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2007-11-08

JA-GoDi: Gottesdienst - alttestamentlich

Weiter geht es in der Reihe zum Arbeitsmaterial "Jahresaufgabe Gottesdienst" der Jugendarbeit des Bundes Freier evangelischer Gemeinden.

Der zweite Artikel, von Ingo Briel, ist betitelt mit: "Gottesdienst in der Hebräischen Bibel" und führt uns in das Gottesdienstwesen des Alten Testamentes ein, wobei der Begriff "Altes Testament" bewußt durch "Hebräische Bibel" ersetzt wird, um ein falsches Verständnis von "alt" als gleichbedeutend mit "überholt" zu vermeiden.


Bedenke ich die Tendenzen in der postmodernen Debatte, so scheint mir diese Gefahr weniger zu bestehen, da dort durchaus eine unter dem Begriff Retro-Spiritualität geführte Diskussion gerade die Suche nach Ursprünglichem in den Gestaltungsweisen hervorbringt statt sie zu vermeiden.

Allgemeines

Dieser Abschnitt, als Einleitung, glänzt in meinen Augen damit, dass er drei Grundaussagen trifft, die es tatsächlich in der Diskussion um Gottesdienstgestaltung zu beachten gilt:

1.) "Zum einen findet man in der HB nicht eine einheitliche Form des Gottesdienstes"
2.) "Zum anderen muss man bedenken, dass es im Laufe der Geschichte Israels eine Reihe von Veränderungen in der Gottesdienstpraxis gegeben hat."
3.) "[...]zwei Traditionen, die den Gottesdienst in Israel zu jeder Zeit ausgezeichnet haben: Die Begegnung mit dem heiligen Gott und das Bekenntnis zu ihm als Retter Israels."

Meiner Ansicht nach eröffnen diese drei Aussagen eine weite Tür, die es ermöglicht, Form und Durchführung von Gottesdiensten prinzipiell zu hinterfragen. Es gibt eben keine Form und keine Praxis, die als konstitutiv für den Gottesdienst aus den ältesten Schriften bereits abgeleitet werden kann. In diesem Wissen muss man also jeder voreiligen Ablehnung von Formänderungsvorschlägen und Praxisexperimenten prinzipiell in der Weise kritisch gegenüberstehen, ob diese tatsächlich theologisch begründet, seelsorgerlich begründet oder möglicherweise nur in einem starren Festhalten an einer bestimmten Kulturform und einer Inflexibilität in der Denkweise begründet ist.

Gerade was die theologische Begründung angeht, liefert der dritte Punkt aber zwei kraftvolle Prüfsteine für die Beurteilung von Formen und Praxis, und zwar sowohl der neu anzudenkenden als auch der aktuell ausgeübten.

Die Leitfragen können dabei sein:

  • Was bedeutet eigentlich "Begegnung mit Gott"?
  • Wie/Wodurch findet diese statt?
  • Welche (Ausdrucks-)Formen ermöglichen ein authentisches, freies, ehrliches Bekenntnis?

Die Begegnung mit dem heiligen Gott

Dieser Abschnitt enhält drei wichtige Punkte. Erstens, dass zu einem Gottesdienst im alten Testament eine Vorbereitung auf die Begegnung mit Gott gehörte, zweitens, dass Gottesdienst durch Ehrfurcht vor Gott geprägt war und drittens, dass eine Reaktion auf die Begegnung mit Gott quasi als Verpflichtung angesehen wurde und somit konkrete Auswirkungen auf den Alltag hatte.

Speziell aus dem Punkt der Vorbereitung möchte ich hier noch einen Abschnitt hervorheben:

"Somit lässt sich festhalten, dass der Gottesdienst in der HB nie unvorbereitet begangen wird. Er erforderte eine zeitliche und körperliche Vorbereitung. Der Pilger stellt sich auf die Begegnung mit Gott ein und erhofft eine Veränderung seiner Lebenssituation durch die Zuwendung Gottes: rettende Hilfe und lebensermöglichenden Segen. Das zeigt, dass der Pilger den Gottesdienst mit einer konkreten Erwartung begeht, die sich aus seiner Lebenssituation ergibt." (Hervorhebungen von mir).

