2009-04-15

Kindern Glauben vermitteln durch strategisches Programm?

Folgendes war im letzten Newsletter Willownews vom April 2009 als Werbung zu lesen:
Mark Holmen: Den Glauben zu Hause leben

Eltern befähigen, den Glauben mit Kindern zu leben

Dieses Buch ist Teil der Bewegung GLAUBEN ZU HAUSE, die
Gemeinden darin unterstützt, einen integrativen und
umfassenden Ansatz der Familienarbeit zu entwickeln. Dabei
geht es darum, Familien zu unterstützen, dass der Glaube zu
Hause Gestalt gewinnen kann. Glaubensprägung geschieht
wesentlich mehr zuhause, als durch die kirchliche
Kinderarbeit. Daher muss die Gemeinde für Familien zum
Partner werden, der sie darin unterstützt, Wege zu finden,
wie der Glaube zu Hause gestaltet werden kann.

Mit diesem Ziel haben Mark Holmen und David Teixeira ein
umfangreiches Arbeitsbuch zusammengestellt, das die Vision,
Strategie und praktische Umsetzung einer integrativen
Familienarbeit in der Gemeinde beschreibt. Hinzu kommen 13
kopierbare Einheiten, wie Eltern mit ihren Kindern den
Glauben in der eigenen Familie praktisch leben können. Die im
Buch enthaltende CD-ROM enthält umfangreiche
Arbeitsmaterialien für die Eltern-Kind-Impulse sowie
PowerPoint-Folien für die Vorstellung des Konzepts GLAUBEN ZU
HAUSE in der Gemeinde.
Während der erste Absatz ja noch recht positiv gelesen werden kann, stieß mir der zweite Absatz doch ziemlich auf.

"Vision, Strategie, integrative Familienarbeit..."

Für mich blieb beim Lesen ein fader Nachgeschmack, und die Frage: Ist es das? Definieren wir so unseren Glauben, unser Christsein?
Das Leben persönlicher Gottesbeziehung als Management-Auftrag?
Familienleben per Arbeitsmaterialien?

Ich frage mich, inwiefern sind wir noch (oder vielmehr: wieder!) in der Lage, unseren Glauben und unser Christsein aus der Perspektive der Beziehung, der Dynamik der Begegnung und der simplen Vermittlung von Liebe zu gestalten und vor allem zu vermitteln?

Inwiefern wird andersherum selbst der privateste Bereich durch christlich vorkonzeptionierte und vorkonfektionierte How-Tos durchdrungen?
Werden Situationen und Konstellationen, die ein Aufeinander-Hören und ein gegenseitiges in Achtung Wahrnehmen und Aufeinander-Eingehen verlangen, in ein vorgedachtes und durchdesigntes System-Management verwandelt?

Inwieweit wird Leben in seiner Spontaneität und Flexibilität durch Programmierung ersetzt?

An vielen Stellen klagen die Menschen, gerade die Berufstätigen, heutzutage über Überlastung, Stress, zu wenig zur Ruhe kommen.
Termine und Pläne werden oft als von Außen bestimmt und damit als Druck und Zwang erlebt. Wir werden getrieben von Anforderungen, Zielsetzungen, Kalendern.

Die Gesellschaft produziert auf diese Weise aber ihre eigenen Opfer. Verlierer werden einkalkuliert.
Nur der Stärkere (im Sinne von: Leistungsstärkere, Flexiblere, Opferbereitere) überlebt in diesem Szenario, Familien und andere Beziehungen bleiben auf der Strecke.

Anstatt nun diesem ungesunden Gesellschaftstrend durch Schaffung einer Alternative und eines Freiraumes in Gemeinde zu begegnen, anstatt eine Alternativkultur des Miteinanders zu begründen und vorzuleben, setzen wir diesen Trend, den auch wir als Christen im Beruf zum Teil leidvoll erleben, auch noch in unseren Gemeinden fort:

Aus Gemeinschaft wird Gemeinde-Arbeit. Aus Begegnung mit Jugendlichen wird Jugend-Arbeit.(*)
Und nun introjizieren wir diesen Trend auch noch in die privateste Struktur, die Familien, hinein.
Aus einem Zusammen-Leben von Menschen wird Familien-Arbeit.

