2007-08-27

Toby fragt: "Neigen wir zur geistlichen Onanie?"

Toby schreibt:
Manchmal bin ich von mir und meinem Christsein aber auch von Gemeinden, Kirchen und Mitgeschwistern enttäuscht und frustriert. Es scheint nur um das eine zu gehen: Frömmer und besser zu werden und dabei auch noch glücklich und zufrieden zu sein.
Ein lesenswerter Artikel, mit ebenso lesenswerten Kommentaren.

Besonders den Kommentar von Peter zur "pornographischen" Predigt fand ich genial.

Er redet darin von einer übertrieben auf Ideale reduzierten Predigt, die fern von der Realität der Zuhörer ist.
Er schließt:
Der Effekt ist dann auch derselbe: Die tatsächliche Erfahrung (mit dem eigenen Partner beziehungsweise mit den jeweiligen Mitchristen) hält dem Vergleich nicht stand und wird als Enttäuschung wahrgenommen.

2007-08-24

JA-GoDi: Gottesdienst - neutestamentlich (Teil 2)

Elemente des Gottesdienstes

Gebet

In diesem Abschnitt wird anhand der Angabe vieler Verse gezeigt, dass sowohl das Vater-Unser als auch freie und vorformulierte Gebete ständiger Bestandteil der Gottesdienste waren.

Linder stellt anschließend die Frage, welche Rolle das Vater-Unser in unseren Gottesdiensten spielt, und in welchem Verhältnis freie und vorformulierte Gebete zueinander stehen.

Bekenntnis

Linder schließt aus Bibelversen des Paulus, dass die ersten Christen in ihren Gottesdiensten Bekenntnisse zitierten "um sich gegenseitig zu vergewissern, was und woran sie glaubten".

Dazu stellt er die Frage, warum in unseren Gottesdiensten auf das Sprechen eines Glaubensbekenntnisses so gut wie verzichtet wird.

Die Frage scheint durchaus berechtigt, wenn man bedenkt, dass wir zur Zeit in einer Gesellschaft leben, die sich nicht nur von Kirche und Christentum abgewandt hat, sondern deren Inhalte auch gar nicht mehr kennt.

Ein Glaubensbekenntnis -insbesondere eines, welches die Gemeinde als Ganzes sprechen und eben auch inhaltlich nachvollziehen soll- hat aber in der heutigen Zeit der pluralisierenden, tolerierenden Ansichten auch einiges an Brisanz.
Bevor daher auch gerade in Betrachtung auf Jugend ein Glaubensbekenntnis im Gottesdienst gesprochen werden kann, ist dieses erst einmal als gemeinsames Bekenntnis überhaupt zu erarbeiten. Was heißt es im Zeitalter von Aufklärung und Nach-Aufklärung zum Beispiel, von einem "Schöpfer des Himmels und der Erden" zu reden? Ist dies nicht Ausdruck eines längst überholten, hinter uns gelassenen Weltbildes?

Haben wir nicht viele traditionelle christliche Bilder und Vorstellungen der Wirklichkeit eigentlich schon durch modernere ersetzt?

Und erfassen wir und verstehen wir wirklich noch die Aussagen in traditionellen Formulierungen? Was heißt es eigentlich wirklich, dass Jesus "zur Rechten Gottes" sitzt?

Wie also muss ein Glaubensbekenntnis formuliert sein, dass auf das zeitgemäße Wissen um das Wesen des Universums Bezug nimmt und die aus der Sicht des Glaubens wahrgenommene Wirklichkeit nicht gegen die vom Verstand erfaßte Wirklichkeit ausspielt?

Schriftlesung und Predigt

In diesem Abschnitt hebt Linder anhand von Bibelstellen hervor, dass generell die lehrhafte bzw. prophetische Predigt "einen hohen Stellenwert hat und dem Mittelpunkt des Gottesdienstes bildet". Hier fällt auf, dass diese Erläuterung bereits eine Auslegung beinhaltet, da Linder in diesem Zitat in der Gegenwartsform schreibt, wo er vorher eine Vergangenheitsbeschreibung machte.