Interessant ist hier, dass relativ unvorbereitet das Wort 'Pilger' eingeführt wird. Zum Tempel zu gehen bedeutete also, zum Teil erhebliche Mühen auf sich zu nehmen, um aktiv die Gottesbegegnung zu suchen. Dieser Aspekt gerät heute fast vollständig ins Hintertreffen, wo die größte Mühe für manche lediglich darin besteht, sonntags morgens frühzeitig aus dem Bett zu kommen. Auch ist für uns in der nach-neutestamentlichen Zeit Lebende die Vorstellung eines Gottes, der im Tempel seinen Wohnsitz hat, aufgehoben, wodurch der Besuch des Gottesdienstsaales seine besondere Heiligkeit in Relation zu alltäglichen Orten zu alltäglichen Zeiten nicht mehr in dem Maße aufweist, wie es für den alttestametarischen Israeliten bestanden haben muss. Gottesbezug, Gottesbegegnung hat viel mehr mit dem Hier und Jetzt, mit dem Ich und Du, als mit dem besonderen Ort und der besonderen Zeit zu tun.
Die Vorstellung, dass ich in ausgezeichneter Weise im Gottesdienst(-saal) Gott begegnen kann, darüberhinaus aber eher weniger, scheint in heutiger Zeit ein krasser Widerspruch zu Gottes Allgegenwart, allgegenwärtigem Handeln und dem Gesandtsein in die Welt (=Alltag) zu sein. Prinzipiell kann ich überall -zu jeder Zeit an jedem Ort- Gott begegnen, indem ich mich aus der Hektik zurückziehe und mich auf die Gegenwart Gottes, die sowieso schon besteht, einlasse.
Dadurch wird der Gottesdienst als zeitlich und örtlich gebundes Ereignis weniger zu einer Begegnung mit dem Heiligen, als es für den Israeliten der Fall war. Vielmehr zu einem 'Date', welches sich zwar durch besondere Handlungen und besonderes Zeit Nehmen für die Begegnung (Hinwendung) hervorhebt, jedoch nicht im Grundwesen von anderen Zeiten unterscheidet.

Und doch zeigt die zweite Hervorhebung, dass auch für den frühen Israeliten eine enge Verbindung zwischen der Gottesbegegnung und seinem Lebensalltag bestand. Das Aufsuchen der Gottesbegegnung, das Auf-sich-nehmen der Mühe war mit der konkreten Absicht verbunden, aus dieser Begegnung nicht unverändert hervorzugehen. Diesen Punkt gilt es auch heutzutage zu beachten, und zwar sowohl als Gottesdienstbesucher als auch gerade als Gottesdienstgestalter. Für Letztere ist die Frage relevant: "Ermöglicht unser Gottesdienst es den Besuchern, aus dem Gottesdienst verändert herauszugehen? Fördert er dieses Erleben?".

Bedeutung für heute

Während der vorherige Abschnitt einige durchaus nachdenkenswerte Impulse aus der Darstellung des alttestamentlichen Gottesdienstverständnisses bereithält, verliert dieser zweite Abschnitt in meinen Augen einiges. Als logische Konsequenz aus dem vorher Gesagten wird natürlich abgeleitet, dass für uns eine Vorbereitung auf Einstimmung auf den sonntäglichen Gottesdienst anzuraten sei und dazu konkret vorgeschlagen, sich die eigene Lebenssituation und seine Erwartungen vor dem Gottesdienstbesuch bewusst zu machen und mit Gottes Gegenwart und seiner Reaktion auf meine Bedürfnisse zu rechnen. Dazu wird angeraten, sich kokreter auf den Gottesdienst vorzubereiten und zu diesem Zweck auch einmal vor diesem jeweils einen der Wallfahrtspsalmen zu lesen. Auch der Hinweis, dass eine Gottesdienstvorbereitung nicht erst sonntags morgens beginnen könne, sondern bereits am Samstag abend beginne, ist sicher ein Punkt, der angesprochen werden kann, aber nicht als generellen Rat ohne Beachtung persönlichen Typusses und persönlicher Zugangsweisen des Einzelnen in dieser Form gemacht werden sollte.

Besondere Aufmerksamkeit erregte bei mir dann folgender Absatz:

"Dabei ist die Praxis zu hinterfragen, ob lange Feiern, inklusive Alkohol und Nächte durchfeiern, eine gute Vorbereitung auf den Gottesdienst sind. Der Genuss von Alkohol an sich stellt dabei nicht das Problem dar, solange es in Maßen geschieht. Auch das Weggehen und Feiern mit Freunden ist nicht das Problem. Nur wird dabei öfter der Gottesdienst am nächsten Morgen vergessen. Entweder wird er im eigenen Bett oder im Gottesdienstraum der Gemeinde verschlafen."