Aus einer Gemeinschaft wird plötzlich ein durch Zielvorgaben bestimmtes, durch Programme gesteuertes Zweck-Unternehmen.

Fragt jemand die Kinder und Heranwachsenden eigentlich, ob sie von ihren Eltern als Ziel eines elterlichen Arbeitsprogrammes gesehen werden wollen?
Ob sie den Glauben ihrer Eltern als Kapitel 7 der familiären Christsein-Strategie vermittelt bekommen möchten?
Ob sie elterliche Liebe als Teil deren Glaubens erfahren wollen, weil es gemäß Impuls-Material gerade dran ist?


Anstatt sich mit "umfangreichen" Arbeitsmaterialien einzudecken und immer wieder zu versuchen, Glauben und Gemeinde durch vorgekaute Programme, Konzepte und Schemata in den Griff zu bekommen, wird es Zeit, dass Christen endlich wieder lernen, die Augen für die Menschen und die Gesellschaft um sie herum aufzumachen.
Bewusst auch mal über längere Zeit genau hinzuschauen und hinzuhören, und über das Gesehene und Gehörte im Dialog mit ihrem Herrn intensiv nachzudenken.
Wertfrei, offen, ohne Zweckorientierung.

Menschen, die nach Gott suchen (ob Erwachsene oder Kinder in Familien) brauchen weniger Programme und Arbeitsbücher als mehr persönliche Begegnungen mit Menschen, die ihnen als Gesprächspartner und Vorbilder dienen können. Die ihnen offen und wertfrei begegnen und im Dialog zur Verfügung stehen.

Und da fängt es schon an: Auch für die Suche nach Vorbildern brauchen wir ... Vorbilder.
Wie wächst man eigentlich im Glauben?
Wie findet man Menschen, zu denen wir genug Vertrauen entwickeln können, denen wir uns anvertrauen können, und die für uns zu persönlichen Mentoren werden können?
Wer ist Vorbild darin, Vorbilder zu suchen und zu finden?

Wenn die Gestaltung christlichen Familienlebens eine offene Frage ist (offensichtlich, da das Arbeitsbuch ja darauf eine Antwort geben möchte), und wenn wir aus der Seelsorge wissen, dass persönliches Gespräch und persönliche
Begegnung wichtig sind, um auf die individuellen Bedürfnisse und den Charakter der jeweiligen Menschen einzugehen (offensichtlich, da wir nicht die Seelsorgearbeit einfach durch ein breiteres Büchertisch-Angebot ersetzen), dann ist ein solches Arbeitsprogramm-Buch ein christlicher Stilbruch. Dann ist es in der Gesamtschau christlichen Soziallebens kontraproduktiv, mit solchen Materialien aufzufahren.


Die Frage, wie wir postmodernen Menschen denn Glauben vermitteln können, wird an allen möglichen Orten gestellt, und Antworten darauf klingen oft ähnlich: Durch persönliche Beziehung, durch lehrreiche Geschichten (Narrativium).
Auch z.B. das Thema Glaube, Zweifel und Gemeinde wird daher immer mehr in Romanform statt durch Sachbücher vermittelt.
Durch Erzählungen statt durch strukturierte Programme und Konzepte.


Unser Leben als Christen in Gemeinden soll vom Glauben erzählen, nicht unsere Lehrbücher und Schulungsprogramme.
Christus hat den Jüngern nicht eine Menge von Schriftrollen übergeben, sondern hat sie eingeladen, ihn auf der Reise seines Lebens zu begleiten und ihn quasi "live" zu erleben.

Das sollten wir berücksichtigen, gerade in der aktuellen Zeitgeist-Entwicklung. Sind wir dazu bereit? Oder bleiben wir in der Programmatik und Versachlichung/Funktionalisierung der Moderne haften?



(*) Von "Kinder-Arbeit" als Begriff mal ganz zu schweigen.




