
Aber wie bringt man das einer Generation bei, die damit aufwächst, dass überall multimedial alles gleichzeitig präsentiert wird und ein Nur-nichts-verpassen lebt?
Man kann keine Nachrichten ansehen, ohne dass unten Daten-Banner in zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten durchrauschen. Lesen, Hören, Sehen auch noch unterschiedlicher Inhalte gleichzeitig.
Das Lesen eines Online-Artikels wird begleitet von Popup-Windows, animierten Graphiken und Flash-Spots in der Nebenspalte.
Ständiger Wechsel zwischen der zu schreibenden Hausarbeit als Word-Dokument und der ICQ-Chatbox daneben, während gleichzeitig Musik im Hintergrund läuft und auch noch das Handy klingelt (wofür es dann ja zum Glück ein Headset gibt, damit man die anderen Tätigkeiten nicht unterbrechen muss) ...
ADHS kein Thema ??? Ein Gen-Fehler? Oder vielleicht hausgemacht, selbst antrainiert?
"Entschleunigung" ist das neue Stichwort, dass einem Trend, immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigen zu wollen, entgegengesetzt werden sollte. Aber wer hat schon Zeit zu lesen, worum es dabei geht?
Wie bringt man einer heranwachsenden Generation dieses tolle Gefühl des "Flows" nahe, dass ich habe, wenn ich nachts um halb zwölf, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, mich in das Schreiben eines Dokumentes oder eines Programmes versenke und einfach nichts diesen Focus unterbricht?
2007-06-18
"Vier Bereiche der Zugehörigkeit" - und Hauskreiszellen
Bin soeben im Blog von Depone auf einen Artikel gestoßen, wo er über die Vier Bereiche der Zugehörigkeit "nach Edward T. Hall, wie sie bei Joseph R. Myers vorkommen" schreibt.
Dabei fiel mir auf, wie unscharf und sensibel die Grenze jeweils zwischen dem sozialen Bereich und dem privaten Bereich, sowie zwischen dem privaten Bereich und dem intimen Bereich, gerade im Umfeld von Kleingruppen und der Gemeinde-Wachstums-Idee durch Kleingruppen, ist.
Nach dieser Idee soll ja, so wird sie vermittelt, jede Kleingruppe in einer Gemeinde
Auch in meiner Gemeinde habe ich solche Teilungen mehrfach erleben können, nicht immer hat es für alle dabei entstehenden neuen Zellen wirklich funktioniert. Und immer war es mit "Trennungsschmerz" (die Verfechter der Idee würden wohl eher von "Wachstumsschmerz" reden) verbunden, d.h. mit einer Art Verlustangst befrachtet.
Gerade Kleingruppen aber sind ein gutes Beobachtungsfeld dafür, wie aus einer Gruppe, die sich aus einzelnen Individuen zusammensetzt, ein eigener Organismus entsteht, die Gruppe als Einheit ein eigenes Wesen entwickelt.
In unserer Jugendarbeit existieren zur Zeit drei Hauskreise mit recht unterschiedlichen Leuten und dadurch als Gruppe sehr individuellen Wesenszügen. Während es dem einen Kreis recht leicht fällt, neue Leute einzuladen und aufzunehmen, ist dies bei einem anderen Hauskreis nicht der Fall.
Die Schwierigkeit der dortigen Teilnehmer, die Grenze nach außen zu öffnen hat schon für etliche Diskussion von außen gesorgt. Die Gruppe stieß auf Unverständnis und Kritik, die Leiter wurden darauf hingewiesen, dass die Gruppe doch eigentlich offen sein müsste und sich wachstumsorientiert verhalten sollte.
Der oben verlinkte Artikel zu den Vier Bereichen der Zugehörigkeit erlaubt es mir nun, die beobacheten Phänomene etwas klarer zu verstehen.
Zwei Dimensionen scheinen mir dabei von Bedeutung:
Dabei wird natürlich das Verhältnis zwischen diesen beiden Dimensionen durch die Einstellung der Gruppenmitglieder bestimmt. Sind die Gruppenmitglieder durchweg sehr selbstbewußt und extrovertiert, wird die Schwelle für neue Kontakte sehr niedrig sein.
Sind auch nur einige Gruppenmitglieder zurückhaltend, introvertiert, werden schwer warm, gibt es zwei Möglichkeiten:
Berücksichtigt die Gruppe jedoch das Offenheits-Wesen aller ihrer Mitglieder, ergibt sich automatisch im Verhältnis zur Beziehung eine höhere Einstiegsschwelle für neue Mitglieder, da diese Schwelle eben durch "das schwächste Glied" der Kette bestimmt wird. Die Gruppe sondiert sehr viel sorgfältiger, ob sie eine neue Person in ihrer Mitte aufnehmen will oder nicht.