Interessant ist hier, dass eine nicht unerhebliche Erwartungshaltung an die Gottesdienstbesucher und deren Einstellung und Verhalten zu Tage tritt. Nicht hinterfragt wird aber die "gängige Praxis", trotz der Veränderungen in der Gesellschaft um uns herum in Bezug auf die Wochenendgestaltung Gottesdienste am Sonntag Morgen stattfinden zu lassen. Diese Praxis stellt sich aber zunehmend als nicht mehr zeitgemäß heraus. Gerade in einer Zeit, wo die Absonderung der Christen aus dem Rest der Gesellschaft (á la "ein Christ geht sonntags nicht auf den Fußballplatz!") nicht mehr funktioniert und diese gleichzeitig immer weniger Rücksicht auf religiöse Vorgaben nimmt, wäre es angeraten, über kulturkompatible Gottesdienstzeiten neu nachzudenken.

Hervorheben möchte ich abschließend den auch im Original hervorgehobenen Schlusssatz:

"Die Begegnung mit Gott im Gottesdienst sollte weder etwas Überraschendes und Seltenes, noch bloße Routine sein. Die Begegnung mit Gott kann nur das bleiben, was sie ist: lebensverändernd."

2007-08-24

JA-GoDi: Gottesdienst - neutestamentlich (Teil 2)

Elemente des Gottesdienstes

Gebet

In diesem Abschnitt wird anhand der Angabe vieler Verse gezeigt, dass sowohl das Vater-Unser als auch freie und vorformulierte Gebete ständiger Bestandteil der Gottesdienste waren.

Linder stellt anschließend die Frage, welche Rolle das Vater-Unser in unseren Gottesdiensten spielt, und in welchem Verhältnis freie und vorformulierte Gebete zueinander stehen.

Bekenntnis

Linder schließt aus Bibelversen des Paulus, dass die ersten Christen in ihren Gottesdiensten Bekenntnisse zitierten "um sich gegenseitig zu vergewissern, was und woran sie glaubten".

Dazu stellt er die Frage, warum in unseren Gottesdiensten auf das Sprechen eines Glaubensbekenntnisses so gut wie verzichtet wird.

Die Frage scheint durchaus berechtigt, wenn man bedenkt, dass wir zur Zeit in einer Gesellschaft leben, die sich nicht nur von Kirche und Christentum abgewandt hat, sondern deren Inhalte auch gar nicht mehr kennt.

Ein Glaubensbekenntnis -insbesondere eines, welches die Gemeinde als Ganzes sprechen und eben auch inhaltlich nachvollziehen soll- hat aber in der heutigen Zeit der pluralisierenden, tolerierenden Ansichten auch einiges an Brisanz.
Bevor daher auch gerade in Betrachtung auf Jugend ein Glaubensbekenntnis im Gottesdienst gesprochen werden kann, ist dieses erst einmal als gemeinsames Bekenntnis überhaupt zu erarbeiten. Was heißt es im Zeitalter von Aufklärung und Nach-Aufklärung zum Beispiel, von einem "Schöpfer des Himmels und der Erden" zu reden? Ist dies nicht Ausdruck eines längst überholten, hinter uns gelassenen Weltbildes?

Haben wir nicht viele traditionelle christliche Bilder und Vorstellungen der Wirklichkeit eigentlich schon durch modernere ersetzt?

Und erfassen wir und verstehen wir wirklich noch die Aussagen in traditionellen Formulierungen? Was heißt es eigentlich wirklich, dass Jesus "zur Rechten Gottes" sitzt?

Wie also muss ein Glaubensbekenntnis formuliert sein, dass auf das zeitgemäße Wissen um das Wesen des Universums Bezug nimmt und die aus der Sicht des Glaubens wahrgenommene Wirklichkeit nicht gegen die vom Verstand erfaßte Wirklichkeit ausspielt?

Schriftlesung und Predigt

In diesem Abschnitt hebt Linder anhand von Bibelstellen hervor, dass generell die lehrhafte bzw. prophetische Predigt "einen hohen Stellenwert hat und dem Mittelpunkt des Gottesdienstes bildet". Hier fällt auf, dass diese Erläuterung bereits eine Auslegung beinhaltet, da Linder in diesem Zitat in der Gegenwartsform schreibt, wo er vorher eine Vergangenheitsbeschreibung machte.