2009-02-18

Morgengedanke: "Ihre repräsentative Immobilie"

Hallo, mein Name ist Peter Makler und ich vermittle Immobilien an Privat- und Geschäftskunden.

Leider geht mein Geschäft nicht sehr gut. Irgendwie flau. Oder um ehrlich zu sein: Ich stehe vor dem Ruin. Und das, wo ich eigentlich nicht mehr lange bis zur Rente habe. Schlimm, sowas.

Neulich, da hab ich ja gedacht, ich würde wieder Aufwind bekommen. Da kam nämlich ein Unternehmer zu mir, Eigentümer einer jungen, aufstrebenden Computerfirma. Er sagte mir, er hätte vor einigen Jahren mit ein paar Leuten angefangen, aber sein Unternehmen wäre in kurzer Zeit dermaßen angewachsen, dass seine Officelocation aus allen Nähten platze. Außerdem sei das ein nicht repräsentativer Altbau. Nichts, womit man den Geschäftskunden die Innovativität seiner boomenden IT-centered Company deutlich machen könne. Und da er in der Acquisitions-Phase zu einigen großen Joint-Venture Projekten mit Resellern sei, bräuchte er angemessene Räume für Meetings und Präsentationen. Außerdem sollen die Arbeitsplätze seiner Angestellten flexibler auf die Economic Changes angepasst werden können.
Patchbare Network-Installationen und Infrastruktur, die auch zum Chillen und Relaxen einlädt, sei in seinem kreativen Business pflicht.

Ok, ich hab nicht alles verstanden, aber das Anliegen war klar: Er brauchte ein neues Bürogebäude!

Zunächst mal trafen wir uns in seinem derzeitigen Unternehmens-Domizil, und er hatte recht: In diesem Gebäude konnte man kein modernes Unternehmen der elektronischen Datenverarbeitung ansiedeln. Ein Altbau aus der Jahrhundertwende, an dem schon Teile des Stucks abbröckelten. Überalterter Dachbau, angewitterte Holzrahmenfenster, ohne Farbe.

Und da hatte ich genau das Richtige für ihn ... dachte ich. Ein kleines Prachtstück von einem Gebäude. Ich lud ihn also zu einem Besichtigungstermin ein, und wir sahen es uns an: Zentral gelegen in der Mitte des Altstadt-Zentrums, renovierter Verwaltungsbau, Baujahr 1905. Stuckfassade gut erhalten und erneuert, in pastell-blau gehalten, kürzlich erst gestrichen. Alle Fenster runderneuerte und weiß gestrichene Holzrahmen mit dekorativen Mittelkreuzen. Zentralheizung völlig saniert, breites, repräsentatives Treppenhaus. Gute Verkehrsanbindung.

Nun ... er war nicht begeistert. Er sagte, er bräuchte ein modernes Gebäude. Eines, dass den technologischen Fortschritt seiner Branche darstellt. Etwas mit Glas und Chrom. Mit mehr Licht im Inneren. Ein großer Eingangsbereich, moderne Lifte, alle Formen der Telekommunikation bereits in jedem Raum verlegt. Und überhaupt: Die Farbe ....

Natürlich!! Jetzt hatte ich ihn verstanden. Nun, pastell-blau passt ja auch wirklich nicht zu einer Rechner-Firma.

Also zeigte ich ihm das nächste Gebäude. Ein wahrer Palast der Moderne. Gegenwärtig war es noch ein Hotel, aber das würde in Kürze das Gebäude verlassen.
Der Eingang war mit einem Glasvorbau auf Stahlsäulen versehen, moderne Pflasterarbeiten in der Zufahrt. Alle Fenster modernste Thermopen-Doppelverglasung im Alurahmen. Jedes Zimmer ausgestattet mit Telefon und sogar Computeranschluss! Die Lifte waren erst vor drei Jahren erneuert worden. Der Eingangsbereich enthielt eine Buchenholz-Rezeption. Der Wintergarten ließ viel Licht ein, und eignete sich hervorragend als großer Besprechungsraum.
Die Fassade in modernem dunkelrot gehalten, Fensterrahmen und Sockel in leichtem Grau hervorgehoben.

