2009-10-13

Debatte um Emerging Church, Postmoderne und relative Wahrheit

Vor Kurzem ist mir ein bedenkenswerter Aspekt in unseren Diskussionen um Emerging Church, Postmoderne und die Kritiken daran aufgefallen, und den versuche ich hier einmal zu formulieren.

Oft drehen sich Diskussionen um das Für und Wider der Emerging Church um das Thema der Abkehr von absoluten Wahrheiten, um den Relativismus. Die Frage, die die Debatten bestimmt, lautet dann meist: "Können wir eine Relativierung der Wahrheit dulden?" . Und oft werden Gespräche auf der Grundlage geführt, Emerging Church sei zwangsläufig ein Vertreter des Relativismus, da sie sich "Kirche für die Postmoderne" als Etikett anklebt. Entsprechend, sei die logische Folgerung: Wenn ich den Relativismus ablehne, muss ich also auch die Emerging Church ablehnen.

Ein weiterer Denkfaden in der Diskussion ist dabei, dass es darum gehe, eine Entscheidung für Relativismus oder Absolutismus zu treffen, und entsprechend sich für oder wider die Postmoderne, und damit für oder wider Emerging Church zu entscheiden.

Meiner Ansicht nach geht diese Diskussion aber völlig am Kern der Sache vorbei.

Um diese Ansicht zu erläutern muss ich ein wenig ausholen.

Wir leben in einer Zeit, die wir gut und gerne als das Informationszeitalter bezeichnen können. Information und Wissen ist multimedial überall präsent. Das allgemeine Bildungsniveau, obwohl oft beklagt, ist geschichtlich gesehen heute immens hoch.
Konnte man in früheren Zeiten sagen, dass die Menschheit entweder eine Sache X wusste oder nicht wusste, dann konnte man nur noch darüber reden, ob die Sache X in der Schule unterrichtet wurde oder nicht.
Wissen oder Nichtwissen, das waren die Alternativen. Debatten über Sachverhalte wurden in elitären akademischen Zirkeln geführt, und nur Ergebnisse wurden zum Allgemeingut.

In jüngerer Zeit haben wir jedoch immer mehr einen Zustand erreicht, in dem wir es nicht mehr mit ("gesichertem") Wissen zu tun haben, sondern mit Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Das Erleben, dass z.B. die Quantenphysik unsere Alltagserfahrung auf den Kopf stellt, wird zum schulischen Unterrichtsstoff. Debatten über wissenschaftliche Sachverhalte werden öffentlich diskutiert. Medien machen Debatten in Form von Podiumsdiskussionen allgemein zugänglich, Internet und Buchdruck haben sich von reiner Wissensvermittlung in Debattenplattformen verwandelt.

Ein Heranwachsender, der sowohl mit der neuen Bildung, den neuen Medien als auch eben mit dem Erleben dieser Debattenkultur heranwächst, steht nun vor der Herausforderung, diese teilweise konträren Informationen einordnen zu müssen.
Da ist zum Beispiel die Atheismusdebatte, die gerne auch auf dem Boden der Evolutionstheorie ausgetragen wird.
Und der junge Mensch wird nun mit einer Fülle an offensichtlich schlüssigen, logischen Argumenten angefüllt. Offensichtlich, bis die Gegenseite mit einem System ebenso schlüssiger und logischer Argumente antwortet. Welche sich im Rahmen von wiederum schlüssiger und logischer Konterargumenten als vielleicht nicht ganz so logisch und schlüssig herausstellen. Und so weiter und so weiter.

Der junge Mensch will aber letztlich einfach leben und an dieser Gesellschaft teilhaben. Da offensichtlich aber keine der beiden Seiten ohne weiteres erkennen lässt im Unrecht zu sein und die andere somit automatisch im Recht wäre, ist er gezwungen, eine Entscheidung zu treffen.