Interessant ist, dass er in seinem Analysetext fast ausschließlich die Auslegung der gelesenen Texte hervorhebt, im Anschluß die Frage stellt, was es bedeutet, dass heute immer mehr Themenpredigten gehalten werden im Gegensatz zu Textauslegungen, dann aber im Zusatz unter 'Idee' empfiehlt, auf eine Textlesung eine Zeit der Stille folgen zu lassen, damit "Gott durch sein Wort redet (auch ohne Auslegung)".

Das eigenständige Reden des Bibeltextes, ohne viel Worte drumherum, das begegnende Wirken des Wortes, ggf. nicht nur vorgelesen sondern künstlerisch präsentiert durch die Darstellungsweise, ist ein sehr bedenkenswerter Punkt für zeitgenössische Gottesdienste, der in diesem Abschnitt leider sehr im Hintergrund blieb.

Abendmahl

Im letzten Absatz des zweiten Teils führt Linder kurz aus, dass das Abendmahl bei den ersten Christen ein weitaus stärker betontes und wiederkehrendes Element des Gottesdienstes war, und fragt sowohl nach der Bedeutung für uns heute als auch danach, ob es "sinnvoll [ist], es (nur?) einmal im Monat zu feiern".

Schluss

Das Schlusswort Linders besteht im Zitat von G. Carey:
"Der Gottesdienst ist unser Schaufenster für die Welt. Wenn unser Gottesdienst so attraktiv wie inhaltsreich, so fröhlich wie tiefgründig und so wirklichkeitsbezogen wie schriftgemäß ist, wird Gott ihn dazu benutzen, viele Menschen zu sich zu ziehen".

Weise Worte zum Schluss, denen wohl fast jeder zustimmen wird.

Aber mir stellt sich die Frage: Was fange ich damit an?
Schließlich wird keiner der skeletösen Begriffe konkret mit Fleisch versehen. Fängt doch das Problem in Diskussionen um Jugend und Gottesdienst meist schon bei der Frage der Attraktivität an, die wahrscheinlich auch Einfluß auf die ausgedrückte Fröhlichkeit (oder der Fröhlichkeit des Ausdrucks?) haben wird. Und gerade der Wirklichkeitsbezug ist ein umfassend debattierbares Thema in einer pluralistischen Gesellschaft, deren Mitglieder in sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten leben.

Die eigentliche Frage also ergibt sich erst: Was bedeuten denn diese genannten Attribute überhaupt für uns? Und wie können und sollen wir diese gestalten und umsetzen?

2007-08-23

JA-GoDi: Gottesdienst - neutestamentlich (Teil 1)

Im ersten Artikel schreibt Lars Linder unter dem Titel "Gottesdienst wurde auch im Neuen Testament gefeiert" über die Art und Weise, wie unsere sonntägliche Versammlung vom Neuen Testament her verstanden werden soll.

Direkt sein erster Satz ist dabei eine sehr interessante Einleitung:
"Wenn wir die neutestamentlichen Bücher lesen, zeigt es sich, dass es nicht eine Form von Gottesdienst gibt, sondern dass die ersten Christen in den verschiedenen Gemeinden unterschiedliche Schwerpunkte setzten." (Unterstreichung im Original)

Dieser Satz macht deutlich, dass es zwar Verbindendes zwischen den Gemeinden sowie ihrem jeweiligen Gottesdienst gibt, aber eben auch Unterscheidendes unter den Gemeinden, welches in der jeweiligen Gottesdienstform seinen Ausdruck findet.

Das Verbindende und Einheit Stiftende soll in dem Artikel herausgearbeitet werden.

Der Artikel teilt sich in zwei Bereiche: Zunächst wird Grundlegendes zum Gottesdienst besprochen, danach auf die Elemente des Gottesdienstes eingegangen. Jeder darunter eingeordnete Abschnitt erläutert zunächst die Aussage der Überschrift und stellt dann eine Anfrage oder eine Idee zum Weiterdenken vor.

Grundlegendes

Gottesdienst wird im Namen Jesu gefeiert

"Jesus ist sozusagen der 'Ausrichter dieser Veranstaltung'". Unter diesem Motto erläutert der erste Abschnitt, was die Einleitungsworte in den Gottesdiensten, die diese in einem besonderen "Namen" beginnen, eigentlich bedeuten, und dass sie mehr sind als eine Floskel. Gott lädt uns ein zu seinem Fest.