Das war ja wohl ideal. Ein wirklich rundum zeitgemäßes Gebäude für ein modernes Unternehmen.

Aber komisch. Irgendwie störte er sich daran. Im gefiel die Stuckfassade nicht. Und das Baujahr 1922 sei ja auch nicht gerade etwas, was sein Unternehmen repräsentieren würde. (Verstehe ich nicht: Sehr solide, so sollten sich Unternehmen doch darstellen?).

Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Und das verstehe ich wirklich nicht. Habe ich denn nicht alles getan, um auf seine Wünsche einzugehen?

2008-12-30

Zwei Arten von ernsthaften Christen

Ein Gedanke, der mir vor einer Weile nach einer Beobachtung in Gemeinde durch den Kopf schoß:


Es gibt zwei Arten von ernsthaften Christen:

Diejenigen, die nicht aufhören zu fragen.

Die nicht aufhören, Konflikte in Aussagen wahrzunehmen, zu erkennen, anzunehmen. Die nicht aufhören, Tradiertes und Überliefertes, Absolutes, Erreichtes und eigentlich Geklärtes zu hinterfragen.
Sie sehen sich niemals als Fertige, sondern immer als Fragende, als Suchende. Trotz aller Glaubensgewissheit wissen sie um ihre Unwissenheit und betrachten alle Erkenntnisse als vorläufig. Sie sind immer bereit, sich und ihren Glauben, ihre Ansichten, ihre Meinungen hinterfragen zu lassen und sie gegebenenfalls auch zu korrigieren.

Hier finden wir den Thomas, der erst die Hände in die Wunden legen muss. Den Paulus, der einen Römerbrief verfasst und sich auf die Griechen einlässt.

und

Diejenigen, die endlich aufgehört haben zu fragen.

Die der ewigen Suche, der nie endenden Kette immer weiterer Ungewissheiten, immer neuer Fragen, ein Ende gesetzt haben.

Sie haben eines Tages einen Schnitt gemacht und begonnen, Antworten zu geben.

Ihr Leben ist eine Kette immerwährender Antworten auf die Frage der Existenz und der Gnade Gottes. Sie leben einfach, was sie bis dahin zu erkennen meinen, und erkennen, indem sie leben, was sie glauben.

Hier finden wir den Petrus, der aus dem Boot steigt, aber auch die Mutter Theresa von Kalkutta.


Schwierig wird es, wenn der Eine dem Anderen begegnet, ihn aber nicht versteht.

Morgengedanken #1 - Status quo?

Hier ein Morgengedanke, der schon ein Jahr alt ist, und noch in meinen Entwürfen schlummerte ...

---

Entweder es gibt keinen Gott, dann ist die Gemeinde nur ein sozialer Verein, wo sich Menschen zwecks gemeinsamer Lebensgestaltung treffen.

Dann macht viele Anstrengung, Evangelisation, Diakonie und anderes Engagement, welches über ein gewisses Maß hinaus geht, aber keinen Sinn. Dann kann ich mir private Frömmigkeit sparen, und einfach die Gemeinschaft im Verein genießen, mit netten Leuten was Nettes unternehmen.
Alles darüber hinaus hat sich erübrigt.

Der Sinn hinter einer humanitären Handlung müsste sich dann aber anders ergeben. "Salz der Erde" wird dann nämlich nur zu einer netten Idee. Ein Aufruf zu diakonischem Handeln und besonderem Einsatz für Menschen über den direkten Freundeskreis hinaus kann sonst zu leicht durch die eigene Faulheit wegdiskutiert werden. Wozu sollte ich überhapt Einsatz für "die Welt" zeigen?
(In dieser Hinsicht muss mir ein Athetist, wie Dawkins, wirklich mal erklären, warum ich mich für irgendwelche karitativen Dinge einsetzen sollte. Meinen Bekannten geht es gut, und das reicht doch.).

