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2011-05-26

Weisheit ... ?!

Auf dem Laut-gedacht-Blog stellt M. die Frage, was denn genau geistliches Wachstum ist. Diese Frage hat bei mir einen eigenen Gedanken wieder angetriggert, der mir vor einer Weile schonmal durch den Kopf schoss. Nämlich:

Wie steht es heute eigentlich um den Begriff "Weisheit"?

Um darüber zu sprechen, muss man natürlich erst einmal den Gegenstand der Debatte definieren. Und hier kommt uns natürlich wieder Wikipedia zu Hilfe:
Als Weisheit wird eine transkulturell-zeitlose, universal-menschliche, reale oder ideale, entweder als reifungsbedingt erwerbbar oder aber als göttlich verliehen gedachte exzeptionelle Fähigkeit bezeichnet. Sie zeichnet sich durch eine ungewöhnlich tiefe Einsicht in das Wirkungsgefüge von Natur, Leben und Gesellschaft, besonderes Wissen, eine herausragende ethisch-moralische Grundhaltung und das damit verbundene Handlungsvermögen aus.
Weisheit ist auch explizit ein wichtiger Aspekt in der Bibel, z.B. archetypisch präsentiert durch die Figur des König Salomo. Auch werden einige Schriften der Bibel als sog. Weisheitsliteratur bezeichnet, da ihr Inhalt als die schriftliche Niederlegung von eben diesen tiefen Einsichten und/oder den daraus folgenden Handlungsanweisungen betrachtet wird. (vgl. dazu auch wieder Wikipedia).

Aus unserem heutigen Alltag ist der Begriff der Weisheit fast völlig verschwunden, und findet sich, wenn überhaupt, nur noch in fantastischer Literatur. Das allgemeine Streben geht in Richtung Wissenserwerb (Information), wissenschaftliche Beobachtung und Erkenntnis, den Ausbau kognitiver und kommunikativer Fertigkeiten als Mittel zum Zweck (sog. "Soft-Skills"), planerische und steuernde Fähigkeiten.

Weisheit jedoch, die neben all dem auch einen ethisch-moralischen Aspekt enthält, und die durch eher kontemplative Betrachtung der Welt und Meditation[1] über die beobachteten Phänomene zustande kommt, hat keinen Raum mehr.

Weisheit wurde früher unter anderem mit Lebenserfahrung in Verbindung gebracht, mit dem Alter und mit grauen Haaren. Weisheit bedeutete, dass der Erfahrene oder mit Erkenntnis Ausgestattete einen Rat gab, eine Handlung vollzog oder Ähnliches, die einem Jüngeren oder Unerfahreneren Hilfestellung und Leitung geben konnte.
Zum Weisen ging man, um sich einen Rat zu holen. Dem Weisen hörte man zu, denn was er sagte, hatte Bedeutung.

Heutzutage jedoch werden Alter und graue Haare eher mit anderen Aspekten in Verbindung gebracht: Senilität, überholter Tradition, Fixierung auf Vergangenes, Unverständnis für den modernen Lebensstil und daher Irrelevanz für diesen.

Man kann dies natürlich wieder mit der ungestümen Rebellion der Jugend, die nicht auf das Alter hören will, verargumentieren. Aber man kann es auch anders herum betrachten. Wenn die ältere Generation von vielen Dingen, mit denen moderne Menschen aufwachsen, überfordert sind (sowohl im geistigen Verständnis als auch in der moralischen Einschätzung), wie sollen sie da relevanten Rat geben können?
Jedenfalls nicht einfach deshalb, weil sie "alt" und somit "erfahren" sind.

Weisheit erfordert mehr. Sie erfordert, dass man "nach ihr strebt". Sich mit ihr bzw. ihren Inhalten auseinandersetzt. Die Welt aus einer gewissen Perspektive bewusst wahrnimmt und sich darüber Gedanken macht.

Aus religiöser Sicht, aus christlicher Sicht, ist Weisheit aber auch ein göttliches Geschenk. Eine Gabe. Etwas, das mit dem Glauben und mit Gott in Verbindung steht. Weisheit erfolgt aber auch aus dem Glauben, indem der Bekehrte lernt, die Welt aus Gottes Sicht zu betrachten.

Wikipedia:
Andererseits wird Weisheit auch mit persönlichen Erfahrungen in Zusammenhang gebracht: „Der Weg des Narren erscheint in seinen eigenen Augen recht, der Weise aber hört auf Rat.“ (Sprüche 12,15) Die Bibel enthält auch direkte Handlungsanweisungen zur Erlangung von Weisheit: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise!“ (Sprüche 6,6)

Aber auch aus der Kirche haben wir den Aspekt der Weisheit eher verdrängt. Das Wort wird auch hier eher selten in den Mund genommen. Von der Kanzel werden keine Weisheiten vermittelt, sondern theologische Richtigkeiten. Texte werden genommen, seziert, analysiert, positioniert, interpretiert. Die Vermittlung der Weisheit, oder besser: die Anleitung des Hörers hin zur Weisheit zu kommen, kommt zu kurz.