Gott ist gegenwärtig

Kurz und knapp wird hier zunächst dargestellt, dass Gott im Gottesdienst da ist. Dabei ist, mitten unter uns.

In der Anfrage übt Linder dann Kritik an Aussagen wie: "Das Musikteam wird uns jetzt in die Gegenwart Gottes führen".
Seiner kritischen Meinung nach klingt dies so, als sollte Gott herbeigesungen oder herbeigerufen werden.
Eine andere Sichtweise, nämlich dass das "in die Gegenwart Gottes führen" vielleicht eher damit zu tun hat, dass wir Menschen, obwohl im Gottesdienst sitzend, einfach nicht 'da' sind, und erst in das Bewußtsein der Anwesenheit Gottes geführt werden müssen, sozusagen 'ankommen' müssen, stellt er leider nicht dar.

Linder beschreibt, dass wir zur Gemeinschaft zwischen Gott und uns selbst nichts beitragen können, und folgert: "damit ist alle religiöse und kultische Leistung hinfällig".
Wobei er Kultus beschreibt als "das Unternehmen des Menschen, sich mit irgendwelchen Verrichtungen, Gebärden oder Dingen in einen Sonderbereich zu begeben, in dem er Gott näher zu sein glaubt und in dem er Gottes Wohlgefallen besitzt oder erwirbt".

Diese Aussage ist sehr empfindlich. Denn das "in einen Sonderbereich begeben" scheint mir eine sehr spezielle Auslegung des Begriffes 'Kult', der eigentlich viel allgemeiner gefasst jegliche rituelle religiöse Handlung beschreibt, z.B. auch unsere Liturgie und Abendmahls- und Taufzeremonien.

So verwirrt es mich als Leser auch etwas, wenn er direkt im Anschluß an diese Aussagen unter dem Punkt Idee empfiehlt, symbolisch eine bzw. drei Kerzen auf den Abendmahlstisch zu stellen, weil diese helfen können, uns die versprochene Gegenwart Gottes vor Augen zu führen.

Kein "Kult" ?


Gottesdienst heißt zu allererst: Gott dient uns

Hier spricht Linder einen wesentlichen Punkt an. "Im Gottesdienst begegnet Gott uns Menschen". Dies ist der wesentliche erste Ausgangspunkt, und erst als Folge daraus ergibt sich: "Und weil Gott uns dient, können wir ihm als Antwort im Alltag dienen".

Hier führt Linder kurz über das Wort "Gottesdienst" als Versammlungsbezeichnung hinaus zum Begriff "Gottesdienst" als christliche Alltagshaltung.

Seine Anfrage ist daher über die Versammlungsthematik hinaus sehr bedenkenswert:
"Wie sind bei uns 'Sonntagsgottesdienst' und 'Gottesdienst im Alltag' verzahnt?"



Gottesdienst wird gemeinsam gefeiert, über alle menschlichen Grenzen hinweg

Linder zeigt hier auf, dass auch die frühen Gemeinden schon das Problem hatten, Christen unterschiedlicher Kulturprägung, Sozialisation und Alter vereinen zu sollen, und führt aus:
"Und die Antwort war nicht, dass zwei verschiedene Gottesdienste eingerichtet wurden". (Unterstreichung im Original)

Die Gottesdienste der ersten Gemeinden waren also auf Einheit der Christen ausgerichtet. Dies mag uns anleiten und eine Richtschnur sein. Andererseits bleibt die Frage, inwieweit dies aus der Zeit der ersten Christen tatsächlich in unsere heutige Kultur transportierbar ist, oder ob Dinge nicht über die Jahrhunderte auch einmal neu durchdacht und verstanden werden müssen und können.

Seine Anfrage lautet:
"Was heißt das für uns heute, wo wir darauf getrimmt werden, für jede Zielgruppe einen Extra-Gottesdienst anzubieten? Wie kann ein Gottesdienst aussehen, wo Alte und Junge, Reiche und Arme, Deutsche und ausländische Mitbürger, Christen und Nichtchristen gemeinsam feiern und gleichermaßen angesprochen werden?"

Linders intensive Betonung des einen Gottesdienstes, seine -in meinen Augen polemische- Ablehnung von Zielgruppen-Gottesdiensten, ist ein wenig verwunderlich in einem Heft, in dem es entsprechend dem Vorwort eben um Jugend-Gottesdienste geht.