Interessant ist, dass er in seinem Analysetext fast ausschließlich die Auslegung der gelesenen Texte hervorhebt, im Anschluß die Frage stellt, was es bedeutet, dass heute immer mehr Themenpredigten gehalten werden im Gegensatz zu Textauslegungen, dann aber im Zusatz unter 'Idee' empfiehlt, auf eine Textlesung eine Zeit der Stille folgen zu lassen, damit "Gott durch sein Wort redet (auch ohne Auslegung)".

Das eigenständige Reden des Bibeltextes, ohne viel Worte drumherum, das begegnende Wirken des Wortes, ggf. nicht nur vorgelesen sondern künstlerisch präsentiert durch die Darstellungsweise, ist ein sehr bedenkenswerter Punkt für zeitgenössische Gottesdienste, der in diesem Abschnitt leider sehr im Hintergrund blieb.

Abendmahl

Im letzten Absatz des zweiten Teils führt Linder kurz aus, dass das Abendmahl bei den ersten Christen ein weitaus stärker betontes und wiederkehrendes Element des Gottesdienstes war, und fragt sowohl nach der Bedeutung für uns heute als auch danach, ob es "sinnvoll [ist], es (nur?) einmal im Monat zu feiern".

Schluss

Das Schlusswort Linders besteht im Zitat von G. Carey:
"Der Gottesdienst ist unser Schaufenster für die Welt. Wenn unser Gottesdienst so attraktiv wie inhaltsreich, so fröhlich wie tiefgründig und so wirklichkeitsbezogen wie schriftgemäß ist, wird Gott ihn dazu benutzen, viele Menschen zu sich zu ziehen".

Weise Worte zum Schluss, denen wohl fast jeder zustimmen wird.

Aber mir stellt sich die Frage: Was fange ich damit an?
Schließlich wird keiner der skeletösen Begriffe konkret mit Fleisch versehen. Fängt doch das Problem in Diskussionen um Jugend und Gottesdienst meist schon bei der Frage der Attraktivität an, die wahrscheinlich auch Einfluß auf die ausgedrückte Fröhlichkeit (oder der Fröhlichkeit des Ausdrucks?) haben wird. Und gerade der Wirklichkeitsbezug ist ein umfassend debattierbares Thema in einer pluralistischen Gesellschaft, deren Mitglieder in sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten leben.

Die eigentliche Frage also ergibt sich erst: Was bedeuten denn diese genannten Attribute überhaupt für uns? Und wie können und sollen wir diese gestalten und umsetzen?

2007-08-23

JA-GoDi: Gottesdienst - neutestamentlich (Teil 1)

Im ersten Artikel schreibt Lars Linder unter dem Titel "Gottesdienst wurde auch im Neuen Testament gefeiert" über die Art und Weise, wie unsere sonntägliche Versammlung vom Neuen Testament her verstanden werden soll.

Direkt sein erster Satz ist dabei eine sehr interessante Einleitung:
"Wenn wir die neutestamentlichen Bücher lesen, zeigt es sich, dass es nicht eine Form von Gottesdienst gibt, sondern dass die ersten Christen in den verschiedenen Gemeinden unterschiedliche Schwerpunkte setzten." (Unterstreichung im Original)

Dieser Satz macht deutlich, dass es zwar Verbindendes zwischen den Gemeinden sowie ihrem jeweiligen Gottesdienst gibt, aber eben auch Unterscheidendes unter den Gemeinden, welches in der jeweiligen Gottesdienstform seinen Ausdruck findet.

Das Verbindende und Einheit Stiftende soll in dem Artikel herausgearbeitet werden.

Der Artikel teilt sich in zwei Bereiche: Zunächst wird Grundlegendes zum Gottesdienst besprochen, danach auf die Elemente des Gottesdienstes eingegangen. Jeder darunter eingeordnete Abschnitt erläutert zunächst die Aussage der Überschrift und stellt dann eine Anfrage oder eine Idee zum Weiterdenken vor.