In der Rückschau hat das Zellwachstums- und Teilungskonzept dort am Besten funktioniert, wo die Gruppenbeziehung sich eher an der Grenze zwischen sozial und persönlich befand und das Selbstbewußtsein der Gruppe als Ganzes hoch war, und hat dort am meisten Schwierigkeiten verursacht, wo die Beziehung sich im Bereich von persönlich bis hin zu intim abspielte und die Gruppenmitglieder als eher zurückhaltend zu charakterisieren waren.
Gerade bei Kleingruppen im Bereich der Teenager-Arbeit scheint mir jedoch die Chance recht hoch, dass in einer Gruppe auf die Dauer sowohl Beziehungen am Übergang von persönlich nach intim entstehen, als auch durch pubertätsbedingte Unsicherheiten und emotionale Unstabilitäten die Schwelle für die Aufnahme neuer Mitglieder recht hoch ist.
Aussagen, wie: "Dann wird sich vielleicht die Atmosphäre hier ändern" oder "Dann sage ich erstmal nichts mehr von mir" drücken dabei die unterschwelligen Empfindlichkeiten aus.
Diese können im Hinblick auf eine funktionierende Arbeit der Gruppe nicht einfach wegdiskutiert, sondern nur aufgenommen werden.
Dies gilt es zu berücksichtigen, wenn von einer Leitung außerhalb dieser Gruppe quantitatives Wachstum und Teilung als Gemeindewachstums-Konzept favorisiert werden, um dem generellen, übergeordneten Ziel einer Gemeinde gerecht zu werden, ihren Besuchern ein zu Hause zu bieten.
Nun legt das Verhalten der Gruppe bei Betrachtern von Außen die Vermutung nahe, dass es sich bei einer solchen eher geschlossenen Gruppe um eine neurotische Gruppe handelt (s. dazu Beschreibung in: Christsein glaubwürdig leben), das muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein.
Dazu ist nämlich nicht nur von Bedeutung, wie sich die Gruppe in Bezug auf sich selbst und ihren Gruppentermin verhält, sondern wie sich die Mitglieder im Rahmen des sozialen und des öffentlichen Bereiches verhalten. So kann es sein, dass die Gruppenmitglieder gerade aus der Erfahrung der persönlich-intimen Gruppe heraus eine Stärkung erfahren, im sozialen und öffentlichen Bereich offen und zugänglich für neue Kontakte zu sein und sie daher die Einstiegsschwelle dort niedrig halten.
Neben der Teilung einer funktionierenden Gruppe besteht auch noch die Möglichkeit der "Sendung", d.h. aus der Gruppe heraus werden Einzelne entsandt, neue Gruppen ins Leben zu rufen und diese aus der Erfahrung der Ursprungsgruppe heraus zu gestalten.
Die könnte man vielleicht eher wie ein Kristallisations-Konzept oder gar Molekular-Konzept als Gegenbild zu einem Zellkonzept bezeichnen.
Dabei wird die Ursprungsgruppe nicht zerstört und dennoch ein Wachstum im Gemeindefeld verzeichnet.
Dabei fiel mir auf, wie unscharf und sensibel die Grenze jeweils zwischen dem sozialen Bereich und dem privaten Bereich, sowie zwischen dem privaten Bereich und dem intimen Bereich, gerade im Umfeld von Kleingruppen und der Gemeinde-Wachstums-Idee durch Kleingruppen, ist.
Nach dieser Idee soll ja, so wird sie vermittelt, jede Kleingruppe in einer Gemeinde
- immer wieder neue Mitglieder aufnehmen, bis sie eine Größe erreicht, wo die Kleingruppenarbeit faktisch zu groß wird, so dass
- sie sich in zwei Kleingruppen teilt.
Auch in meiner Gemeinde habe ich solche Teilungen mehrfach erleben können, nicht immer hat es für alle dabei entstehenden neuen Zellen wirklich funktioniert. Und immer war es mit "Trennungsschmerz" (die Verfechter der Idee würden wohl eher von "Wachstumsschmerz" reden) verbunden, d.h. mit einer Art Verlustangst befrachtet.
Gerade Kleingruppen aber sind ein gutes Beobachtungsfeld dafür, wie aus einer Gruppe, die sich aus einzelnen Individuen zusammensetzt, ein eigener Organismus entsteht, die Gruppe als Einheit ein eigenes Wesen entwickelt.
In unserer Jugendarbeit existieren zur Zeit drei Hauskreise mit recht unterschiedlichen Leuten und dadurch als Gruppe sehr individuellen Wesenszügen. Während es dem einen Kreis recht leicht fällt, neue Leute einzuladen und aufzunehmen, ist dies bei einem anderen Hauskreis nicht der Fall.