Noch eigenartiger klingen diese Worte, wenn ich auf der Homepage der Gemeinde Essen Mitte, in der er seit 2002 Pastor ist, zum Teen-Kreis lese:
"Parallel zum Gemeindegottesdienst am Sonntag um 10.00 Uhr feiert der Teeniekreis einen 'alternativen' Gottesdienst mit 12- bis ca. 17-jährigen Jugendlichen."

Schließlich frage ich mich, ob denn die Dichotomien der Anfrage stimmen. Geht es um "Alt und Jung"? Ist nicht allein die Pluralität der Gruppe "Jung" schon ein Problem?
Macht die kurze und knappe Gegenüberstellung der Dichotomien, die Verknüpfung mit dem Wort 'und' wirklich deutlich, wie groß die Spannung dieser Frage eigentlich ist?


Die ersten Christen besuchten regelmäßig den Gottesdienst

Nach einer ersten Euphorie fand sich ein wöchentlicher Gottesdienstrhythmus ein, und es wurde "gute Gewohnheit" für die Christen, hier auch beständig zu sein.

Hier gibt es keine Anfrage und keine Ideen. Meine Anfrage wäre zum Beispiel, einmal bewußt wahrzunehmen, was diese Forderung in der heutigen Gesellschaft bedeutet, die immer weniger auf die Wahrung des Sonntags rücksicht nimmt. Immer mehr Berufsgruppen oder auch z.B. Fußballvereine stellen die Möglichkeit zur Beständigkeit in Frage.

Auch ist 'Beständigkeit' überhaupt ein großes Problem unserer Kultur, die speziell der jüngeren Generation schon früh vermittelt hat, dass es Beständigkeit nicht gibt, alles im Fluß und Wandel ist, und nur der überlebt, der flexibel und ständig in Bewegung bleibt. Brüchige Familienstrukturen, schulisches Kurssystem anstatt Klassenverbund, große Mobilität im Job, häufig wechselnde Partnerschaften, flexible Arbeitszeiten...

Hier wäre es wichtig, Beständigkeit im Sinne tragfähiger Beziehungen nach außen zu vermitteln, anstatt Beständigkeit als Forderung an den Gottesdienstbesucher zu fordern.


Der Gottesdienst wird von verschiedenen Menschen in einer guten Ordnung gestaltet

Hier stellt Linder dar, dass der Gottesdienst prinzipiell von der Beteiligung aller lebt ("Männer und Frauen gestalten den Gottesdienst durch Gebete und Wortbeiträge mit"), jedoch Ordnung, ein gewisses Maß und ein Zusammenhang dazu gehören.

Bei den Versangaben zu 1. Kor. 14 gibt es hier übrigens eine kleine Lücke, die das problematische "die Frau schweige in der Gemeinde" umschifft.


Der Gottesdienst wurde öffentlich und verständlich gefeiert

Der letzte grundlegende Abschnitt erklärt, dass Gottesdienst eine öffentliche Sache war, und dass daher mit Nicht-Christen als Besuchern gerechnet wurde.

Daher bemühten sich die Gemeinden auch, den Gottesdienst verständlich zu halten, was auch bestimmte Ausdrucksformen betraf.

Auch hier fehlt wieder eine Anfrage. Mir wäre hier wichtig darüber nachzudenken, was denn "verständlich" in der heutigen Zeit heißt, die durch die Aufklärung nicht nur mit unterschiedlichen Glaubensinhalten zu kämpfen hat, wie Paulus, sondern vor allem auch mit dem absoluten Unglauben, mit der Abkehr von allem Transzendenten und Metaphysischen.

2007-08-21

JA-GoDi: Jahresaufgabe - Vorwort zu den Materialien

Im Vorwort führt Volker Muhlack in das Material ein und erläutert den Grund für die Herausgabe des Materials als "Jahresaufgabe" damit, "weil das Thema es erfordert!"

Damit scheint er mir als Jugendreferent deutlich machen zu wollen, dass das Thema Gottesdienst in Verbindung mit Jugendarbeit ein heikles Thema ist, dass besonderer Beachtung verdient und allgemein als nicht unproblematisch gesehen wird, um es einmal so auszudrücken.

Er beschreibt, dass der Trend zu Jugendgottesdiensten kofessionsübergreifend zu beobachten ist, und Jugendgottesdienste zu einem wichtigen Baustein in sehr vielen Gemeinden geworden sind.