Das scheint mir ein Grund zu sein, warum unsere Gottesdienste und Predigten heute so flach wirken, warum sie so wenig Auswirkung auf den Alltag haben. Wir werden nicht an die Hand genommen, um die Welt aus Gottes Sicht zu betrachten, und dadurch weise zu werden. Es fehlt die Anleitung, wie wir das, was wir im Rest der Woche auf uns einwirken sehen, mit Weisheit betrachten können, um daran zu wachsen.

Auch hier wieder mein Punkt: Ist die Kanzel-Predigt überhaupt der richtige Weg, das zu tun? Hat Vermittlung von Weisheit nicht auch etwas damit zu tun, dass man jemanden auf einem Weg begleitet?
In Israel war es damals üblich, dass Schüler ihren Lehrer auf Wanderungen begleiteten, und erlebten, wie dieser die unterschiedlichen Situationen des Lebens, mit denen sie konfrontiert wurden, behandelte. Wie er über sie dachte, was er darüber sagte, und welche Handlungen er daraus ableitete.
Und: Die Lehrer waren dazu da, Weisheit und Erkenntnis zu vermitteln, nicht lediglich Wissen und Fertigkeiten.

Leider glauben wir, anderen Menschen, und insbesondere unseren Kindern und Jugendlichen, Weisheit und Glauben mit dem Textbuch und der Gruppendiskussion vermitteln zu können.

Aber Weisheit hat nicht nur etwas mit dem Predigt- und Lehr-Stil zu tun. Weisheit ist ebenso ein wesentlicher Aspekt der christlichen Seelsorge. Hier ist der Punkt, wo es wirklich um die einzelne Person und ihren Lebensstil geht. Hier ist der Punkt, wo wirklich gezielt ihre Fragen und ihre Probleme zum Thema werden.
Hier ist der Punkt, wo viel für die Person Relevantes vermittelt werden kann. Wenn in dieser Situation Weisheit beteiligt ist, so führt sie am unmittelbarsten zu Handlungsanweisung, zu Veränderung.

Daher ist Seelsorge -in jeder möglichen Form- ein so wichtiger Aspekt von Gemeinde, und daher ist es tragisch, wenn dieser Aspekt im Gemeindeleben zu kurz kommt und zu wenig thematisiert wird.


Meine Fragen lauten daher am Ende:
Wo kann man "Weisheit" in Kirche erleben?
Wie kann "Weisheit" wieder ein Thema in Kirche werden?
Wie wollen wir künftig "Weisheit" vermitteln?


[1] "Meditation" ist hier nicht im Sinne einer religiösen Übung gemeint, sondern eher zu verstehen als das tiefe Nachdenken über Gesehenes und Gehörtes, das Zeit braucht und sich diese Zeit auch nimmt.

2010-08-09

Morgengedanken: Das Gewebe des Lebens

Ein grüner Faden in einem roten Teppich ist bedeutungslos.

Erst viele grüne Fäden in einem roten Teppich werden wahrgenommen. Haben die Chance, Strukturen herauszubilden, Muster. Vielleicht sogar Muster mit Bedeutung.

Die Entscheidungen jedes Einzelnen, zu reden oder nicht zu reden, zu handeln oder nicht zu handeln, haben Einfluss auf seine Umgebung. Auf seine Mitmenschen. Setzen Impulse, oder nicht. Bringen andere dazu, zu reden oder nicht zu reden, zu handeln oder nicht zu handeln, eigene Entscheidungen zu treffen. Aktion führt zu Reaktion führt zu Reaktion führt zu Reaktion.

So sind wir alle Fäden in einem Gewebe. Fäden mit unterschiedlichen Farben. Jede Entscheidung, jede Aktion oder Nicht-Aktion hat Einfluss auf die Umgebung, und somit auf das Gesamtbild.

Zu jedem Zeitpunkt bildet die Summe aller Entscheidungen, aller Aktionen oder Nicht-Aktionen, Strukturen aus. Muster. Und diese Strukturen und Muster verbinden sich zu übergeordneten Strukturen und Mustern, zu Formen, bis sich schließlich das Gesamte zu einer Gesamtstruktur vereint. Die übergeordnete Gestalt des Seins formt sich heraus.

Gestalt des Seins vor dem Hintergrund des Nicht-Seins.

