2007-12-04

Idea fragt: Helfen uns immer neue Bewegungen?

Achtung, Glosse!
Ein sehr interessanter Artikel erschien heute bei Idea Spektrum.

Interessant deshalb, weil drei sehr eigenartige Themen in einem genialen Rundumschlag miteinander vermischt werden.

1.) macht dieser Artikel darauf aufmerksam, dass etablierte diakonische Werke in die Krise geraten, weil ihnen die Spendengelder ausgehen. Das finde ich selbst auch recht bedenklich, gerade bei Einrichtungen, die wirklich am Puls der Not sind, wie das Weiße und das Blaue Kreuz.

2.) macht der Artikel plötzlich und unerwartet die EmergingChurch dafür verantwortlich und stellt sie als neue Bewegung hin, die den Traditionellen durch ihr Auftreten die Spendengelder abgräbt.

3.) kommt das Böse natürlich wieder mal aus den USA, dem pseudo-gläubigen Staat, der eine volkschristliche Fassade vorführt, und unter der Haube die böse Brut trägt, kommen doch aus den USA und dem gleich mit zu verurteilenden Großbritannien auch die Bestseller-Atheisten, die nun den deutschen Markt überschwemmen.

Also: Emerging Church, eine recht neue Bewegung, die im Wesentlichen aus vernetzten Bloggern und Websites, aus Studierenden oder Dozierenden oder im Gemeindedienst Praktizierenden besteht,
keinerlei institutionellen Unterbau hat, und sich in Debatten mit theologischen Fragen und Gemeindeaufbau beschäftigt, wird plötzlich zum Finanz-Feind von etablierten diakonischen Einrichtungen und Werken !
Und man kann der Emerging Church sowieso nicht trauen, weil die Vorzeige-Atheisten kommen ja aus dem gleichen Kontinent!

Genial. Endlich verstehe ich die schwierigen geistlichen und weltlichen Zusammenhänge.

Das klingt wie: Seitdem es Philosophieunterricht an Schulen gibt, spenden weniger Leute Blut. Und Nietsche war sowieso böse.

Das Fazit ist dann wirklich "beeindruckend":

Vielleicht sollte sich deshalb manche US-Bewegung stärker auf das eigene Land konzentrieren. Und manche deutsche Gruppe, die sich nach geistlicher Erneuerung sehnt, könnte wieder einmal fragen, ob nicht auch die vorhandenen Erkenntnisse und Werke es wert wären, genutzt – und möglicherweise optimiert – zu werden.
Eigenartig, dass knapp davor noch folgende Kritik an der Emerging Church zu lesen war:
Andererseits: Es ist kaum eine wirklich neue Erkenntnis dabei gewesen.
Was denn nun, Herr Matthies? Erst sollen vorhandene Erkenntnisse genutzt werden, dann ist es plötzlich verwunderlich, dass nichts Neues dabei ist?

Nebenbei: "Ami go home" und "Kaufe deutsch" ist auch nicht gerade neu ... vielleicht sollten auch vorhandene Erkenntnisse mit diesen Sprüchen einmal wieder hervorgekramt werden?
Die Globalisierung (im Guten wie im Schlechten) scheint jedenfalls am Autor vorbeigegangen zu sein. Back to the National Roots.

Wie gut sich der Autor Herr Matthies in der ganzen Szene auskennt, zeigt auch folgender Satz:
Es ist sicher oft hilfreich, über den deutschen Tellerrand zu blicken, um Anregungen zu erhalten. Aber nimmt man eigentlich noch die Erkenntnisse der eigenen „Väter“ zur Kenntnis?
Nun, Herr Matthies, falls Sie sich einmal die Mühe machen, in die deutsche Blogosphäre rund um die Emerging Church Szene zu schauen, werden sie vielleicht überrascht feststellen, dass man dort tatsächlich Zitate und Abhandlungen zu den eigenen Vätern findet.
Wenn Sie sich dann weiter in das Thema einlesen, werden sie vielleicht auch feststellen, dass gerade auch die Wiederentdeckung verlorengegangener, wertvoller Traditionen ein Kennzeichen der Emerging Church Bewegung ist.