Grundlegendes

Gottesdienst wird im Namen Jesu gefeiert

"Jesus ist sozusagen der 'Ausrichter dieser Veranstaltung'". Unter diesem Motto erläutert der erste Abschnitt, was die Einleitungsworte in den Gottesdiensten, die diese in einem besonderen "Namen" beginnen, eigentlich bedeuten, und dass sie mehr sind als eine Floskel. Gott lädt uns ein zu seinem Fest.

Gott ist gegenwärtig

Kurz und knapp wird hier zunächst dargestellt, dass Gott im Gottesdienst da ist. Dabei ist, mitten unter uns.

In der Anfrage übt Linder dann Kritik an Aussagen wie: "Das Musikteam wird uns jetzt in die Gegenwart Gottes führen".
Seiner kritischen Meinung nach klingt dies so, als sollte Gott herbeigesungen oder herbeigerufen werden.
Eine andere Sichtweise, nämlich dass das "in die Gegenwart Gottes führen" vielleicht eher damit zu tun hat, dass wir Menschen, obwohl im Gottesdienst sitzend, einfach nicht 'da' sind, und erst in das Bewußtsein der Anwesenheit Gottes geführt werden müssen, sozusagen 'ankommen' müssen, stellt er leider nicht dar.

Linder beschreibt, dass wir zur Gemeinschaft zwischen Gott und uns selbst nichts beitragen können, und folgert: "damit ist alle religiöse und kultische Leistung hinfällig".
Wobei er Kultus beschreibt als "das Unternehmen des Menschen, sich mit irgendwelchen Verrichtungen, Gebärden oder Dingen in einen Sonderbereich zu begeben, in dem er Gott näher zu sein glaubt und in dem er Gottes Wohlgefallen besitzt oder erwirbt".

Diese Aussage ist sehr empfindlich. Denn das "in einen Sonderbereich begeben" scheint mir eine sehr spezielle Auslegung des Begriffes 'Kult', der eigentlich viel allgemeiner gefasst jegliche rituelle religiöse Handlung beschreibt, z.B. auch unsere Liturgie und Abendmahls- und Taufzeremonien.

So verwirrt es mich als Leser auch etwas, wenn er direkt im Anschluß an diese Aussagen unter dem Punkt Idee empfiehlt, symbolisch eine bzw. drei Kerzen auf den Abendmahlstisch zu stellen, weil diese helfen können, uns die versprochene Gegenwart Gottes vor Augen zu führen.

Kein "Kult" ?


Gottesdienst heißt zu allererst: Gott dient uns

Hier spricht Linder einen wesentlichen Punkt an. "Im Gottesdienst begegnet Gott uns Menschen". Dies ist der wesentliche erste Ausgangspunkt, und erst als Folge daraus ergibt sich: "Und weil Gott uns dient, können wir ihm als Antwort im Alltag dienen".

Hier führt Linder kurz über das Wort "Gottesdienst" als Versammlungsbezeichnung hinaus zum Begriff "Gottesdienst" als christliche Alltagshaltung.

Seine Anfrage ist daher über die Versammlungsthematik hinaus sehr bedenkenswert:
"Wie sind bei uns 'Sonntagsgottesdienst' und 'Gottesdienst im Alltag' verzahnt?"



Gottesdienst wird gemeinsam gefeiert, über alle menschlichen Grenzen hinweg

Linder zeigt hier auf, dass auch die frühen Gemeinden schon das Problem hatten, Christen unterschiedlicher Kulturprägung, Sozialisation und Alter vereinen zu sollen, und führt aus:
"Und die Antwort war nicht, dass zwei verschiedene Gottesdienste eingerichtet wurden". (Unterstreichung im Original)

Die Gottesdienste der ersten Gemeinden waren also auf Einheit der Christen ausgerichtet. Dies mag uns anleiten und eine Richtschnur sein. Andererseits bleibt die Frage, inwieweit dies aus der Zeit der ersten Christen tatsächlich in unsere heutige Kultur transportierbar ist, oder ob Dinge nicht über die Jahrhunderte auch einmal neu durchdacht und verstanden werden müssen und können.