Jede Generation bildet die Basis, das Fundament, auf dem die nächste Generation heranwächst. Entscheidungen, Aktionen und Nicht-Aktionen bestimmen, welche Werte, welche Anlagen, welche Vorlagen wir der nächsten Generation als Grundlage ihrer Entscheidungen mit auf den Weg geben.

Die Welt ist im Wandel. Jede Generation trifft neue Entscheidungen, neue Aktionen und Nicht-Aktionen. Mit jeder Generation verändert sich das Gesamtbild, die Gesamtstruktur über die Zeit. Das Gebilde unterliegt insgesamt einer Evolution.

So wie ein Faden einen Anfang und ein Ende hat, so hat unser Leben ein Anfang und ein Ende.
Und ist doch Teil des Gesamtgewebes namens Leben.
Nicht nur zu einer Zeit, sondern über die Zeiten hinweg betrachtet, bildet das Leben ein Gesamtgebilde. Eine Struktur aus Strukturen der einzelnen Zeiten. Eine Über-Gestalt.

Auch wenn ein Leben nur 80 Jahre dauert, in einer Flut von Tausenden von Jahren, in einem See von Milliarden Individuen pro Generation. So ist doch jedes einzelne Leben ein Faden, der Teil des gesamten Gewebes ist, und mit zum Muster beiträgt.

Und das gesamte Muster mag mehr sein, als eine Ansammlung von Strukturen. Es mag Form haben, mag eine Gestalt bilden. Und mit dieser Gestalt auch Bedeutung.

Vielleicht ist ein Leben wenig bedeutsam, im Vergleich zur Menge an Menschen in der Welt, zu allen Zeiten. Aber jedes Leben ist doch Teil der gesamten Gestalt und trägt dazu bei.
Ein Atom für sich mag unwichtig sein. Aber alle Atome zusammen sind bedeutsam, bilden Körper, Wesen, mich.

Wenn es keine Atome gäbe, gäbe es mich nicht. Die Gesamtheit aller Leben, die wir leben, bildet die Gestalt des Lebens aus. Ein Leben mag für sich betrachtet wenig bedeutsam sein, aber wenn alle Leben bedeutungslos wären, gäbe es die Gesamtstruktur nicht. In der Gesamtstruktur liegt die Bedeutung des Einzelnen. Es geht ums Ganze.

Das Wissen um diese Zusammenhänge könnte unsere Entscheidungen, unsere Aktionen und Nicht-Aktionen beeinflussen. Wo bekommen wir dieses Wissen gelehrt? Sind wir in der Lage, es zu verstehen? Sind wir in der Lage, damit umzugehen? Oder macht es uns hilflos, sind wir überfordert? Resignieren wir?

Wer bin ich? Als Einzelner. In meinem sozialen Umfeld. Auf der Arbeit. In der Gemeinde. In den Beziehungen, in denen ich lebe.

Wer sind wir als Gemeinde? In unserem sozialen Umfeld. Unserer Stadt. Unserem Land. In den Beziehungsstrukturen, die wir leben. Oder auch nicht leben. Gestalten oder auch nicht gestalten.
Kontrollieren, oder einfach nur geschehen lassen.

Der Faden im Teppich weiß nichts von dem Muster, was er selbst mit bildet. Er kann es nicht erfahren. Nicht erfassen. Selbst das Wissen, Teil einer größeren Struktur zu sein, würde nicht helfen. Die Struktur zu Erfassen würde bedingen, sie zu verlassen. Aus ihr aufzusteigen und sie von außen wahrzunehmen. So bleibt es: Das Gewebe des Lebens können wir trotz aller Philosophie und Theologie nie wirklich begreifen. Unser Sein, unser Erleben ist mehr, als wir begreifen können. Hier steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.

Gibt es einen Gott? Wenn ja, dann ist diese Wesenheit außerhalb des Gewebes namens Leben. Außerhalb der Gestalt, die unser aller Sein bildet.
Und damit ist sie erst recht unfassbar. Unbegreifbar. Jeglicher Versuch, sie zu verstehen muss zwangsläufig und unbedingt scheitern.

Alle unsere Versuche, über diese Wesenheit zu reden, sie in Worten darzustellen, müssen zwangsläufig weitaus zu kurz greifen. Sie sind lediglich Metaphern. Angepasst auf unseren Verstehenshorizont. Gedankenmodelle. Und armselige noch dazu.

Doch wo bekommen wir das überzeugend und begreifbar vermittelt? Wo werden uns klar und logisch die Grenzen des Verstehens gelehrt? Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich kenne mein Nichtwissen.

