2010-08-29

Wunder ...

Auf dem Blog Laut Gedacht hat M. über das Thema Wunder geschrieben. Als ich den Text gelesen habe, gingen so einige Gedanken bei mir los. Und die will ich hier einmal aufschreiben. Dieser Artikel ist keine Antwort, sondern ein eigener Gedankengang, angestoßen durch den Laut-Gedacht-Artikel. Ein Seitenweg quasi.

Hier meine Gedanken, roh geschreiben, daher in loser Folge.


1.) Der letzte Absatz ist gefährlich.
Die Aussage, Gott wirkt Wunder, wo es Menschen katastrophal schlecht geht, er wirkt keine (grossen) Wunder, wo es Menschen gut geht, da es ihnen ja auch ohnedem gut geht, sagt ja in letzter Konsequenz aus, dass wir Gott nicht brauchen, solange wir selber dafür sorgen, dass es uns gut geht:

Es ist unser Gesundheitssystem, unsere Wirtschaft, unser freiheitliches Rechtssystem, dass ein Wirken Gottes überflüssig macht.

Ist das so?

2.) Ein Problem ist, dass wir nur dann etwas als Wunder anerkennen, wenn etwas bestimmtes passiert. Für uns scheint es aber kein Wunder, dass etwas nicht passiert.

Von daher kann die Aussage "wir brauchen keine Wunder, da bei uns ja keine grösseren Katastrophen passieren" auch anders gesehen werden. Es ist vielleicht ein Wunder, dass bei uns keine grösseren Katastrophen passieren, da wir mit unseren Kernkraftwerken, Fabriken, Chemieproduktionen und Verkehrsaufkommen durchaus Potential für katastrophale Ereignisse haben.

3.) Fragen:
Wie passen in dieses Bild Flutkatastrophen in deutschen Grossstädten? (Hamburg, Dresden) http://www.elbelche.de/alt/flut/
... oder andere Katastrophen, die dann eben doch passieren?

Wenn Gott tatsächlich mit Wundern bei Katastrophen eingreift, warum greift er dann nicht vor den Katastrophen ein, so dass sie ausbleiben? (Gute Gegenfrage: Vielleicht tut er das auch,aber wie will man das wahrnehmen, wenn die Katastrophe ja eben nunmal ausbleibt?)

... oder: warum wirkt er nicht Wunder an allen Betroffenen, sondern nur an einzelnen?
(Gott, hab Dank, dass unsere Kinder nicht zum Zeitpunkt X bei der Loveparade waren ... ???)

Grundsatzfrage: Was ist überhaupt eine "Katastrophe"?
Ist das nicht a) eine sehr menschliche Sicht eines faktischen Ereignisses?
Gibt es b) nicht auch subjektive Katastrophen, die nicht unbedingt die Massen betreffen, aber im kleinen Kreis doch genug Not erzeugen, um ein Einwirken Gottes rechtfertigen zu können? Die private Katastrophe eben?

4.) Was ist eigentlich ein "Wunder"?
M. schrieb:
"Auch wenn vieles in unserem Leben (wie Geburten, Nächstenliebe, unwahrscheinliche glückliche Zufälle, die Schöpfung usw.) doch sehr schön und faszinierend ist so sind es doch keine Wunder. "
(Hervorhebung von mir)
Nun, zu sagen, die Schöpfung sei kein Wunder, steht auf wackligen Beinen. Wenn man sagt, dass Dinge wie Geburten kein Wunder sind, da sie ja nunmal natürlicher Teil der Schöpfung sind, so ist das nachvollziehbar.
"Die Schöpfung" selbst aber wäre demnach sogar automatisch ein "Wunder" da sie selbst eben nicht Teil ihrer selbst -der Schöpfung- sein kann.
Ich würde sogar sagen, wenn überhaupt irgend etwas ein Wunder ist, dann ist es genau die Existenz alles Existierenden an sich. Denn man kann nicht die Natur durch die Natur erklären, ohne in einen Zirkelschluss zu geraten.