Seine Anfrage lautet:
"Was heißt das für uns heute, wo wir darauf getrimmt werden, für jede Zielgruppe einen Extra-Gottesdienst anzubieten? Wie kann ein Gottesdienst aussehen, wo Alte und Junge, Reiche und Arme, Deutsche und ausländische Mitbürger, Christen und Nichtchristen gemeinsam feiern und gleichermaßen angesprochen werden?"

Linders intensive Betonung des einen Gottesdienstes, seine -in meinen Augen polemische- Ablehnung von Zielgruppen-Gottesdiensten, ist ein wenig verwunderlich in einem Heft, in dem es entsprechend dem Vorwort eben um Jugend-Gottesdienste geht.

Noch eigenartiger klingen diese Worte, wenn ich auf der Homepage der Gemeinde Essen Mitte, in der er seit 2002 Pastor ist, zum Teen-Kreis lese:
"Parallel zum Gemeindegottesdienst am Sonntag um 10.00 Uhr feiert der Teeniekreis einen 'alternativen' Gottesdienst mit 12- bis ca. 17-jährigen Jugendlichen."

Schließlich frage ich mich, ob denn die Dichotomien der Anfrage stimmen. Geht es um "Alt und Jung"? Ist nicht allein die Pluralität der Gruppe "Jung" schon ein Problem?
Macht die kurze und knappe Gegenüberstellung der Dichotomien, die Verknüpfung mit dem Wort 'und' wirklich deutlich, wie groß die Spannung dieser Frage eigentlich ist?


Die ersten Christen besuchten regelmäßig den Gottesdienst

Nach einer ersten Euphorie fand sich ein wöchentlicher Gottesdienstrhythmus ein, und es wurde "gute Gewohnheit" für die Christen, hier auch beständig zu sein.

Hier gibt es keine Anfrage und keine Ideen. Meine Anfrage wäre zum Beispiel, einmal bewußt wahrzunehmen, was diese Forderung in der heutigen Gesellschaft bedeutet, die immer weniger auf die Wahrung des Sonntags rücksicht nimmt. Immer mehr Berufsgruppen oder auch z.B. Fußballvereine stellen die Möglichkeit zur Beständigkeit in Frage.

Auch ist 'Beständigkeit' überhaupt ein großes Problem unserer Kultur, die speziell der jüngeren Generation schon früh vermittelt hat, dass es Beständigkeit nicht gibt, alles im Fluß und Wandel ist, und nur der überlebt, der flexibel und ständig in Bewegung bleibt. Brüchige Familienstrukturen, schulisches Kurssystem anstatt Klassenverbund, große Mobilität im Job, häufig wechselnde Partnerschaften, flexible Arbeitszeiten...

Hier wäre es wichtig, Beständigkeit im Sinne tragfähiger Beziehungen nach außen zu vermitteln, anstatt Beständigkeit als Forderung an den Gottesdienstbesucher zu fordern.


Der Gottesdienst wird von verschiedenen Menschen in einer guten Ordnung gestaltet

Hier stellt Linder dar, dass der Gottesdienst prinzipiell von der Beteiligung aller lebt ("Männer und Frauen gestalten den Gottesdienst durch Gebete und Wortbeiträge mit"), jedoch Ordnung, ein gewisses Maß und ein Zusammenhang dazu gehören.

Bei den Versangaben zu 1. Kor. 14 gibt es hier übrigens eine kleine Lücke, die das problematische "die Frau schweige in der Gemeinde" umschifft.


Der Gottesdienst wurde öffentlich und verständlich gefeiert

Der letzte grundlegende Abschnitt erklärt, dass Gottesdienst eine öffentliche Sache war, und dass daher mit Nicht-Christen als Besuchern gerechnet wurde.

Daher bemühten sich die Gemeinden auch, den Gottesdienst verständlich zu halten, was auch bestimmte Ausdrucksformen betraf.