Viel zu oft verwechseln wir die Metaphern, die Gedankenmodelle, mit der Realität. Glauben, wir hätten die Wesenheit vollständig erfasst. Dann "wissen" wir plötzlich so viel. Wir "wissen", wie das Leben ist, wie Gott ist, wer wir sind, worum es geht, was zu tun ist und was zu lassen ist.
Und in diesem Moment entfernen wir uns weiter denn je von der Realität. Der göttlichen Wahrheit. Und wir merken es nicht einmal. Denn das Wissen um die eigenen Lücken und Grenzen setzt zunächst erstmal Wissen voraus. Aber anstatt nach dem Wissen zu streben, sind wir viel zu oft mit unseren Vermutungen und Phantasien zufrieden.

Wo bekommen wir gesundes Wissen gelehrt? Wo finden wir das, was in früheren Zeiten als Weisheit bezeichnet wurde? Das, was die Gesamtheit in den Blick nimmt und sich Zeit und Ruhe für Wahrnehmungen und Entscheidungen lässt? Nicht überhastet, nicht überlastet, nicht überstürzt? Nicht zu kurz greift, blind, mit Scheuklappen?

Quergedachte Gedanken - vertikal erhoben - der Blick frei - über den Tellerrand - zu neuen Horizonten

2009-11-19

Was ist eigentlich ein "Kategorienfehler" ?

Was ist eigentlich ein Kategorienfehler?

Laut Wikipedia:
Unter Kategorienfehler versteht man eine bestimmte Art von Fehlschluss. Ein Kategorienfehler liegt vor, wenn ein Terminus einer bestimmten Kategorie durch einen Terminus ersetzt wird, der nicht zu dieser Kategorie gehört.
Unter dem Link zum Lexikon der Linguistik finden wir ein Beispiel:

Ein Ausländer kommt zum ersten Mal nach Oxford oder Cambridge, und man zeigt ihm eine Reihe von Colleges, Bibliotheken, Sportplätzen, Museen, Laboratorien und Verwaltungsgebäuden. Nach einiger Zeit fragt er:

„Aber wo ist denn die Universität? Ich weiß jetzt, wo die Mitglieder eines College wohnen, wo die Verwaltung untergebracht ist, wo die Wissenschaftler ihre Versuche machen und so weiter. Aber warum zeigt man mir nicht die Universität, wo die Mitglieder eurer Universität wohnen und arbeiten?“

Dann muss man ihm erklären, dass die Universität nicht noch eine weitere ähnliche Institution ist, ein weiteres Gegenstück zu den Colleges, Laboratorien und Verwaltungsgebäuden, die er schon gesehen hat. Die Universität ist einfach die Art und Weise, in der alles das organisiert ist, was er schon gesehen hat. Wenn man das alles gesehen und die Art und Weise der Zusammenarbeit verstanden hat, dann hat man die Universität gesehen.

Ein Kategorienfehler liegt also dann vor, wenn Begriffe miteinander in Beziehung gebracht werden, die gar nicht zur selben Kategorie gehören.

Ein Kategorienfehler kann aber auch dadurch entstehen, dass in einer Argumentation einem Wort zwei verschiedenene Bedeutungen aus unterschiedlichen Kontexten zugewiesen werden, ähnlich einem "Teekesselchen" (Bank als Sitzgelegenheit und Bank als Geldinstitut).
Meist ist die Verwechselung nicht so klar einsichtig wie in dem Bankbeispiel. Sie tritt meist dann auf, wenn oberflächlich gesehen klare Begriffe von verschiedenen Fachkreisen mit spezifischen Bedeutungen versehen werden.

So ist es in diesem Sinne ein Kategorienfehler, wenn in einer Diskussion um das Wort "Emergenz" auf einen Zusammenhang mit der "Chaostheorie" hingewiesen wird, und als Erläuterung dann der Begriff "Chaos" durch das biblische Tohuwabohu erläutert wird.

Der Fehler besteht darin, dass die Chaosforschung (wie sie besser genannt wird), die sich mit der Theorie der komplexen Systeme (wie sie korrekt heißt) auseinandersetzt, als Teilgebiet der Mathematik den Begriff "Chaos" ganz anders definiert. Sie sieht darin eine bestimmte Form von Prozess, dessen Vorhersagbarkeit stark reduziert ist, da eine minimale Veränderung der Eingangsvariablen zu einem stark verschiedenen Resultat am Ende führen. Dies ist oft auch auf Wechselwirkungen zwischen Variablen des betrachteten Systems zurückzuführen.
Einen Prozess als "chaotisch" zu bezeichnen ist in der Mathematik lediglich die sachliche Bezeichnung einer bestimmten deterministischen Qualität.

