2009-08-28

Spatial Turn

http://de.wikipedia.org/wiki/Spatial_turn

Interessant dieser Artikel, der auch irgendwie mit
der Postmoderne zu tun hat.

In der praktischen Informatik (Programmierung also)
haben wir oft mit Graphenproblemen zu tun, weswegen
das Denken in Graphen zu einem wesentlichen Teil
unserer Arbeit gehört.
http://de.wikipedia.org/wiki/Graphentheorie

So programmieren wir objektorientiert,
in dem wir Beziehungen zwischen Klassen formulieren
und in Programmcode umsetzen (Ein Verein _hat_ n Mitglieder,
ein Mitglied _ist eine_ Person, ein Mitglied _hat_ eine Adresse
usw.),
http://de.wikipedia.org/wiki/UML

oder Abhängigkeiten zwischen Komponenten beschreiben:

Microsoft Word --braucht--> MS Windows --läuft auf--> Intel PCs.

Wir organisieren Abteilungshierachien in Form von Graphen,
notieren auch unsere Ideen immer mehr in Graphen-Form:
Mind-Maps oder neuerdings sogar Concept-Maps.

Seit längerem bekannt ist auch in der Soziologie die
Anwendung eines Graphensystems zur Darstellung von
Beziehungen zwischen Gruppenmitgliedern, das Soziogramm.
http://de.wikipedia.org/wiki/Soziogramm

Somit überschneidet sich hier einiges:
Systeme werden mit Graphen dokumentiert, analysiert,
verstanden.

Interessant am Spatial Turn ist nun, dass sich auf
virtueller Ebene soziale "Räume" (also Graphen) auftun,
die physikalische Räume (also Orte, wie z.B. Städte oder
Stadtteile) überbrücken bzw. diese durchdringen.

Gerade auch das Internet mit seinen Social Networks
und der Möglichkeit der Vernetzung über weite Strecken
hat eine Transzendenz des physikalischen Raumes/Ortes
zu einem virtuellen Raum ermöglicht.
So kann es sein, dass örtlich nebeneinander existierende
Individuen in Nachbarschaften sich sozial in völlig unterschiedlichen
Räumen bewegen.


Interessant zum Verständnis von Problemen in stark
heterogenen Gruppen, wie sie z.B. auch christliche
Gemeinden in Ballungszentren oft sind, ist also
eine bewusste Betrachtung der verschiedenen "Räume",
die sich durch die sozialen Beziehungen zwischen
verschiedenen Mitgliedern ergeben.

Sind diese Räume erst einmal bekannt, können sie
auf ihre Kommunikation hin untersucht werden.
Und so können Brücken zwischen diesen Räumen in Form
von kommunikativen Hilfskonstrukten aufgebaut werden,
die eine Transformation von Gedanken aus Raum A in Raum B
ermöglichen. (Man nennt das landläufig "übersetzen").

Sowohl die Übersetzung als auch die Erläuterung sind
wesentliche Voraussetzung für eine Inter-Spatiale,
also raum-übergreifende, Kommunikation.

2009-04-29

Morgengedanke: Vom Pharisäertum ...

Pharisäer, zur Zeit des Neuen Testamentes der Name einer jüdischen Richtung, einer ..hm.. jüdischen Sekte, ist für Christen der heutigen Tage zu einem Schimpfwort geworden.

Was drückt es aus, jemanden als "Pharisäer" zu bezeichnen?

Zunächst einmal werden uns im Neuen Testament Pharisäer als Menschen vermittelt, die auf eine falsche Weise Zugang zu Gott finden wollen. Sie sind ernsthaft um Gott bemüht, aber sie versuchen Gott auf einem falschen Weg zu erreichen. Den Weg der Leistung, der Perfektion, der Selbstdisziplin, der absoluten Fehlervermeidung.