Diese sieht zunehmend so aus, dass er sich der Seite anschliesst, die ihm irgendwann als die Schlüssigere erscheint; als die, mit der er sich wohl fühlen kann. Die ihm intuitiv "passend" oder "stimmig" zu sein scheint. Die irgendwo "authentisch" klingt.
Und danach entscheidet er sich, an keiner weiteren Debatte mehr teilzunehmen. Schluss mit dem Hin und Her, sollen sich andere die Köpfe heiß reden, während ich zufrieden meinen Lebensweg gehe.

So kommt es, dass sich Egon auf die eine Seite stellt, und fertig. Und Hugo stellt sich auf die andere Seite, und gut ist. Jetzt haben die beiden aber ein Problem, wenn sie aufeinandertreffen. Sollen sie nun ihre Seite vertreten und in eine Debatte einsteigen? Nun, beide haben irgendwann festgestellt, dass alle Debatten irgendwo zu keinem klaren Ergebnis führen, und haben sich entschieden, keine ernsthaften Debatten mehr zu betreiben. Beide sind sich der Unfertigkeit und Beliebigkeit ihrer eigenen Einstellung bewusst, und lassen sich daher gegenseitig in ihrer Ansicht stehen. Wenn der Andere mit seiner Entscheidung glücklich ist, soll er es sein, ich bin es auch.

Aus diesem Erleben also kommt es zur Relativierung von Wahrheitsansprüchen. Selbst die Seite, die mich letztlich überzeugt, kann nicht den Anspruch erheben, fehlerfrei und kritiklos wahrhaftig zu sein. Sie ist lediglich für mich irgendwo einsichtiger, "authentischer" als die andere, mehr nicht. Also gibt es keine absolute Wahrheit. Nichts, von dem ich glaube, dass ich den anderen damit letzlich wirklich überzeugen könnte, oder er mich.

In diesem Umfeld also leben wir, und wir treffen als Gemeinden auf eine Gesellschaft, in der immer mehr dieses Erleben Raum findet.

Die Frage ist also gar nicht, ob wir als Gemeinden Postmoderne gut finden, und ob wir den Relativismus gut finden. Er ist da. Als Teil unserer Gesellschaft. Punkt.
Die Frage ist ganz einfach: Wie gehen wir damit um? Und weiter:
Wie gehen wir damit um, im Kontext eines Missionsauftrages, der uns auffordert, die Botschaft auch (und gerade) in diese Gesellschaftsbereiche zu tragen?

Einfach hinzugehen und zu sagen: "Du liegst falsch, du hast nicht recht mit deinem Weltbild" funktioniert nicht. Dem anderen zu sagen: "Dein Relativismus stimmt nicht, aber ich kann dir etwas von der wirklich wahren Wahrheit erzählen", funktioniert wohl auch nicht. Zu sagen: "Komm wir reden über dein Weltbild und ich bringe dir überzeugende Argumente für meines" funktioniert aus obigem Kontext heraus zwangsläufig erst recht nicht! Also was?

Die Emerging Church kann für uns insofern ein Leitbild sein, dass sie auf die postmoderne Kultur und ihr Wesen hinweist, sie quasi darlegt.
Sie versucht uns zu erläutern, wie diese Generation/Kultur denkt, wie sie empfindet. Und sie kann insofern ein Leitbild sein, dass sie die richtigen Fragen an dieser Stelle stellt. Sie versucht herauszufinden, wie denn diese Generation/Kultur denn anzusprechen ist.

Zusammengefasst: Die Frage "ob" oder "ob nicht" geht am Problem vorbei, denn wir haben in dieser Hinsicht viel weniger Optionen, als wir denken, bzw. unsere Optionen sehen ganz anders aus, als wir meinen.
Die Frage ist vielmehr "wie?" - "Auf welche Weise?". Und es wird Zeit, dass wir uns dieser Frage langsam aktiv zuwenden. Es wird Zeit, dass wir uns um Antworten kümmern, die auch passen.