Tatsache ist: Wenn das der Fall ist, kann mein Leben nicht so bleiben, wie es ist. Denn ich kann dann meine Zeit besser, geschickter und vor allem entspannter verteilen. Viel Streß hat sich dann erübrigt. Das Ringen und Kämpfen um dieses und jenes in Gemeinde. Um Gemeinde überhaupt. Solange sie funktioniert, ist es gut, wenn nicht, dann nicht. So lässt es sich viel ruhiger leben.


Oder es gibt Gott. Wenn es aber Gott gibt, dann frage ich mich, wieso er selbst in einer christlichen Gemeinde oftmals so verborgen sein kann. Wieso er dort nicht viel "präsenter" ist, viel intensiver erlebt wird. Wie kann es sein, dass eine Gemeinde in mancher Hinsicht wie ein Verein mit religiös-theologischem Sachhintergrund erscheint, mit allem, was zu einem normalen Verein einfach dazugehört?

Wenn es Gott gibt, dann kann mein Leben ebenfalls nicht so bleiben, wie es ist. Denn dann muss ich über meine Zeit, mein Engagement, mein Ringen und Kämpfen auch neu nachdenken. Dann muss ich fragen, ob die Gemeinde Gottes Ziele verfolgt, oder nur ihre eigenen. Ob an vielen Stellen durch gemeinschaftliche Gemütlichkeit und gesetzte Bürgerlichkeit nicht die Botschaft dieses Gottes verdeckt und "weichgespült" worden ist. Dann muss ich selbst mich dazu stellen und fragen, inwiefern ich an diesem Zustand beteiligt bin, und muss sehen, was das für mich und mein Leben bedeutet.

Überhaupt: Gemeinde!
Verwechseln wir an vielen Stellen nicht oft Gemeinde und Reich Gottes? Gemeinde und Heilsbotschaft? Sind viele Aktivitäten, die wir durchführen, nicht eher darauf ausgerichtet, Gemeinde (sprich: eine lokale Verwaltungs- und Organisationsstruktur) zu erhalten, anstatt ein "himmlisches" Reich aufzubauen?

Der Glaube, beides sei automatisch identisch, scheint mir jedenfalls notwendig zu hinterfragen.

Wie steht es mit "Glaubwürdigkeit"?

Wie man's dreht und wendet: Irgendwas muss sich ändern. Auch und gerade bei mir selbst. Wenn es bleibt, wie es ist, ist es tot.

Doch dann befällt sie mich wieder ... diese enorme Müdigkeit ...

2008-09-10

Emerging Church - Größte geistliche Katastrophe

Die Emerging Church sei die "größte geistliche Katastrophe" in der Geschichte der Christenheit, so verkündete Jakob Tscharntke am 6. September vor etwa 50 Teilnehmern einer Regionalkonferenz
der von mir so "hoch geachteten" Abrenzungs- und Mauerbau-Bewegung "Kein anderes Evangelium".

"Ihre sozialen Aktivitäten hätten wenig mit biblischer Nächstenliebe und viel mit Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinde zu tun. Als Vertreter dieses Konzepts nannte Tscharntke beispielsweise den Theologen Prof. Johannes Reimer (Bergneustadt bei Köln) und die Evangelistin Christina Brudereck (Essen)" (Zitiert von Idea).

Auch manche Kommentare an diesem Online-Artikel sind ... ach, mir fehlen die Worte.

Ein offenes Ohr und insbesondere ein offenes Herz scheint diesen Leuten völlig abzugehen. Mit ihren Reden stimmen sie ein Kriegsgeheul an. Vertreten sie so den christlichen Glauben?

2008-05-28

Trauerfeier oder Party? Kommentar zu: Laut gedacht

Matthias hat auf seinem Blog einen ersten Artikel zum Thema Jugendliche im Gottesdienst

Für einige Mitmenschen vielleicht zu provokant, aber der Artikel ist einfach ehrlich.

Ich möchte hier einfach ein paar Gedankenschnipsel danebenstellen, als Ergänzung, Kontrast, und zum Weiterdenken.

geschrieben.
Demnach muss es also eine dritte Art von Feier geben. Eine Feier bei der man eine Stunde lang auf einem Stuhl sitzt nur hin und wieder aufstehen darf/muss.