Dies ist im Endeffekt den Weg der Strenge und der Enge, der Gesetzlichkeit. Durch immer neue Regeln versuchen sie, unter allen Umständen auch nur die Möglichkeit eines ungewollt verursachten Fehlers auszuschließen. Sie versuchen, jeglichen Flecken zu tilgen. Sie sterilisiern.
Und letzten Endes schaffen sie dadurch eine unmenschliche, lebensfeindliche Umgebung. Das Sabbathgebot, eingerichtet zur Entlastung, wird verzerrt, wird zu einer nur schwer tragbaren Last. (Matth.12,1-6)
Die Suche nach Gott, das Handeln im Glauben im Alltag wird ersetzt durch Exegesefragen und Rechtsstreitigkeiten. Die Frage nach exakter Auslegung des Wortlautes wird wichtiger als die Frage nach Intention. Die Frage nach korrekter Form wird wichtiger als die Frage nach Inhalt.

Schließlich mündet dies in einen sehr ungesunden Zustand: Der Weg der Leistung und der Strenge mündet darin, sich selbst zu rechtfertigen. Sich über den anderen zu erheben. Seine eigene Leistung dazu zu benutzen, den anderen zu erniedrigen und sich selbst über ihn zu setzen. "Herr hab dank, dass ich nicht so bin wie jener dort". (Luk.18,9-12)
Alfred Adler, Psychotherapeut und Schüler Freuds, beschreibt ein solches Verhalten in der von ihm begründeten Individualpsychologie.
Die Wahrnehmung eigener Minderwertigkeitsgefühle führt zu einem Verhalten der Kompensation und letzlich der Überkompensation. Eigene Mängel und Schwächen werden wahrgenommen, aber oft nur vorbewußt, denn sie schmerzen. Können bei sich selbst nicht zugelassen werden.
Daher werden sie nach Außen projiziert. Beim Anderen verstärkt und überzeichnet wahrgenommen.
Diese Projektion und der Versuch diese Schwächen zu kontrollieren und in den Griff zu bekommen führt jedoch dazu, den Mangel beim Anderen zu bekämpfen, anstatt bei sich selbst. (Mt.7,3)

So wird Pharisäertum aber letzten Endes auch ein Phänomen von Machtstruktur. Die Pharisäer sind eine herrschende Schicht. Sie haben die Macht. Sie setzten sich durch. Sie sitzen am Hebel. Sie bestimmen, was recht ist und was nicht. Und sie schaffen Unbequemes, was ihre Macht bedrohen würde, aus dem Wege: "Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten alsbald Rat über ihn mit den Anhängern des Herodes, wie sie ihn umbrächten." (Mk. 3,6)

Jesus hat mit den Pharisäern nicht "aufräumen" können. Auch in späterer Zeit bildeten sich in der Kirche Strukturen mit pharisäerischen Zügen heraus. War dies eine Begleiterscheinung der Ausbildung hierarchischer Strukturen? Quasi ein Virus, der diese Strukturen als Lebensraum ausfinding machte und sie befiel? Oder war es umgekehrt die pharisäerische Tendenz in bestimmten Kreisen der jungen Kirche, die genau die Bildung hierarchischer Machtstruktur katalysierte, forcierte, hervorbrachte?

Es geht weit über diesen Artikel hinaus und bleibt Aufgabe der Soziologie, den Zusammenhang zwischen hierarchischen Ordnungen in Gruppen, Machtstrukturen und Ausnutzung derselben zu erforschen. Und ebenfalls festzustellen, wie die Ausnutzung und Verzerrung von ursprünglich als sinnvoll eingesetzen Leitungsordnungen verhindert werden kann.

Zurück zum Thema:
Ein Verhalten heutzutage als Pharisäertum zu bezeichnen, ist eine ziemlich heftige Geschichte. Harte Kritik. Der Inbegriff alles Schlechten, was Glaube hervorbringen kann. Aber -und das ist die Kehrseite- es ist eben auch geäußerte Kritik. Hinweis auf die Wahrnehmung von Mißständen. Hinweis auf die Wahrnehmung von Fehlverhalten.