Kommentare:

mannsven hat gesagt…

Grade kam mir ein Gedanke:
Relativismus soll doch eine Eigenschaft der Postmoderne sein. Jedoch war das früher nich genauso? Hatten Menschen damals keine unterschiedlichen Meinungen, oder waren Meinungen damals absoluter?
Wenn Hugo damals mit Karl sprach und seine Meinung kundtat und Karl eine andere hatte und keiner den anderen Überzeugen konnte, wurde dann Hugo, welcher vielleicht eine Minderheit vertritt, die Meinung von Karl aufgezwängt?

MentalRover hat gesagt…

Hi Sven,

natürlich hatten Menschen auch früher schon unterschiedliche Meinungen.

Das Problem des vollständig durchgezogenen Relativismus ist folgendes:

Früher wären Karl und Hugo davon überzeugt gewesen, dass es prinzipiell eine absolute, objektive Wahrheit geben kann. Wenn also der Andere nicht zu überzeugen ist, dann ist er halt uneinsichtig, oder ist einfach noch nicht soweit, oder übersieht manche Details oder was auch immer.
Oder er hat gute Argumente, und kann mich damit überzeugen.
Letztlich können sich Karl und Hugo aber darüber streiten, was wahr ist. Und sie verstehen insbesondere beide, dass man sich für die Wahrheit einsetzen, dafür kämpfen muss.

Im postmodernen Relativismus jedoch geht jeder davon aus, dass seine eigene Meinung, genau wie die des Anderen, unvollständig und subjektiv ist.

Damit aber kann keiner überhaupt einen Anspruch auf Wahrheit geltend machen, und somit kann eigentlich niemand für irgendeine Wahrheit kämpfen.

Demnach könnte es OK sein, wenn in anderen Kulturen Töchter aufgrund von religiösen Problemen umgebracht werden. Oder Tiere brutal abgeschlachtet. Oder Geschlechtsteile verstümmelt oder was auch immer.

Es ist halt deren Kultur, und wer bin ich, mir darüber ein Urteil zu erlauben. Ich bin halt anders erzogen. In meiner Kultur ist das schlecht, in der anderen kann das gut sein.

Ich kann also keinerlei "bessere" Wahrheit für mich beanspruchen.

Mit dieser Grundeinstellung ist aber in der extremen Form in letztlicher Konsequenz weder Evangelisation/Mission möglich, noch Einsatz für Menschenrechte noch irgendwelche wirklich ernsthaften Debatten.

Relativismus hat durchaus seine Berechtigung, allerdings nicht bis in die letzte Konsequenz der Beliebigkeit. Auch der Relativismus ist also nur relativ wahr, sonst widerspricht er sich auch selber. Das ist meine Meinung.

MentalRover hat gesagt…

Per Mail erhielt ich die Frage:

"Dein Beitrag über den Relativismus (Antwort an Sven) ist das dargestellte nicht der Konstruktivismus?"

Ich verstehe die Frage nicht genau. Wenn sie verstanden wird als "ist es nicht eher Konstruktivismus anstatt Relativismus?" dann nein.

Der Konstruktivismus, speziell seine radikale Ausprägungsform, bedient sich des Relativismus als Teil seiner Philosophie.

Somit haben die beiden Begriffe Überschneidungen, sind quasi zwei verschiedene Blickrichtungen.

Sollte die Frage bedeuten: "Wenn du die relativistische Haltung der beiden Personen beschreibst, beschreibst du dann nicht den Konstruktivismus?"

Dann ja. Der Konstruktivismus wendet die Thematik des Relativismus quasi in bestimmter Form auf epistemologische Fragen, also auf Fragen zu menschlichem Wissen und menschlicher Erkenntnis, an und interpretiert das Resultat als philosophische Haltung.

Das ist ungefähr so, als wenn man sagt: Wenn du die Mathematik der Wellen beschreibst, beschreibst du dann nicht die Klangphysik?

Klar Wellen-Funktionen der Mathematik sind die theoretische Basis zum Verständnis dessen, was Schall und Klang ist. Das eine ist mit dem anderen verwoben. Aber eben nicht identisch.