Auch hier fehlt wieder eine Anfrage. Mir wäre hier wichtig darüber nachzudenken, was denn "verständlich" in der heutigen Zeit heißt, die durch die Aufklärung nicht nur mit unterschiedlichen Glaubensinhalten zu kämpfen hat, wie Paulus, sondern vor allem auch mit dem absoluten Unglauben, mit der Abkehr von allem Transzendenten und Metaphysischen.

2007-08-22

Der Abschreckungsmoment des Christseins

Ich kann es mir einfach nicht verkneifen, meine jüngste Blog-Begegnung hier mal zu dokumentieren.

Was da in den ersten drei Kommentaren abläuft, ist für mich wirklich unter aller Kanone.

Da erfolgt auf einen kurzen und knappen Blog-Eintrag als Kommentar(!) ein endloser Sermon in Hoch-Kanaanäisch, der vollumfänglich und abschließend das komplette Weltbild des Herrn Peter S. darlegt.

Dann trägt eine Frau auf zugegebenermaßen recht aggresive Art und Weise ihre Verletzung zur Schau, und als Reaktion darauf wird sie von unserem netten und friedliebenden Herrn S. mal schnell aus dem Blog herauskomplimentiert.

Seine Reaktion auf eine "Junge unbekannte Geschädigte" (wie ist diese Attributierung wohl zu verstehen?), die "den Frieden dieser Platform" stört, ist für mich ein Grund, mich von solchen "Christen" fernzuhalten.

Zu oft bin ich in Foren schon auf solche radikalen Brüder gestoßen. Zu oft habe ich mich gegenüber denen, die sie auf diese Weise verletzt haben, dafür schämen müssen, mich Christ zu nennen.

Wo mit biblischen Floskeln derart um sich geschlagen wird, um der Welt die "Wahrheit" sozusagen einzutrichtern, wo in solch radikaler und zerstörerischer Form Grenzen aufgebaut werden anstatt Brücken zu bauen, wo Verletzungen nicht ausgehalten und behandelt werden, sondern noch in die bereits offene Wunde gestochen wird, da ziehe auch ich mich vom Christentum zurück.

Möge der werte Herr S. ruhig weiter auf seiner friedvollen Spielwiese herumliegen und vielleicht eines Tages feststellen, dass er dort ganz allein ist, weil nicht nur die Andersdenkenden sondern auch seine eigenen Glaubensgeschwister sicherheitshalber den Rückzug angetreten und das Weite gesucht haben.

Ganz ernsthaft, Herr S. : Mir treibt dieses Verhalten die Tränen in die Augen.

Schlimm ist noch, dass soweit ich sehen kann, es nicht einmal die Spielwiese des Herrn S. ist, denn er ist dort nicht als Autor gelistet.
Ich kenne Theolounge noch nicht lange, und hatte es eigentlich in meinen Relevants eingeordnet.
Sollte dies wirklich die Spielwiese des Herrn S. sein, bin ich schleunigst da weg.

2007-08-21

JA-GoDi: Jahresaufgabe - Vorwort zu den Materialien

Im Vorwort führt Volker Muhlack in das Material ein und erläutert den Grund für die Herausgabe des Materials als "Jahresaufgabe" damit, "weil das Thema es erfordert!"

Damit scheint er mir als Jugendreferent deutlich machen zu wollen, dass das Thema Gottesdienst in Verbindung mit Jugendarbeit ein heikles Thema ist, dass besonderer Beachtung verdient und allgemein als nicht unproblematisch gesehen wird, um es einmal so auszudrücken.

Er beschreibt, dass der Trend zu Jugendgottesdiensten kofessionsübergreifend zu beobachten ist, und Jugendgottesdienste zu einem wichtigen Baustein in sehr vielen Gemeinden geworden sind.