Wie geht man aber nun mit Kritik um? Da gibt es prinzipiell zwei Verhaltensweisen:

a) Man nimmt diese Kritik, zieht sich zurück und überlegt, ob und inwieweit an dieser Kritik etwas dran ist. Man denkt darüber nach. Kurz: Man reflektiert.

b) Man fühlt sich angegriffen. Man empört sich. Und geht in den Gegenangriff über.

Für das Verhalten a) ist als Voraussetzung notwendig, dass man bereits ein stabiles Selbstbild hat. Ein Selbstbild, das durch Kritik nicht sofort ins Wanken gerät. Ein Selbstbild, das Fehler durchaus erkennen und zulassen kann, weil Vertrauen in andere Teile des Selbst weiterhin tragen.
Das Verhalten a) führt im konkreten Fall nun dazu, dass man sich ernsthaft fragt: "Bin ich ein Pharisäer"?

Wodurch aber wird Verhalten b) ausgelöst?
Die Kritik und das Gefühl des Angegriffen-werdens führt dazu, dass das eigene Selbstbild in Gefahr gerät. Dies gilt es aber, wie oben erwähnt, unter allen Umständen zu vermeiden. Das darf nicht sein! Und dies ist die Basis der Empörung. Dies löst die Abwehrhaltung aus, und den Gegenangriff.

Das, was mit dem Begriff "Pharisäer" kritisiert wird, betrifft aber nun sehr stark die Persönlichkeitsstruktur, die im Verhalten b) beschrieben wird.

Somit könnte man sehr spitz auf den Punkt gebracht sagen: Wer sich hinsetzt, reflektiert und sich selbst fragt: "Bin ich ein Pharisäer?" -> der ist keiner.

Der, der wirklich ein Pharisäer ist, wird sich umgekehrt nie hinsetzen und über diese Kritik nachsinnen.

Somit ist der Versuch, bei jemandem Kritik anzubringen, indem man ihn auf sein Pharisäertum hinweist, von der Grundstruktur her schon zum Scheitern verurteilt.

Ein weiterer Gedanke:
Der Mensch hat -so die moderne Gehinrforschung- die Tendenz, Intentionalität und Selbstbezug in ein Geschehen hineinzuinterpretieren. Auch wenn es keinen objektiven Hinweis darauf gibt, erdichtet sich das menschliche Individuum Absichten. Phantasiert Zusammenhänge. Empfindet Ereignisse als auf sich selbst bezogen, für sich bedeutsam.
("Bestimmt haben die gerade über mich geredet ...").

Gerade bei Selbstwertproblemen ist diese Tendenz zu beobachten und verstärkt das Grundgefühl des Angegriffen-werdens. Die Umwelt wird sehr schnell als feindlich wahrgenommen, Mißtrauen wird zur dominierenden Einstellung.

Fakten können nicht mehr sachlich aufgenommen werden. Auch wenn es keine sachliche Grundlage dafür gibt, steht die Frage: "Bin ich gemeint?" sofort im Raum.

Leser, die den Autor nicht kennen, können Artikel wie diesen hier sicher relativ wertfrei lesen und darüber nachdenken.
Aber ich könnte wetten, dass manche unter den Lesern, die mit dem Autor eines solchen Artikels bekannt sind, ihn nicht lesen können, ohne sich sofort zu fragen: "Meint er mich?" - "Warum hat er diesen Artikel geschrieben?, Will er mich damit etwa kritisieren?" - "Bezeichnet er MICH als Pharisäer?"

Würdest du mir glauben, wenn ich sagte, dass dieser Artikel auf einer ganz anderen Basis zustandegekommen ist und ich dabei NICHT an DICH gedacht habe? ;-)

2009-04-15

Kindern Glauben vermitteln durch strategisches Programm?