Muhlack spricht den Leser mit "Du" an und steigt damit ein, dass das Heft "Hilfestellung zum praktischen Gestalten von Jugendgottesdiensten" geben will. Dadurch wendet er sich prinzipiell an den jugendlichen Leser, also die Zielgruppe der Jugendarbeit und auch der Jugendgottesdienste. Weiterhin leitet er in die Inhalte des Heftes ein, bis er schließlich erklärt: "Das Ziel sind nicht fehlerfreie, klinisch reine, perfekt gestylte Gottesdienstevents, sondern Dein bewusstes Miterleben und Mitgestalten von Gottesdiensten".

Insgesamt soll das Vorwort den jugendlichen Leser zu einer intensiven Beschäftigung nicht nur mit der Form sondern auch mit dem Gehalt und dem Fundament von Gottesdiensten motivieren, bis hin zu der Aussage: "Und wir wollen Mut zu einem gottesdienstlichen Lebensalltag machen".

Mit diesem Vorwort soll in der Jugendarbeit eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Gottesdienst angeregt werden, und der einzelne Leser dazu motiviert werden, Gottesdienst für sich selbst als Lebensthema zu erobern.

Nicht weiter ausgeführt hat Muhlack jedoch, wieso denn seiner Meinung nach das Thema "es erfordert", in besonderer Weise auf den Tisch gebracht zu werden.

Man kann erahnen, dass es darum gehen könnte, dass immer weniger Jugendliche den "klassischen" Gottesdienst besuchen und somit gottesdienstlicher Erfahrung fernbleiben. Jugend soll somit nicht nur das Gottesdienst Feiern wieder schmackhaft (weil bedeutsam) gemacht werden, sondern auch Mut gemacht werden, ihren Gottesdienst, Jugendgottesdienst, zu feiern. Mit entsprechendem Ernst und Tiefgang.

Man kann auch erahnen, dass möglicherweise Jugendgottesdienste zwar engagiert ins Leben gerufen wurden, aber weitere Hilfestellung notwendig ist, damit die Veranstalter dieser JuGos verstehen, was sie da eigentlich tun.

Kann man auch erahnen, dass möglicherweise das Thema Jugend-Gottesdienst noch weitaus mehr Brisanz hat, als aus den Zeilen Muhlacks hervorgeht? Schließlich ist die Einrichtung eines eigenen Gottesdienstes für eine spezielle Zielgruppe gerade in den oftmals nicht allzu großen Freien evangelischen Gemeinden auch über den Jugendbereich hinaus ein Diskussionsthema der Gemeinde.

JA-GoDi: Jahresaufgabe 2006: "Gottesdienst"

Aus einem gewissen aktuellen Anlass heraus habe ich mich entschlossen, eine neue Serie zu beginnen, und zwar zur "Jahresaufgabe Gottesdienst" , die die Jugend- und Teenagerarbeit des Bundes Freier evangelischer Gemeinden im Jahr 2006 herausgebracht hat.

Dabei handelt es sich um eine Materialsammlung, in der Artikel zum Thema Gottesdienst sowohl biblische Grundlagen als auch Überlegungen zu diversen Zugangswegen und Umgangsformen mit dem Thema, und schließlich auch praktische Hinweise zu Gestaltung, Predigt und Technik behandeln.

In dem Heft werden Artikel verschiedener Autoren des Bundes FeG nebeneinandergestellt, ohne einerseits auf einen gemeinsamen Konsenz zu beharren oder andererseits in einen Dialog zu treten. Der Dialog soll im Kopf des Lesers bzw. in Jugend- und Arbeitsgruppen in den Gemeinden stattfinden, das Heft will erarbeitet werden. Daher wohl auch der Titel "Jahresaufgabe", ein Konzept, welches wohl zehn Jahre zuvor zuletzt verwendet wurde.

In dieser Blogpost-Serie möchte ich die praxisorientierten Artikel ignorieren und mich mit den grundsatzbezogenen Artikeln auseinandersetzen.

Dabei dokumentiere ich natürlicherweise nur meine subjektive und selektive Wahrnehmung der Thematik und der Artikel.

Zunächst möchte ich den einzelnen Artikeln lediglich jeweils einen eigenen Post widmen. Möglicherweise werde ich noch weitere Posts ergänzen, in denen ich weiterführende Gedanken und dialogisches zu den Artikeln festhalten werde.