Genau. Eine solche Feier gibt es auch. Und zwar auch außerhalb von sakralen Kontexten. Nehmen wir als Beispiel sowas wie die Bambi-Verleihung.

Oder vielleicht ist das doch eher die erste Art Feier?

Wie passt das zusammen? Nun, die Oberkategorie passt eher zur Trauerfeier, und unterscheidet sich von der Party.
Es handelt sich um eine Form von Fest oder Feier, die man mit dem Begriff "Zeremonie" bezeichnen kann.

Dort wo etwas "gefeiert" wird im Sinne von: "zelebriert".
Wo jemand "gefeiert" wird, also geehrt. Solche Leute, die man ehrt und feiert, nennen die Engländer darum auch "celebrities".

In dieser Kategorie treffen sowohl die Trauerfeier als auch die Hochzeitsfeier(!) aufeinander, wobei letztere trotz der "Feierlichkeit" der Situation fröhlich gemäss dem Anlass abläuft.

Sie ist höchst feierlich, aber eine Freude. Ein besonderer Jubeltag.

Worum es nun beim Gottesdienst geht ist nicht, ihn in eine einfache typische "Party" zu verwandeln, wo alle lachend und flirtend in den diversen Ecken rumstehen, Hauptsache die Musik ist gut, die Leute sind gut drauf und Snack und Drink ist ausreichend da.

Aber du hast recht: Normaldeutsche Gottesdienste gleichen oft eher der Trauerzeremonie als dem Jubeltag.

Man stelle sich vor, dass man nach einer langen, politischen Unruhe endlich wieder einen König auf den Thron bekommt, einen Führer, einen Ehrenmann. Jemand, den man achtet und den man ehren möchte (warum fällt mir jetzt Herr-der-Ringe ein? ;-) ).

Wir müssen uns fragen:
Gleichen unsere Gottesdienste einer Krönungszeremonie?

Warum nicht?

Haben wir verlernt, über Gott zu jubeln? Haben wir verlernt, jemandem wirklich die Ehre zu erweisen?

Die Frage geht eigentlich noch tiefer: Haben wir noch das Empfinden für Ehre? Für Hochachtung vor jemandem, den wir als "Persönlichkeit" ansehen? Für Respekt?

Ich denke nicht, dass das völlig abhanden gekommen ist.
Aber die Frage ist dann: Wie sieht heutzutage ein solches Zelebrieren aus?

Nun, nur mal ein kleines Beispiel, als Anregung zum Weiterdenken:
Wir sind an Konzertvorstellungen gewöhnt, an Gala-Shows, an Preisverleihungen, und viele ähnliche Zeremonien.
Ein wesentliches Element dieser Erfahrung ist immer der Applaus. Mit Applaus drücken wir unseren "Beifall" aus. Unseren Jubel. Unsere Freude.

Wie kann es also sein, dass immer noch Leute versuchen, den Applaus aus den Gottesdiensten zu verbannen, weil er nicht "feierlich" genug ist. "Weil wir ja Gott loben wollen, und nicht etwa z.B. die Band". Und was für Argumente man auch zu hören bekommt.

Feierlichkeit, Achtung, Jubilieren, ausgedrückt durch stumme Stille? Emotionslose Reglosigkeit?

Ein Brückenschlag zwischen dem sakralen Gottesdienst und dem zeitgemäßen Zelebrieren ist sicher das, was wir in der "Praise and Worship" Bewegung vorfinden.
Das Wort "Lobpreis" gibt es schon wieder, dass es da um genau die Dinge geht, die ich oben angesprochen habe. Loben und Preisen. Achtung und Ehre deutlich zeigen.

Aber ein Gottesdienst besteht nicht nur aus "Worship".
...weil ein Gottesdienst nicht oberflächlich bleibt. Er geht in die Tiefe und berührt die Menschen da wo sie sind.
In meinen Augen ist das ein ganz wesentlicher Aspekt! Die Menschen werden berührt!