Muhlack spricht den Leser mit "Du" an und steigt damit ein, dass das Heft "Hilfestellung zum praktischen Gestalten von Jugendgottesdiensten" geben will. Dadurch wendet er sich prinzipiell an den jugendlichen Leser, also die Zielgruppe der Jugendarbeit und auch der Jugendgottesdienste. Weiterhin leitet er in die Inhalte des Heftes ein, bis er schließlich erklärt: "Das Ziel sind nicht fehlerfreie, klinisch reine, perfekt gestylte Gottesdienstevents, sondern Dein bewusstes Miterleben und Mitgestalten von Gottesdiensten".

Insgesamt soll das Vorwort den jugendlichen Leser zu einer intensiven Beschäftigung nicht nur mit der Form sondern auch mit dem Gehalt und dem Fundament von Gottesdiensten motivieren, bis hin zu der Aussage: "Und wir wollen Mut zu einem gottesdienstlichen Lebensalltag machen".

Mit diesem Vorwort soll in der Jugendarbeit eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Gottesdienst angeregt werden, und der einzelne Leser dazu motiviert werden, Gottesdienst für sich selbst als Lebensthema zu erobern.

Nicht weiter ausgeführt hat Muhlack jedoch, wieso denn seiner Meinung nach das Thema "es erfordert", in besonderer Weise auf den Tisch gebracht zu werden.

Man kann erahnen, dass es darum gehen könnte, dass immer weniger Jugendliche den "klassischen" Gottesdienst besuchen und somit gottesdienstlicher Erfahrung fernbleiben. Jugend soll somit nicht nur das Gottesdienst Feiern wieder schmackhaft (weil bedeutsam) gemacht werden, sondern auch Mut gemacht werden, ihren Gottesdienst, Jugendgottesdienst, zu feiern. Mit entsprechendem Ernst und Tiefgang.

Man kann auch erahnen, dass möglicherweise Jugendgottesdienste zwar engagiert ins Leben gerufen wurden, aber weitere Hilfestellung notwendig ist, damit die Veranstalter dieser JuGos verstehen, was sie da eigentlich tun.

Kann man auch erahnen, dass möglicherweise das Thema Jugend-Gottesdienst noch weitaus mehr Brisanz hat, als aus den Zeilen Muhlacks hervorgeht? Schließlich ist die Einrichtung eines eigenen Gottesdienstes für eine spezielle Zielgruppe gerade in den oftmals nicht allzu großen Freien evangelischen Gemeinden auch über den Jugendbereich hinaus ein Diskussionsthema der Gemeinde.

JA-GoDi: Jahresaufgabe 2006: "Gottesdienst"

Aus einem gewissen aktuellen Anlass heraus habe ich mich entschlossen, eine neue Serie zu beginnen, und zwar zur "Jahresaufgabe Gottesdienst" , die die Jugend- und Teenagerarbeit des Bundes Freier evangelischer Gemeinden im Jahr 2006 herausgebracht hat.

Dabei handelt es sich um eine Materialsammlung, in der Artikel zum Thema Gottesdienst sowohl biblische Grundlagen als auch Überlegungen zu diversen Zugangswegen und Umgangsformen mit dem Thema, und schließlich auch praktische Hinweise zu Gestaltung, Predigt und Technik behandeln.

In dem Heft werden Artikel verschiedener Autoren des Bundes FeG nebeneinandergestellt, ohne einerseits auf einen gemeinsamen Konsenz zu beharren oder andererseits in einen Dialog zu treten. Der Dialog soll im Kopf des Lesers bzw. in Jugend- und Arbeitsgruppen in den Gemeinden stattfinden, das Heft will erarbeitet werden. Daher wohl auch der Titel "Jahresaufgabe", ein Konzept, welches wohl zehn Jahre zuvor zuletzt verwendet wurde.

In dieser Blogpost-Serie möchte ich die praxisorientierten Artikel ignorieren und mich mit den grundsatzbezogenen Artikeln auseinandersetzen.

Dabei dokumentiere ich natürlicherweise nur meine subjektive und selektive Wahrnehmung der Thematik und der Artikel.