Folgendes war im letzten Newsletter Willownews vom April 2009 als Werbung zu lesen:
Mark Holmen: Den Glauben zu Hause leben

Eltern befähigen, den Glauben mit Kindern zu leben

Dieses Buch ist Teil der Bewegung GLAUBEN ZU HAUSE, die
Gemeinden darin unterstützt, einen integrativen und
umfassenden Ansatz der Familienarbeit zu entwickeln. Dabei
geht es darum, Familien zu unterstützen, dass der Glaube zu
Hause Gestalt gewinnen kann. Glaubensprägung geschieht
wesentlich mehr zuhause, als durch die kirchliche
Kinderarbeit. Daher muss die Gemeinde für Familien zum
Partner werden, der sie darin unterstützt, Wege zu finden,
wie der Glaube zu Hause gestaltet werden kann.

Mit diesem Ziel haben Mark Holmen und David Teixeira ein
umfangreiches Arbeitsbuch zusammengestellt, das die Vision,
Strategie und praktische Umsetzung einer integrativen
Familienarbeit in der Gemeinde beschreibt. Hinzu kommen 13
kopierbare Einheiten, wie Eltern mit ihren Kindern den
Glauben in der eigenen Familie praktisch leben können. Die im
Buch enthaltende CD-ROM enthält umfangreiche
Arbeitsmaterialien für die Eltern-Kind-Impulse sowie
PowerPoint-Folien für die Vorstellung des Konzepts GLAUBEN ZU
HAUSE in der Gemeinde.
Während der erste Absatz ja noch recht positiv gelesen werden kann, stieß mir der zweite Absatz doch ziemlich auf.

"Vision, Strategie, integrative Familienarbeit..."

Für mich blieb beim Lesen ein fader Nachgeschmack, und die Frage: Ist es das? Definieren wir so unseren Glauben, unser Christsein?
Das Leben persönlicher Gottesbeziehung als Management-Auftrag?
Familienleben per Arbeitsmaterialien?

Ich frage mich, inwiefern sind wir noch (oder vielmehr: wieder!) in der Lage, unseren Glauben und unser Christsein aus der Perspektive der Beziehung, der Dynamik der Begegnung und der simplen Vermittlung von Liebe zu gestalten und vor allem zu vermitteln?

Inwiefern wird andersherum selbst der privateste Bereich durch christlich vorkonzeptionierte und vorkonfektionierte How-Tos durchdrungen?
Werden Situationen und Konstellationen, die ein Aufeinander-Hören und ein gegenseitiges in Achtung Wahrnehmen und Aufeinander-Eingehen verlangen, in ein vorgedachtes und durchdesigntes System-Management verwandelt?

Inwieweit wird Leben in seiner Spontaneität und Flexibilität durch Programmierung ersetzt?

An vielen Stellen klagen die Menschen, gerade die Berufstätigen, heutzutage über Überlastung, Stress, zu wenig zur Ruhe kommen.
Termine und Pläne werden oft als von Außen bestimmt und damit als Druck und Zwang erlebt. Wir werden getrieben von Anforderungen, Zielsetzungen, Kalendern.

Die Gesellschaft produziert auf diese Weise aber ihre eigenen Opfer. Verlierer werden einkalkuliert.
Nur der Stärkere (im Sinne von: Leistungsstärkere, Flexiblere, Opferbereitere) überlebt in diesem Szenario, Familien und andere Beziehungen bleiben auf der Strecke.

Anstatt nun diesem ungesunden Gesellschaftstrend durch Schaffung einer Alternative und eines Freiraumes in Gemeinde zu begegnen, anstatt eine Alternativkultur des Miteinanders zu begründen und vorzuleben, setzen wir diesen Trend, den auch wir als Christen im Beruf zum Teil leidvoll erleben, auch noch in unseren Gemeinden fort:

Aus Gemeinschaft wird Gemeinde-Arbeit. Aus Begegnung mit Jugendlichen wird Jugend-Arbeit.(*)
Und nun introjizieren wir diesen Trend auch noch in die privateste Struktur, die Familien, hinein.
Aus einem Zusammen-Leben von Menschen wird Familien-Arbeit.