Immer wieder habe ich aber in Gesprächen über Gottesdienstgestaltung den Eindruck, dass man mir (und durch mich bitte auch den Jugendlichen) vermitteln möchte, dass ich mich durch die verwendeten Elemente doch bitteschön berührt zu fühlen habe.

Wenn mich (oder meine jugendlichen Freunde) der Gottesdienst nicht mehr berührt, dann ist
bei uns was falsch! Dann stimmt was mit unserer Einstellung zum Gottesdienst nicht.

Nun behaupte ich aber: Wenn ein Gottesdienst es erfordert, dass man ihn langwierig und umständlich erklärt, damit er auch nur halbwegs von einem Außenstehenden verstanden werden kann, wenn ein Gast von der Straße erst aufwändig "eingestellt" werden muss, um mit dem Gottesdienst umgehen zu können, dann ist in meinen Augen vom Grundansatz her etwas falsch.

Dann wird das Zeremoniell des Gottesdienstes vielleicht vom Verstand her irgendwann einmal erfasst, aber genau dieser Effekt ist es doch, der uns dem Vorwurf aussetzt, alles nur "vom Kopf her" zu begreifen.

Viele Rituale in unseren Gottesdiensten entspringen nicht mehr unserem natürlichen Bedürfnis des Ausdrucks.

Wo klingt der Festredner in seiner Dankesrede wie Goethe im Original?

Und mal ganz ehrlich: Wo machen wir denn in unserer Gesellschaft die Erfahrung, dass wir zur Ehre eines Preisträgers oderwasauchimmer gemeinsam "die eingerückten Verse" lesen??
(Ich habe mal jemanden mit meinem Bekenntnis schockiert, dass das multivokale Sprechen von Texten bei mir immer Unwohlsein auslöst, weil ich mich eher an Alien- oder Horrorfilme erinnert fühle, als an gemeinschaftlichen Lobpreis).

Gleiches wie für die Zeremonien gilt für unser Liedgut. Ich glaube nicht, dass einem Gast von Außen (oder einem unserer eigenen Jugendlichen) klar ist, was es heißt, wenn wir singen: "Alles was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen".
(Und mal ganz unter uns, lieber Leser, ich möchte lieber nicht wissen, welche Gedanken ihnen beim zweiten Teil des Satzes durch den Kopf gehen...).

Ich meine also: Berührt wird der Gottesdienstbesucher dadurch, dass er die Möglichkeit bekommt, sich in seiner natürlichen Sprache auszudrücken. Dass er erlebt, wie die anderen um ihn herum ehrlich ihrer Beziehung zu Gott Ausdruck geben. Und dadurch, dass er sich in der Predigt in der ihm verständlichen Sprache angesprochen fühlt.
Angesprochen - sowohl wörtlich verstanden (der Inhalt ist an ihn gerichtet), als auch übertragen: Was gesagt wird, [be-]trifft ihn in seinem Bezugsrahmen, seiner Erlebniswelt.

Ein ganz generelles Problem habe ich schließlich mit dem "Jugendgottesdienst" Begriff, stelle ich in Einzelgesprächen doch immer wieder fest, dass das ganze Thema keines der "Jugendlichen" (sprich: bis maximal Mitte 20) ist, sondern diese und ähnliche Kritik immer wieder aus den Reihen des mittleren Alters zu hören ist.

Ich frage mich also: Wann werden wir lernen, intensiv Augen und Ohren zu öffnen, und uns Gedanken darüber zu machen, was denn die Erlebniswelt, was der Bezugsrahmen unserer Gottesdienstbesucher ist?

Wo findet diese Debatte statt, ohne dem Besucher einen vorgefertigten Bezugsrahmen überstülpen zu wollen?

2008-05-08

"Der Eine" Gottesdienst? - Willow Creek verändert Gottesdienstkonzept

Heute morgen flatterte mir der aktuelle Willow-Creek Newsletter in die Inbox, indem bereits zu Anfang eine interessante Neuerung in der Gottesdienst-Ausrichtung bei WC zu lesen ist.