Der biblische Begriff Tohuwabohu hingegen drückt prinzipiell einen Zustand (und nicht einen Prozess) aus, der Wüste und Leere, Verwirrung und existenzielle Unordnung beinhaltet und durch göttliches Einwirken erst in den Zustand des "Kosmos", also der Schöpfungsordnung, überführt werden muss. Der Begriff hat somit eine ontologische, durchaus auch wertende Bedeutung und Qualität.

Aus den genannten Beschreibungen geht hervor, dass eine Verwechselung oder Vertauschung dieser beiden Begrifflichkeiten in einer Argumentation zwangsläufig zu Verwirrung und zu Fehlschlüssen führen muss, insbesondere wenn damit auch noch Wertungen verbunden sind.

2009-10-02

Postmodern oder einfach nur "da"

Wenn man sich mal wieder in die Debatte um die Emerging Church auf manchen Blogs einliest, so wird ein interessantes Phänomen sichtbar.

Während die einen die Postmoderne beschreiben, und damit auch ihre Sicht der Kirche in der Gesellschaft, bezweifeln andere, wie Sebastian Heck, dass es die Postmoderne überhaupt gibt.
Letztlich kommt man zu der Aussage, dass zumindest die Postmoderne in Deutschland nicht wirklich angekommen ist, und dass Frankreich die Thesen der Philosophen sowieso bereits längst überwunden hat, während in unsere Kirchenwelt nun wieder stark verzögert die Welle aus Amerika rüberschwappt.

Da wird dann über Derrida und Lyotard debattiert, usw. usw.

Dabei scheint mir aber zu sehr die Frage nach dem "Nächsten" (personal gemeint) verdeckt zu werden. Mal ehrlich: Meine Arbeitskollegen, meine Kinder, die Freunde meiner Arbeitskollegen und meiner Kinder ... wo findet man denn jemanden, der Lyotard und Derrida gelesen hat? (Geschweige denn, verstanden).

Damit gehen Debatten völlig an dem eigentlichen Hintergrund vorbei.

Wichtig ist doch einzig und allein die Fragen zu stellen:
  • Wie denkt, wie empfindet, wie erlebt der zeitgenössische Mitbürger in meiner persönlichen Umgebung die Welt?
  • Und wie denke ich, empfinde ich, erlebe ich als Christ und Teilnehmer der Gesellschaft meine persönliche Umgebung, meine Mitmenschen und die Welt?
Rechne ich der christlichen Botschaft einen Wahrheitsgehalt zu? Wenn ja, wie gehe ich dann damit um? Was macht das mit mir? Was mache ich mit meiner Umwelt?

Diese Antworten können nun aufgrund persönlicher Unterschiede und aufgrund von Millieufragen ganz unterschiedlich beantwortet werden. Aber beantwortet werden müssen sie. Und zwar so, dass eine Authentizität zwischen Denken, Reden und Handeln entsteht.

Wenn ich mit dem Blick auf den Nächsten in meiner Umgebung an das Thema Glaube herangehe, dann trete ich in Beziehung. Dann stelle ich Fragen, höre zu, und setze mich auseinander. Versuche Antworten zu finden.

Dann ist es mir aber eigentlich völlig egal, was irgendwelche Philosophen denken oder gedacht haben. Sollten philosophische Prägungen für die Denkweise meines Gegenübers verantwortlich sein, sind sie sowieso unbewusst und tief verborgen. Was zählt, ist die Erfahrung, die jeder mit seiner "Philosophie" im täglichen Leben macht. Und da kann man hinterfragen, ob diese etwas taugt oder nicht.

Wollen wir den Glauben an unsere Mitmenschen in unserem Umfeld weitergeben, so ist letztlich egal, ob diese das Etikett "postmodern" zu recht oder zu unrecht aufgeklebt bekommen. Ob sie "postmodern" sind oder nur "ziemlich postmodern" oder gar nur "im Ansatz postmodern". Was soll's?

Was wir von der Emerging Church -oder: mir gefällt ja Emerging Conversation auch besser- lernen können, ist in jedem Fall die offene Akzeptanz des Anderen, die überhaupt in die Lage versetzt, frei und offen mit dem anderen zu reden, ohne ihn gleich vor den Kopf zu stoßen.

Und was wir lernen können ist, die eigene Position auch immer wieder kritisch zu hinterfragen, und mit seinen Erkenntnissen demütig und veränderungsbereit zu bleiben.

Zuguterletzt können wir dann lernen, auf den anderen und seine Lebenswelt einzugehen, Bezug zu nehmen, wenn wir das Evangelium verkünden. Aber das ist letztlich alter Tobak, den uns Missionare schon längst hätten beibringen können.

2008-12-30

Zwei Arten von ernsthaften Christen

Ein Gedanke, der mir vor einer Weile nach einer Beobachtung in Gemeinde durch den Kopf schoß:


Es gibt zwei Arten von ernsthaften Christen:

Diejenigen, die nicht aufhören zu fragen.