Aus einer Gemeinschaft wird plötzlich ein durch Zielvorgaben bestimmtes, durch Programme gesteuertes Zweck-Unternehmen.

Fragt jemand die Kinder und Heranwachsenden eigentlich, ob sie von ihren Eltern als Ziel eines elterlichen Arbeitsprogrammes gesehen werden wollen?
Ob sie den Glauben ihrer Eltern als Kapitel 7 der familiären Christsein-Strategie vermittelt bekommen möchten?
Ob sie elterliche Liebe als Teil deren Glaubens erfahren wollen, weil es gemäß Impuls-Material gerade dran ist?


Anstatt sich mit "umfangreichen" Arbeitsmaterialien einzudecken und immer wieder zu versuchen, Glauben und Gemeinde durch vorgekaute Programme, Konzepte und Schemata in den Griff zu bekommen, wird es Zeit, dass Christen endlich wieder lernen, die Augen für die Menschen und die Gesellschaft um sie herum aufzumachen.
Bewusst auch mal über längere Zeit genau hinzuschauen und hinzuhören, und über das Gesehene und Gehörte im Dialog mit ihrem Herrn intensiv nachzudenken.
Wertfrei, offen, ohne Zweckorientierung.

Menschen, die nach Gott suchen (ob Erwachsene oder Kinder in Familien) brauchen weniger Programme und Arbeitsbücher als mehr persönliche Begegnungen mit Menschen, die ihnen als Gesprächspartner und Vorbilder dienen können. Die ihnen offen und wertfrei begegnen und im Dialog zur Verfügung stehen.

Und da fängt es schon an: Auch für die Suche nach Vorbildern brauchen wir ... Vorbilder.
Wie wächst man eigentlich im Glauben?
Wie findet man Menschen, zu denen wir genug Vertrauen entwickeln können, denen wir uns anvertrauen können, und die für uns zu persönlichen Mentoren werden können?
Wer ist Vorbild darin, Vorbilder zu suchen und zu finden?

Wenn die Gestaltung christlichen Familienlebens eine offene Frage ist (offensichtlich, da das Arbeitsbuch ja darauf eine Antwort geben möchte), und wenn wir aus der Seelsorge wissen, dass persönliches Gespräch und persönliche
Begegnung wichtig sind, um auf die individuellen Bedürfnisse und den Charakter der jeweiligen Menschen einzugehen (offensichtlich, da wir nicht die Seelsorgearbeit einfach durch ein breiteres Büchertisch-Angebot ersetzen), dann ist ein solches Arbeitsprogramm-Buch ein christlicher Stilbruch. Dann ist es in der Gesamtschau christlichen Soziallebens kontraproduktiv, mit solchen Materialien aufzufahren.


Die Frage, wie wir postmodernen Menschen denn Glauben vermitteln können, wird an allen möglichen Orten gestellt, und Antworten darauf klingen oft ähnlich: Durch persönliche Beziehung, durch lehrreiche Geschichten (Narrativium).
Auch z.B. das Thema Glaube, Zweifel und Gemeinde wird daher immer mehr in Romanform statt durch Sachbücher vermittelt.
Durch Erzählungen statt durch strukturierte Programme und Konzepte.


Unser Leben als Christen in Gemeinden soll vom Glauben erzählen, nicht unsere Lehrbücher und Schulungsprogramme.
Christus hat den Jüngern nicht eine Menge von Schriftrollen übergeben, sondern hat sie eingeladen, ihn auf der Reise seines Lebens zu begleiten und ihn quasi "live" zu erleben.

Das sollten wir berücksichtigen, gerade in der aktuellen Zeitgeist-Entwicklung. Sind wir dazu bereit? Oder bleiben wir in der Programmatik und Versachlichung/Funktionalisierung der Moderne haften?