Dort heißt es:
Wärend der vergangenen 30 Jahre gab es in Willow Creek zwei unterschiedliche Gottesdienstangebote. Am Wochenende fand der Gottesdienst für Suchende statt, der sich maßgeblich auf die Bedürfnisse von entkirchlichten Menschen ausgerichtet hatte. Während der Woche gab es den Gottesdienst für die Gläubigen "New Community", in dem Anbetung, Lehre und die Feier des Abendmahls ihren Platz hatten. Viele Jahre hat diese Aufteilung der Gemeinde gut gedient.

Mittlerweile sind jedoch die Bedürfnisse der Gläubigen so unterschiedlich geworden, dass eine zentrale Veranstaltung nicht mehr in der Lage ist, all diesen Bedürfnissen angemessen zu begegnen. Dies hat unter anderem die Studie "REVEAL" zutage gefördert.
Ich bin gespannt, wie sich diese "neue Erkenntnis" denn wiederum auf unsere Gemeinden auswirken wird, die ja gerne mal den neuesten Willow-Trends hinterherlaufen.

Warum "neue Erkenntnis" in Anführungszeichen?
Nun, letztlich hat WC da nicht eine völlig überraschende Weisheit aus dem Hut gezaubert, sondern übernimmt nur, was andere ihnen bereits als Kritik vorgekaut haben.

Der Gedanke, dass "der Eine" Gottesdienst zwar eine löbliche Absicht ist, aber in der Praxis nicht trägt, haben wir vom Jugendbereich unserer Gemeindeleitung schon länger versucht klar zu machen. Zu diesem Zweck versuchten wir, aus Dan Kimball's Buch zur Emerging Church zu zitieren, aber kamen nicht weit.

Nicht mehr "der Eine" Gottesdienst? Kam gar nicht in Frage. Inzwischen sieht man auch dies zumindest ein
klein wenig lockerer.

Eine kleine Auseinandersetzung mit diesem Thema ist auch in meinem Artikel
JA-GoDi: Gottesdienst - neutestamentlich (Teil 1) zu finden.

Irgendwie wird der Widerspruch in den Ansprüchen einfach nicht deutlich:
  • Man will -auch gerade jungen Menschen- vermitteln, wie wichtig regelmäßige Gottesdienst-Teilnahme für das Gemeinschaftserleben und für die Beständigkeit im Glauben ist.
  • Darauf hingewiesen, dass Jugendliche mit dem "Großen" Gottesdienst nur wenig anfangen können und einen anderen Stil und andere Formen bevorzugen, heißt es dann: "Ja, aber dafür haben wir doch die JesusHouse Parties" (einmal im Vierteljahr !)
Da runzelt Rudi Ratlos resignierend seine Stirn.

Jetzt bin ich wirklich mal gespannt, ob demnächst bei uns Leute von WC-Kongressen wiederkommen und uns verkünden: "Wir sollten mal drüber nachdenken, ob wir nicht vielleicht verschiedene unterschiedliche Gottesdienstangebote machen sollten ..."

Warum habe ich nur immer das Gefühl, dass christliche Gemeinden ständig hinterherhinken?

Und wie wahr sind doch die Worte: "Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande" (Markus 6, 1-4) und "Niemand verachte dich wegen deiner Jugend" (1. Timotheus 4, 12)

Das Problem bleibt allerdings, dass unsere Gemeinden keine Mega-Kirchen mit unendlich Ressourcen sind. Und das mag ein Hindernis sein, dass neue Ansätze und Gedanken bereits in den Kinderschuhen stecken bleiben.

Auch hier ein nettes Zitat aus dem WC-Newsletter, Trailer zu einem WC-Seminar:
[...]Aber viele Gemeinden sind auch in der Umsetzung dieser Vision stecken geblieben. Dies hat vielerorts damit zu Tun, dass zwar Programme verändert wurden, aber nicht die herrschenden Werte in der Gemeinde. Um dauerhaft Veränderung zu erreichen, ist es aber nötig, auf der Werte-Ebene Veränderung zu schaffen.
Da fällt mir der englische Refrain-Text zum Lied Sag mir wo die Blumen sind ein:
"When will they ever learn, when will they ever learn?"