Die nicht aufhören, Konflikte in Aussagen wahrzunehmen, zu erkennen, anzunehmen. Die nicht aufhören, Tradiertes und Überliefertes, Absolutes, Erreichtes und eigentlich Geklärtes zu hinterfragen.
Sie sehen sich niemals als Fertige, sondern immer als Fragende, als Suchende. Trotz aller Glaubensgewissheit wissen sie um ihre Unwissenheit und betrachten alle Erkenntnisse als vorläufig. Sie sind immer bereit, sich und ihren Glauben, ihre Ansichten, ihre Meinungen hinterfragen zu lassen und sie gegebenenfalls auch zu korrigieren.

Hier finden wir den Thomas, der erst die Hände in die Wunden legen muss. Den Paulus, der einen Römerbrief verfasst und sich auf die Griechen einlässt.

und

Diejenigen, die endlich aufgehört haben zu fragen.

Die der ewigen Suche, der nie endenden Kette immer weiterer Ungewissheiten, immer neuer Fragen, ein Ende gesetzt haben.

Sie haben eines Tages einen Schnitt gemacht und begonnen, Antworten zu geben.

Ihr Leben ist eine Kette immerwährender Antworten auf die Frage der Existenz und der Gnade Gottes. Sie leben einfach, was sie bis dahin zu erkennen meinen, und erkennen, indem sie leben, was sie glauben.

Hier finden wir den Petrus, der aus dem Boot steigt, aber auch die Mutter Theresa von Kalkutta.


Schwierig wird es, wenn der Eine dem Anderen begegnet, ihn aber nicht versteht.

2008-01-08

Ockham's Rasiermesser - ein Morgengedanke

Gestern habe ich mal wieder zum Thema Dawkin's Gotteswahn auf Brian Trapps Blog geschaut, und bin in einem Kommentar zu einen Starglider-Artikel auf folgendes Statement gestoßen:

I'm afraid Ockham is much misused in this way. People tend to forget that the Razor is simply a tool to use when we are looking for the best explanation of some known facts (or, at the very least, some agreed-upon facts).

Und hier kommen wir an einen wichtigen Punkt, wenn es um Ockham's Rasiermesser geht.

Auf der gelinkten Wikipedia-Seite sind ja schon Gegenpositionen benannt, wie z.B. „es ist sinnlos mit weniger zu tun, was mehr erfordert“.
Das Problem bei der Anwendung von Ockham's Rasiermesser ist nämlich, dass es nur zu einem gegebenen Zeitpunkt mit dem gegebenen Daten-Wissen zu einer für diesen Moment adäquaten Theorie führen kann.

Das beste Beispiel dafür ist die Quantentheorie, die sowohl den Wellen- als auch Teilchencharakter der Materie berücksichtigt, um beobachtete Phänomene zu erklären. Diese Theorie ist sehr komplex und führt eine Menge von Entitäten bzw. Begrifflichkeiten ein, geht an die Grenze des Vorstellbaren.

Konsultieren wir nun die Wikipedia-Seite zur Geschichte der Atommodelle, so finden wir dort die Entwicklung der Vorstellung über das Wesen der Materie, die nach und nach immer komplexer wurden.

Einen speziellen Punkt greife ich einmal heraus:

Daltons Atomhypothese (1803)

  1. Materie besteht aus kleinsten kugelförmigen Teilchen oder Atomen.
  2. Diese Atome sind unteilbar und können weder geschaffen noch zerstört werden.
  3. Alle Atome eines chemischen Elements sind untereinander gleich, sie unterscheiden sich nur in der Masse von Atomen anderer Elemente.
  4. Diese Atome können chemische Bindungen eingehen und aus diesen auch wieder gelöst werden.
  5. Das Teilchen einer Verbindung wird aus einer bestimmten, stets gleichen Anzahl von Atomen der Elemente gebildet, aus denen die Verbindung besteht.

Gegenargumente für Daltons Theorie waren jedoch z.B. das elektrische Aufladen von Atomen, welches die Teilbarkeit der Atome voraussetzt.

Meist wurden Atome als feste Kugeln angenommen. Dies änderte sich erst, als Joseph John Thomson 1897 das Elektron entdeckte, dieses wurde 1874 erstmals von George Johnstone Stoney vorausgesagt und 1891 namentlich benannt.

Nehmen wir an, in einem Winkel der westlichen Welt wären zu diesem Zeitpunkt unabhängig von dieser Entwicklung die bekannten Quantenvertreter, wie Heisenberg, Schrödinger und wer auch immer auf den Plan gekommen, und hätten parallel zu Dalton und seinen Kritikern die Kopenhagener Deutung präsentiert.