(*) Von "Kinder-Arbeit" als Begriff mal ganz zu schweigen.




2009-02-18

Morgengedanke: "Ihre repräsentative Immobilie"

Hallo, mein Name ist Peter Makler und ich vermittle Immobilien an Privat- und Geschäftskunden.

Leider geht mein Geschäft nicht sehr gut. Irgendwie flau. Oder um ehrlich zu sein: Ich stehe vor dem Ruin. Und das, wo ich eigentlich nicht mehr lange bis zur Rente habe. Schlimm, sowas.

Neulich, da hab ich ja gedacht, ich würde wieder Aufwind bekommen. Da kam nämlich ein Unternehmer zu mir, Eigentümer einer jungen, aufstrebenden Computerfirma. Er sagte mir, er hätte vor einigen Jahren mit ein paar Leuten angefangen, aber sein Unternehmen wäre in kurzer Zeit dermaßen angewachsen, dass seine Officelocation aus allen Nähten platze. Außerdem sei das ein nicht repräsentativer Altbau. Nichts, womit man den Geschäftskunden die Innovativität seiner boomenden IT-centered Company deutlich machen könne. Und da er in der Acquisitions-Phase zu einigen großen Joint-Venture Projekten mit Resellern sei, bräuchte er angemessene Räume für Meetings und Präsentationen. Außerdem sollen die Arbeitsplätze seiner Angestellten flexibler auf die Economic Changes angepasst werden können.
Patchbare Network-Installationen und Infrastruktur, die auch zum Chillen und Relaxen einlädt, sei in seinem kreativen Business pflicht.

Ok, ich hab nicht alles verstanden, aber das Anliegen war klar: Er brauchte ein neues Bürogebäude!

Zunächst mal trafen wir uns in seinem derzeitigen Unternehmens-Domizil, und er hatte recht: In diesem Gebäude konnte man kein modernes Unternehmen der elektronischen Datenverarbeitung ansiedeln. Ein Altbau aus der Jahrhundertwende, an dem schon Teile des Stucks abbröckelten. Überalterter Dachbau, angewitterte Holzrahmenfenster, ohne Farbe.

Und da hatte ich genau das Richtige für ihn ... dachte ich. Ein kleines Prachtstück von einem Gebäude. Ich lud ihn also zu einem Besichtigungstermin ein, und wir sahen es uns an: Zentral gelegen in der Mitte des Altstadt-Zentrums, renovierter Verwaltungsbau, Baujahr 1905. Stuckfassade gut erhalten und erneuert, in pastell-blau gehalten, kürzlich erst gestrichen. Alle Fenster runderneuerte und weiß gestrichene Holzrahmen mit dekorativen Mittelkreuzen. Zentralheizung völlig saniert, breites, repräsentatives Treppenhaus. Gute Verkehrsanbindung.

Nun ... er war nicht begeistert. Er sagte, er bräuchte ein modernes Gebäude. Eines, dass den technologischen Fortschritt seiner Branche darstellt. Etwas mit Glas und Chrom. Mit mehr Licht im Inneren. Ein großer Eingangsbereich, moderne Lifte, alle Formen der Telekommunikation bereits in jedem Raum verlegt. Und überhaupt: Die Farbe ....

Natürlich!! Jetzt hatte ich ihn verstanden. Nun, pastell-blau passt ja auch wirklich nicht zu einer Rechner-Firma.

Also zeigte ich ihm das nächste Gebäude. Ein wahrer Palast der Moderne. Gegenwärtig war es noch ein Hotel, aber das würde in Kürze das Gebäude verlassen.
Der Eingang war mit einem Glasvorbau auf Stahlsäulen versehen, moderne Pflasterarbeiten in der Zufahrt. Alle Fenster modernste Thermopen-Doppelverglasung im Alurahmen. Jedes Zimmer ausgestattet mit Telefon und sogar Computeranschluss! Die Lifte waren erst vor drei Jahren erneuert worden. Der Eingangsbereich enthielt eine Buchenholz-Rezeption. Der Wintergarten ließ viel Licht ein, und eignete sich hervorragend als großer Besprechungsraum.
Die Fassade in modernem dunkelrot gehalten, Fensterrahmen und Sockel in leichtem Grau hervorgehoben.