Zunächst möchte ich den einzelnen Artikeln lediglich jeweils einen eigenen Post widmen. Möglicherweise werde ich noch weitere Posts ergänzen, in denen ich weiterführende Gedanken und dialogisches zu den Artikeln festhalten werde.

2007-08-20

RoF (3): Quantenphysik I


Anfang des 19. Jahrhunderts erregte Marquis de Laplace die Gemüter durch seine Aussage, das Universum sei vollständig determiniert. Würde man nur vollständig einen Zustand des Universums zum Zeitpunkt
t bestimmen können, könne sich der Zustand des Universums zum Zeitpunkt t+1 errechnen lassen.

Diese Behauptung hat die Gemüter so stark erregt, da durch sie ein in das Weltgeschehen eingreifender Gott sowie auch ein freier Wille des Menschen völlig undenkbar waren. Zwar hätte es aus menschlicher Sicht noch so etwas wie "Zufälle", unerwartete Ereignisse, geben können, dies wäre jedoch nur auf das beschränkte Wissen des Menschen um die Daten eines Zustandes zurückzuführen. Letztlich wäre bei genügender Kenntnis auch das Verhalten eines Menschen vollständig vorherbestimmbar.

Letztlich war diese Ansicht nichts neues, war doch zu diesem Problem schon Sir Isaac Newton bei seiner Darstellung des Zeit- und Raumbegriffes gekommen. Einer Auffassung, die über 200 Jahre lang unser Verständnis der Welt um uns herum prägte und vom Inhalt her prinzipiell die erste Störung im Verhältnis von Kirche und Naturwissenschaften war, weit tiefgreifender als der Beweis des heliozentrischen Weltbildes durch Galilei.

Zwar fand man im Laufe der Zeit zu einer Kompromisslösung, eine Art "Koexistenzvertrag", in dem Wissenschaft und Religion die Grenzen ihrer jeweiligen Schaffensbereiche absteckten. Dennoch gab es immer wieder Übergriffe, wo Vertreter einer Richtung Aussagen über die jeweils andere Richtung zu machen versuchten. Sichtbar wurde dies insbesondere immer wieder beim Thema Schöpfung vs. Evolution.

Gerade die Teilchenphysik verstand sich selbst immer als die Königsdisziplin aller Wissenschaften, zeigte sie mit ihren Ergebnissen doch die Grundlage auf, unter der die anderen Naturwissenschaften funktionierten: Das wahre Wesen der Elemente von Chemie und Biologie. Selbst die Kosmologie, die sich auf die Suche nach dem Ursprung des Universums aufmachte, war letztlich an die Teilchenphysik bei der Frage der Entstehung der Elemente gebunden.
Auch auf andere Wissenschaften übte die Physik Einfluss aus, war sie doch
das Paradebeispiel für Erkenntnisgewinn über das Wesen des Universums.

Da ihre Methodik sowie ihre Erkenntnisse so hoch gewertet wurden, war es kein Wunder, dass sie schließlich auch bestimmend für das Weltbild des modernen, aufgeklärten Menschen wurde. Der Materialismus hat daher seine Wurzeln in der Physik, und hat sein Weltverständnis auf das Messbare, Mechanische, Prozedurale, Phänomenale aufgebaut. Alles schien letztlich irgendwann erklärbar und sogar berechenbar. Die Welt und sogar der Mensch selbst wurden zu einer komplexen Maschine, ein Jenseits, gar noch eine Intervention einer göttlichen Macht schien dem Denken von weltfremden unaufgeklärten Religionsfanatikern vorbehalten.

Mit dem Übergang zur Quantenmechanik bekam das mechanistische Weltbild plötzlich einen Riss. Der Beobachtbarkeit -und damit auch der Determiniertheit/Berechenbarkeit- war plötzlich eine Grenze gesetzt. Zwei Dinge sind dafür verantwortlich

  1. Das Element der Exaktheit musste durch das Element der Wahrscheinlichkeit ersetzt werden.
  2. Die Modelle, mit denen die Wissenschaftler lange Zeit gearbeitet hatten, schienen mehr denn je nur Modelle zu sein: Gut genug, um damit zu arbeiten, aber immer mehr davon entfernt, der Wirklichkeit tatsächlich zu entsprechen.