Die Reaktion auf die Quantenvertreter aber wäre gewesen:
  • Auslachen
  • Verärgerung und Empörung
  • Verwirrung und Kopfschütteln
Ganz allgemein: Unverständnis und Ablehnung, und das höchst wahrscheinlich mit dem Hinweis auf Ockham's Rasiermesser. Viel zu komplex, unnötig komplex.

Hier wird aber deutlich: Die momentan empfundene unnötige Komplexität einer Theorie, und die momentane Genügsamkeit, die man einem einfacheren, scheinbar "eleganteren" Modell gegenüber empfindet, sind in keinster Weise ein Merkmal für eine gesichertere Wahrheit. Sie können nur Hinweise darauf sein, welches Modell für eine gewisse Problemstellung als besser handhabbar zu bevorzugen ist.

An dieser Stelle verliert dann das Argument Dawkins', dass Gott nicht existiert, weil die Annahme seiner Existenz eine unnötige Komplexität in die wissenschaftlichen Theorien bringen würde, wohl einiges an Kraft.

2007-11-08

Hacker's Emblem

Heute habe ich (schon lange überfällig) auf dem Otherblog das Hacker Emblem angebracht:


hacker emblem


Ein Zitat aus der deutschen FAQ zum Logo gibt wieder, warum diese Tatsache und das Logo auch im Zusammenhang dieses Blogs, welches sich u.a. mit Emergent Church -bzw. Kirche und Glaube in zeitgenössischer Gesellschaft- beschäftigt, erwähnenswert ist:

Was ist das Logo?

Die Grafik oben auf dieser Seite symbolisiert einen Glider. Er beeinhaltet ein Muster einer mathematischen Simulation, genannt The Game of Life. In dieser Simulation geht es um einfache Regeln, wie sich Punkte in einem Gitter verhalten sollen. Dabei tauchen wundervoll komplexe Phänomene auf. Der Glider ist das einfachste Lebensmuster, das sich bewegt und gleichzeitig das wahrscheinlich am einfachsten wiederzuerkennende Muster.

[...]

In The Game of Life führen simple Regeln zu unerwarteten, verblüffend komplexen Mustern, welche sich nicht aus den Erkenntnissen bereits aufgetauchter Phänomene voraussagen lassen. Dies ist eine hübsche Parallele zum Phänomen der unerwarteten und überraschenden Entwicklung der Open Source-Gemeinschaft.

Da die Emergent Church Bewegung auch enge Verbindung zur Internetkultur hat und auch durch den Open Source Gedanken angeregt wird, sehe ich hier einen interessanten Zusammenhang zwischen dem Logo der Hacker-Kultur, der Theorie hinter dem Game of Life, dem Social Networking und der Emergent Church.

Faszinierend ...

(Ref: siehe auch: Agile Manifesto - Zusammenhang zwischen Agiler Software-Entwicklung, Postmoderne und Kirche)

2007-11-02

Die eigene Wahrnehmung wahrnehmen

In einem Blog-Kommentar bei DoSi schrieb ich:

Jedwedes Verständnis der Schrift ist immer auch vom Lesenden/Interpretierenden abhängig. Du bist immer Teil des Auslegungsprozesses, in ähnlicher Weise wie in der Quantenphysik der Beobachter zum Teil des Beobachtungsprozesses wird und dadurch das Beobachtungsergebnis beeinflusst und durch die Beobachtung selbst verändert wird.
Diese Subjektivität der Wahrnehmung ist nun etwas, was mich weiterhin beschäftigt.

Die Frage ist nun, ob ich nicht nur der Tatsache meiner eigenen Beteiligung am Leseprozess als solcher gewahr werden kann, sondern sogar das
Wie dieser subjektiven Veränderung der Wahrnehmung erkennen und bewußt wahrnehmen kann.

Dazu müsste ich meinen eigenen Wahrnehmungsprozess wahrnehmen. Nun heißt es aber, ein Auge nehme sich nur dann selbst wahr, wenn es krank ist. Ein gesundes Auge wird selbst nicht wahrgenommen.

Ein interessantes Bild, dem ich aber ein anderes gegenüberstellen möchte:

In meiner Gemeinde mache ich auch die Beschallungstechnik, d.h. ich sitze hinter dem Mischpult, welches sich rechts hinten in der Ecke im Saal befindet, und mische den Klang.

Das Problem hierbei ist, dass ich dort leicht einseitig beschallt werde, und durch die Nähe zur Wand sich auch bestimmte klangliche Veränderungen ergeben.

Um für die Zuhörer im Saal einen optimalen Klang zu erzeugen, muss ich daher immer wieder einmal den Mischpult-Platz verlassen und durch den Raum wandern, hören, wie der Klang sich an anderen Stellen im Saal anhört.