Das war ja wohl ideal. Ein wirklich rundum zeitgemäßes Gebäude für ein modernes Unternehmen.

Aber komisch. Irgendwie störte er sich daran. Im gefiel die Stuckfassade nicht. Und das Baujahr 1922 sei ja auch nicht gerade etwas, was sein Unternehmen repräsentieren würde. (Verstehe ich nicht: Sehr solide, so sollten sich Unternehmen doch darstellen?).

Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Und das verstehe ich wirklich nicht. Habe ich denn nicht alles getan, um auf seine Wünsche einzugehen?

2008-12-30

Zwei Arten von ernsthaften Christen

Ein Gedanke, der mir vor einer Weile nach einer Beobachtung in Gemeinde durch den Kopf schoß:


Es gibt zwei Arten von ernsthaften Christen:

Diejenigen, die nicht aufhören zu fragen.

Die nicht aufhören, Konflikte in Aussagen wahrzunehmen, zu erkennen, anzunehmen. Die nicht aufhören, Tradiertes und Überliefertes, Absolutes, Erreichtes und eigentlich Geklärtes zu hinterfragen.
Sie sehen sich niemals als Fertige, sondern immer als Fragende, als Suchende. Trotz aller Glaubensgewissheit wissen sie um ihre Unwissenheit und betrachten alle Erkenntnisse als vorläufig. Sie sind immer bereit, sich und ihren Glauben, ihre Ansichten, ihre Meinungen hinterfragen zu lassen und sie gegebenenfalls auch zu korrigieren.

Hier finden wir den Thomas, der erst die Hände in die Wunden legen muss. Den Paulus, der einen Römerbrief verfasst und sich auf die Griechen einlässt.

und

Diejenigen, die endlich aufgehört haben zu fragen.

Die der ewigen Suche, der nie endenden Kette immer weiterer Ungewissheiten, immer neuer Fragen, ein Ende gesetzt haben.

Sie haben eines Tages einen Schnitt gemacht und begonnen, Antworten zu geben.

Ihr Leben ist eine Kette immerwährender Antworten auf die Frage der Existenz und der Gnade Gottes. Sie leben einfach, was sie bis dahin zu erkennen meinen, und erkennen, indem sie leben, was sie glauben.

Hier finden wir den Petrus, der aus dem Boot steigt, aber auch die Mutter Theresa von Kalkutta.


Schwierig wird es, wenn der Eine dem Anderen begegnet, ihn aber nicht versteht.

Morgengedanken #1 - Status quo?

Hier ein Morgengedanke, der schon ein Jahr alt ist, und noch in meinen Entwürfen schlummerte ...

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Entweder es gibt keinen Gott, dann ist die Gemeinde nur ein sozialer Verein, wo sich Menschen zwecks gemeinsamer Lebensgestaltung treffen.

Dann macht viele Anstrengung, Evangelisation, Diakonie und anderes Engagement, welches über ein gewisses Maß hinaus geht, aber keinen Sinn. Dann kann ich mir private Frömmigkeit sparen, und einfach die Gemeinschaft im Verein genießen, mit netten Leuten was Nettes unternehmen.
Alles darüber hinaus hat sich erübrigt.

Der Sinn hinter einer humanitären Handlung müsste sich dann aber anders ergeben. "Salz der Erde" wird dann nämlich nur zu einer netten Idee. Ein Aufruf zu diakonischem Handeln und besonderem Einsatz für Menschen über den direkten Freundeskreis hinaus kann sonst zu leicht durch die eigene Faulheit wegdiskutiert werden. Wozu sollte ich überhapt Einsatz für "die Welt" zeigen?
(In dieser Hinsicht muss mir ein Athetist, wie Dawkins, wirklich mal erklären, warum ich mich für irgendwelche karitativen Dinge einsetzen sollte. Meinen Bekannten geht es gut, und das reicht doch.).