Der entdeckte Welle-Teilchen Dualismus im Zusammenhang mit der Unbestimmtheitsrelation stellte nicht nur die vorherige Eindeutigkeit des Weltbildes in Frage (etwas ist eine Welle
oder etwas ist ein Teilchen), sondern es wurde deutlich, dass letztlich sowohl Welle als auch Teilchen nur Denkwerkzeuge, nur Hilfskonstrukte einer Wirklichkeit sind, die die tatsächliche Vorstellbarkeit bereits überschritten hatte. Kwiat, Weinfurter und Zeilinger deuten dies an, wenn sie schreiben: "Die intuitiver Einsicht widerstrebenden Phänomene der Quantenwelt strapazieren auch das Vorstellungsvermögen von uns Physikern" (Spektrum der Wissenschaft, Digest-ND 3/2003: Quantenphänomene, S. 26)

(Siehe dazu auch: Stephen Hawking - "Eine kleine Geschichte der Zeit", Kap.4
Die Unschärferelation)

Zwar lehnte der Wissenschaftler Einstein die Unschärferelation mit den Worten ab: "Gott würfelt nicht", doch war ihm wohl an der Stelle nicht klar, dass es im Gespräch um Gott wohl noch weniger möglich war, zum alten Laplace'schen Determinismus zurückzukehren, als einmal mit dem Gedanken zu spielen, dass Gott als Herr über das Universum wohl auch Herr über die Wahrscheinlichkeiten und deren smarte Anwendung sein könnte, und dass es eine noch nicht entdeckte und vielleicht gar nicht entdeckbare Wirklichkeit jenseits der durch eben diesen Dualismus gesteckten Erkenntnisgrenzen geben könnte.

Dieser Anspruch an die Wissenschaft, ihr bisher gelehrtes Weltbild zu überdenken, führte dazu, dass sich zum einen die Religionen wieder ins Gespräch einmischten, und zum anderen die Wissenschaftler es nicht mehr vermeiden konnten, über eine metaphysische Wirklichkeit oder sogar einen Gott zumindest nachzudenken (vgl. dazu Stephen Hawking - "Eine kleine Geschichte der Zeit", Kap. 8
Ursprung und Schicksal des Universums oder Steven Weinberg - "Der Traum von der Einheit des Universums", Kap XI Die Frage nach Gott)

Mehr noch, die Diskussion darum war wieder eröffnet. Und so hören wir nun auch Quantenphysiker wie Hans-Peter Dürr, die uns die Welt des kleinsten Seins in metaphern beschreiben, die religiöse Anklänge haben. So antwortet Dürr in einem PM-Interviewartikel auf die Frage ob er an ein Jenseits, eine Existenz nach dem Tode glaube:

"Was wir Diesseits nennen, ist ja eigentlich die Schlacke, die Materie, also das, was greifbar ist.
Das Jenseits ist alles Übrige, die umfassende Wirklichkeit, das viel Größere. Das, worin das Diesseits eingebettet ist. Insofern ist auch unser gegenwärtiges Leben bereits vom Jenseits umfangen. Wenn ich mir also vorstelle, dass ich während meines diesseitigen Lebens nicht nur meine eigene kleine Festplatte beschrieben habe, sondern immer auch etwas in diesen geistigen Quantenfeldern abgespeichert habe, gewissermaßen im großen Internet der Wirklichkeit, dann geht dies ja mit meinem körperlichen Tod nicht verloren. In jedem Gespräch, das ich mit Menschen führe, werde ich zugleich Teil eines größeren geistigen Ganzen. In dem Maße, wie ich immer auch ein Du war, bin ich, wie alles andere auch, unsterblich."
(P.M. Mai 2007 : "Am Anfang war der Quantengeist").

Wie viel Religiöses doch in diesen Worten anklingt ...