Und wenn Sie dann noch weiter schauen, entdecken Sie vielleicht sogar, dass die Leute hinter der deutschen Szene ständig kritisch danach fragen, ob und inwieweit die amerikanischen Aussagen für Deutschland gelten und hier überhaupt umsetzbar sind. (Übrigens: Genau das kennzeichnet eine Debatte oder "Konversation").

Und wenn ich im Artikel lese, dass gerade die jungen(!) Leute, die versuchen, Glauben und Leben in der zeitgenössischen Gesellschaft ganzheitlich und integrativ zu leben; die versuchen, Mission, Diakonie und authentisches Handeln nicht aus ihrem Leben auszuklammern, sondern viele der traditionellen Kanzel-Predigt-Worte auch tatsächlich umzusetzen, Schuld an der Spendenmüdigkeit der finanzstarken -meist älteren und in eben genau den traditionellen Gemeinden aufzufindenden- Generation sind, dann weiß ich nicht, ob für diesen Artikel überhaupt irgendetwas an Hintergrund recherchiert wurde.

Damit sinkt für mich IDEA einmal mehr auf das journalistische Niveau einer frommen Bildzeitung herab.

Kommentare:

Hufi (warum lässt Blogger kein Links mehr zu?) hat gesagt…

Genau, dass dachte ich mir auch beim Lesen!

--
Hufi
einAugenblick.de

Simon de Vries hat gesagt…

Amen!

ebbelwain hat gesagt…

Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich halte Helmut Matthies für ein überaus klugen Kopf, aber was er hier im Editorial von Idea verzapft hat, hat mich erst wütend, dann sprachlos gemacht. Hach... wenn wir eins gut können, dann uns selbst zerfleischen...

bodenpersonal hat gesagt…

zunächst mal:
"Damit sinkt für mich IDEA einmal mehr auf das journalistische Niveau einer frommen Bildzeitung herab."

das ist schon seit einiger zeit zu beobachten und wirklich nervig.

jetzt noch ein paar kurze anmerkungen zu deinen aussagen:

"2.) macht der Artikel plötzlich und unerwartet die EmergingChurch dafür verantwortlich und stellt sie als neue Bewegung hin, die den Traditionellen durch ihr Auftreten die Spendengelder abgräbt."

dass er die EC dafür verantwortlich macht ist natürlich blödsinn, weil die EC ja noch nicht die möglichkeit hatte, "spendengelder abzugraben". allerdings kann ich den hintergrund seiner sorge gut verstehen, denn es ist ja nicht selten so gewesen, dass das engagement us-amerikanischer gemeinden, werke und bewegungen in deutschland zu einer verschiebung des einsatzes und des geldes weg von traditionellen einrichtungen geführt hat.

"Wenn Sie sich dann weiter in das Thema einlesen, werden sie vielleicht auch feststellen, dass gerade auch die Wiederentdeckung verlorengegangener, wertvoller Traditionen ein Kennzeichen der Emerging Church Bewegung ist."

witzigerweise sind aber - im gegensatz zu den usa - die meisten dieser "verlorengegangenen" traditionen nie verloren gewesen. da stellt sich dann natürlich jeder pietist die frage, was das denn jetzt alles soll.

MentalRover hat gesagt…

Hallo zusammen,

Vielen Dank für Eure positiven Kommentare.

@bodenpersonal
Zur Verschiebung von Einsatz und Geld: Ist es wirklich so, dass Gemeindeaufbau-Bewegungen, wie z.B. Alpha oder Willow-Creek solchen sozialdiakonischen Einrichtungen wie dem Blauen Kreuz das Wasser abgegraben haben?

Wenn ja, dann liegt es jedenfalls nicht an "der neuen Bewegung" die da kommt, sondern an einem falschen Verständnis bei den Zuhörern.
Wenn ein Evangelist ruft: Mehr Geld für die Armen! und die Zuhörer ihm dann Geld zuwerfen, ist irgendwas beim Transport der Botschaft danebengegangen.

Darüber hinaus muss man das Thema wohl auch viel differenzierter betrachten, denke ich.

Zum Thema der Traditionen:
Da kann ich dem Offenen Brief von Peter Aschoff wohl nichts mehr hinzufügen.

depone hat gesagt…

leider heute erst gesehen. wunderbar. und einen ebenso guten kommentar auf emergent-deutschland. grüße

文章 hat gesagt…

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