Tatsache ist: Wenn das der Fall ist, kann mein Leben nicht so bleiben, wie es ist. Denn ich kann dann meine Zeit besser, geschickter und vor allem entspannter verteilen. Viel Streß hat sich dann erübrigt. Das Ringen und Kämpfen um dieses und jenes in Gemeinde. Um Gemeinde überhaupt. Solange sie funktioniert, ist es gut, wenn nicht, dann nicht. So lässt es sich viel ruhiger leben.


Oder es gibt Gott. Wenn es aber Gott gibt, dann frage ich mich, wieso er selbst in einer christlichen Gemeinde oftmals so verborgen sein kann. Wieso er dort nicht viel "präsenter" ist, viel intensiver erlebt wird. Wie kann es sein, dass eine Gemeinde in mancher Hinsicht wie ein Verein mit religiös-theologischem Sachhintergrund erscheint, mit allem, was zu einem normalen Verein einfach dazugehört?

Wenn es Gott gibt, dann kann mein Leben ebenfalls nicht so bleiben, wie es ist. Denn dann muss ich über meine Zeit, mein Engagement, mein Ringen und Kämpfen auch neu nachdenken. Dann muss ich fragen, ob die Gemeinde Gottes Ziele verfolgt, oder nur ihre eigenen. Ob an vielen Stellen durch gemeinschaftliche Gemütlichkeit und gesetzte Bürgerlichkeit nicht die Botschaft dieses Gottes verdeckt und "weichgespült" worden ist. Dann muss ich selbst mich dazu stellen und fragen, inwiefern ich an diesem Zustand beteiligt bin, und muss sehen, was das für mich und mein Leben bedeutet.

Überhaupt: Gemeinde!
Verwechseln wir an vielen Stellen nicht oft Gemeinde und Reich Gottes? Gemeinde und Heilsbotschaft? Sind viele Aktivitäten, die wir durchführen, nicht eher darauf ausgerichtet, Gemeinde (sprich: eine lokale Verwaltungs- und Organisationsstruktur) zu erhalten, anstatt ein "himmlisches" Reich aufzubauen?

Der Glaube, beides sei automatisch identisch, scheint mir jedenfalls notwendig zu hinterfragen.

Wie steht es mit "Glaubwürdigkeit"?

Wie man's dreht und wendet: Irgendwas muss sich ändern. Auch und gerade bei mir selbst. Wenn es bleibt, wie es ist, ist es tot.

Doch dann befällt sie mich wieder ... diese enorme Müdigkeit ...

2008-09-10

Emerging Church - Größte geistliche Katastrophe

Die Emerging Church sei die "größte geistliche Katastrophe" in der Geschichte der Christenheit, so verkündete Jakob Tscharntke am 6. September vor etwa 50 Teilnehmern einer Regionalkonferenz
der von mir so "hoch geachteten" Abrenzungs- und Mauerbau-Bewegung "Kein anderes Evangelium".

"Ihre sozialen Aktivitäten hätten wenig mit biblischer Nächstenliebe und viel mit Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinde zu tun. Als Vertreter dieses Konzepts nannte Tscharntke beispielsweise den Theologen Prof. Johannes Reimer (Bergneustadt bei Köln) und die Evangelistin Christina Brudereck (Essen)" (Zitiert von Idea).

Auch manche Kommentare an diesem Online-Artikel sind ... ach, mir fehlen die Worte.

Ein offenes Ohr und insbesondere ein offenes Herz scheint diesen Leuten völlig abzugehen. Mit ihren Reden stimmen sie ein Kriegsgeheul an. Vertreten sie so den christlichen Glauben?