Auf diese Weise lerne ich den Unterschied zwischen dem optimalen Saalklang und dem Klang an meiner Mischerposition kennen und weiß schließlich, wie meine Wahrnehmung dort sich von der Wahrnehmung an anderen Plätzen unterscheidet.

Dadurch weiß ich, dass ich am Mischerplatz z.B. die Tiefen ruhig ein wenig weiter aufdrehen kann, als ich es eigentlich richtig empfinde, dass ich insgesamt nicht ganz so laut aufdrehen darf, wie ich eigentlich gerne würde, und das es OK ist, dass ich mehr vom rechten Kanal höre als vom linken.

Um das Bild zu verlassen: Ich frage mich, ob es möglich ist, vor oder während des Lesens und Auslegens eines Textes meine eigene Position und die daraus resultierenden Verzerrungen zu reflektieren, und dadurch die Auslegung selbst feiner zu justieren oder sogar meine Wahrnehmung des Textes von meiner Position zu relativieren.

Dazu ist natürlich folgendes notwendig: Genauso, wie ich als Tontechniker mich aktiv an eine Position begeben muss, und mich ggf. durch Tricks wie Ohren zuhalten auch in die Lage eines weniger gut hörenden Zuhörers versetzen muss, muss der auslegende Leser sich bewußt in die Lage von Zuhörern mit anderer Disposition versetzen. Extremes, aber deutliches Beispiel: Wie mag eine weibliche Zuhörerin empfinden, wenn wir zusammen Paulus' Aufforderung lesen, dass die Frau in der Gemeinde schweige?
Eine solche Haltung des Hineinversetzens in den Anderen nennt die Psychologie "Empathie".

Wenn ein Tontechniker eine Band abmischt, ist es jedoch nicht nur von Bedeutung, dass er den Saalklang im Griff hat und ihn für alle Zuhörer bestmöglich zubereitet. Auch der Klang der Monitore, über den sich die Musiker selber hören, ist von Bedeutung. Und da muss der Techniker auch mal auf die Bühne und sich anhören, wie ein Sänger sich selbst an seinem eigenen Platz hört. Dann wird schnell klar, dass ggf. eine falsche Klangeinstellung der Monitorboxen dafür verantwortlich ist, dass der Sänger versucht, "besser" zu klingen und dabei seine Stimme verstellt, oder er so unsauber singt, weil er sich aufgrund der Umfeldgeräusche einfach nicht selber hört und quasi "blind" versucht, die Melodie auf die Reihe zu bekommen.

Ebenso ist für den Ausleger alter Texte von Bedeutung, dass er lernt, den Text aus der Position des Autors zu lesen. Dass er über die Umstände bescheid weiß, unter denen der Text zustande kam, und zu verstehen versucht, wer der Autor war und in welcher Lage er sich befand und für wen er schrieb.

Leider müssten wir, um dies so erfolgreich zu tun, wie ein Tontechniker, der auf die Bühne steigt, eine Zeitmaschine besitzen. Aber auch gute Sekundärliteratur über die Historie kann ein Augenöffner für die Auslegung von Texten sein, wie ich zur Zeit an Rob Bells "Jesus unplugged" wieder erfahre.

Auch wenn es uns schwer fällt, uns von unserer momentanen Position zu lösen, um einen Text wirklich beurteilen zu können, so ist es schon sehr hilfreich, zu verstehen, dass man dies eigentlich tun müsste. Das einem bewusst wird, dass die Auslegung, die man selber nun vornimmt, durch die eigene Position gefärbt ist und daher auch nicht absolut die richtige für alle Zeiten und Orte sein kann.

Problematisch wird Tontechnik dann, wenn der Tontechniker zu unerfahren oder zu faul ist, seinen Platz zu verlassen und einfach glaubt, er hätte von seinem Mischerplatz aus alles im Griff. Gleiches gilt auch für die Textauslegung. Die Annahme, meine Position sei die einzig mögliche und meine Wahrnehmung die einzig vorhandene führt im Endeffekt zu unbefriedigenden Resultaten und Frust bei den anderen Zuhörern.

Tontechnik ist nun, wie auch Kameratechnik, doch mit dem oben genannten Auge zu vergleichen. Erst wenn man sie selbst nicht wahrnimmt (kein Knistern, kein Bildwackler usw.) kann der Inhalt der Präsentation genossen und erlebt werden. Ebenso ist es bei der Auslegung. Je geschickter die Auslegung vorgenommen wird und je weniger die Tatsache des Auslegens bemerkbar wird, umso mehr tritt der Ausleger als Medium in den Hintergrund und der Text fängt an direkt zum Zuhörer zu sprechen und an ihm zu wirken.