Die Schwierigkeit der dortigen Teilnehmer, die Grenze nach außen zu öffnen hat schon für etliche Diskussion von außen gesorgt. Die Gruppe stieß auf Unverständnis und Kritik, die Leiter wurden darauf hingewiesen, dass die Gruppe doch eigentlich offen sein müsste und sich wachstumsorientiert verhalten sollte.
Der oben verlinkte Artikel zu den Vier Bereichen der Zugehörigkeit erlaubt es mir nun, die beobacheten Phänomene etwas klarer zu verstehen.
Zwei Dimensionen scheinen mir dabei von Bedeutung:
- Die Einordnung der Beziehung der Gruppenmitglieder in einen der vier genannten Bereiche
- Die Offenheit, neue Personen/Beziehungen in diesen Bereich zu integrieren
Dabei wird natürlich das Verhältnis zwischen diesen beiden Dimensionen durch die Einstellung der Gruppenmitglieder bestimmt. Sind die Gruppenmitglieder durchweg sehr selbstbewußt und extrovertiert, wird die Schwelle für neue Kontakte sehr niedrig sein.
Sind auch nur einige Gruppenmitglieder zurückhaltend, introvertiert, werden schwer warm, gibt es zwei Möglichkeiten:
- Sie werden eben wegen ihrer Zurückhaltung bei Entscheidungen übergangen
- Ihr Wesenszug wird von der Gruppe wahrgenommen und berücksichtigt.
Berücksichtigt die Gruppe jedoch das Offenheits-Wesen aller ihrer Mitglieder, ergibt sich automatisch im Verhältnis zur Beziehung eine höhere Einstiegsschwelle für neue Mitglieder, da diese Schwelle eben durch "das schwächste Glied" der Kette bestimmt wird. Die Gruppe sondiert sehr viel sorgfältiger, ob sie eine neue Person in ihrer Mitte aufnehmen will oder nicht.
In der Rückschau hat das Zellwachstums- und Teilungskonzept dort am Besten funktioniert, wo die Gruppenbeziehung sich eher an der Grenze zwischen sozial und persönlich befand und das Selbstbewußtsein der Gruppe als Ganzes hoch war, und hat dort am meisten Schwierigkeiten verursacht, wo die Beziehung sich im Bereich von persönlich bis hin zu intim abspielte und die Gruppenmitglieder als eher zurückhaltend zu charakterisieren waren.
Gerade bei Kleingruppen im Bereich der Teenager-Arbeit scheint mir jedoch die Chance recht hoch, dass in einer Gruppe auf die Dauer sowohl Beziehungen am Übergang von persönlich nach intim entstehen, als auch durch pubertätsbedingte Unsicherheiten und emotionale Unstabilitäten die Schwelle für die Aufnahme neuer Mitglieder recht hoch ist.
Aussagen, wie: "Dann wird sich vielleicht die Atmosphäre hier ändern" oder "Dann sage ich erstmal nichts mehr von mir" drücken dabei die unterschwelligen Empfindlichkeiten aus.
Diese können im Hinblick auf eine funktionierende Arbeit der Gruppe nicht einfach wegdiskutiert, sondern nur aufgenommen werden.
Dies gilt es zu berücksichtigen, wenn von einer Leitung außerhalb dieser Gruppe quantitatives Wachstum und Teilung als Gemeindewachstums-Konzept favorisiert werden, um dem generellen, übergeordneten Ziel einer Gemeinde gerecht zu werden, ihren Besuchern ein zu Hause zu bieten.
Nun legt das Verhalten der Gruppe bei Betrachtern von Außen die Vermutung nahe, dass es sich bei einer solchen eher geschlossenen Gruppe um eine neurotische Gruppe handelt (s. dazu Beschreibung in: Christsein glaubwürdig leben), das muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein.
Dazu ist nämlich nicht nur von Bedeutung, wie sich die Gruppe in Bezug auf sich selbst und ihren Gruppentermin verhält, sondern wie sich die Mitglieder im Rahmen des sozialen und des öffentlichen Bereiches verhalten. So kann es sein, dass die Gruppenmitglieder gerade aus der Erfahrung der persönlich-intimen Gruppe heraus eine Stärkung erfahren, im sozialen und öffentlichen Bereich offen und zugänglich für neue Kontakte zu sein und sie daher die Einstiegsschwelle dort niedrig halten.
Neben der Teilung einer funktionierenden Gruppe besteht auch noch die Möglichkeit der "Sendung", d.h. aus der Gruppe heraus werden Einzelne entsandt, neue Gruppen ins Leben zu rufen und diese aus der Erfahrung der Ursprungsgruppe heraus zu gestalten.
Die könnte man vielleicht eher wie ein Kristallisations-Konzept oder gar Molekular-Konzept als Gegenbild zu einem Zellkonzept bezeichnen.
Dabei wird die Ursprungsgruppe nicht zerstört und dennoch ein Wachstum im Gemeindefeld verzeichnet.
Abonnieren
Posts (Atom)