Daneben hatte ich in der Vergangenheit schon den Eindruck bekommen, dass "glückliche Zufälle" durchaus "Wunder" im Sinne eines Eingreifens Gottes sein können.

Grund: H.P. Dürr beschreibt sehr schön die Zukunft als "Potentialität" der Gegenwart.
Als eine Menge von Optionen, wie die nächste Gegenwart, basierend auf der aktuellen Gegenwart, aussehen könnte.
Die aktuelle Gegenwart ist dann Quasi der Ereignishorizont, wo aus der Menge der potentiellen Gegenwarten die eine, die wir erleben, ensteht. Jeden Moment neu.
Und die Vergangenheit ist dann quasi "geronnene Potentialität". Der Fluss des Möglichen verfestigt sich zum Seienden und erstarrt zum Gewesenen.

Wenn aus der Menge der potentiellen Gegenwarten nun die entsteht, die eine bestimmte
Situation begünstigt, auch wenn die Wahrscheinlichkeit für dieses Eintreten relativ
gering (wenn auch nicht Null) ist, so kann dies durchaus daran liegen, dass Gott ein Gott des Möglichen, des Potentiellen ist.

(BTW: Viele Geschichten funktionieren genau so: Das nicht Unmögliche aber Unwahrscheinliche ist es, dass die Story weitertreibt. Ansonsten wird sie berechenbar und somit langweilig.
Und wir erleben nunmal His-Story).

So kann man durchaus atheistisch argumentieren, dass die Entstehung der Erde und des
Menschen nur ein Fall statistischer Wahrscheinlichkeiten in einem Universum mit den Gesetzmässigkeiten wie den unseren ist. Trotzdem kann man eben genau darin ein Göttliches Handeln (=Wunder) sehen, dass dieses Universum mit seinen Gesetzmässigkeiten und Potentialitäten überhaupt existiert, und dass ein nicht unmöglicher, aber unwahrscheinlicher Fall überhaupt eingetreten ist.

Hier aber kommen wir an ein weiteres philosophisches Problem:
Die Wahrscheinlichkeit, dass genau unsere Welt existiert ist ggf. sehr sehr klein, aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine ähnlich geartete Welt existiert, vielleicht nicht mehr so. Würden wir nun in einer der anderen möglichen Welten leben, so würden wir vielleicht genau diese als ein Wunder ansehen.

Ist es nun also nur dann ein Wunder, wenn beim Würfelspiel eine Sieben erscheint? (Also: Außerhalb der Gesetzmäßigkeiten)
Aber ist es kein Wunder, wenn eine Fünf genau dann erscheint, wenn man sie so dringend braucht? Der Statistiker würde letzteres Verneinen. Kein Wunder, sondern nur glückliches Zusammentreffen. Aber wenn Gott ein Gott der Möglichkeiten ist, und ein gering wahrscheinliches Ereignis trotzdem zielsicher passieren lässt, wäre das dann weniger göttlich?

Ich glaube nicht. Es gäbe noch mehr dazu zu sagen, doch dazu reicht dieser Artikel nicht.

Soweit zum Thema Wunder an sich. Noch ein weiterer Punkt:

"Man glaubt an einen übernatürlichen Gott und irgendwie sucht dennoch nach immer mehr Übernatürlichkeit. Die Motive dafür sind sehr verschieden. Manchmal habe ich das Gefühl man sucht eine Art persönliches Gottesbeweis und hofft dadurch die Zweifel auslöschen zu können"

Dieser Aspekt geht ggf. noch tiefer:

Die Frage nach der RELEVANZ des Glaubens.

Wenn es einen Gott gibt, aber er greift in diese Welt nicht ein, dann hat er für mein Leben offensichtlich keine Relevanz, und der Glaube somit auch nicht. Es macht keinen Unterschied, ob ich glaube oder nicht. Ob ich bete oder nicht. Wenn Glaube aber Sinn machen soll, dann sollte die Relevanz auch erkennbar, erfahrbar sein.

Und

"Gott erwirbt sich unser Vertrauen, dadurch, dass wir das Wagnis des Vertrauens eingehen und jedes mal neu feststellen, dass es sich gelohnt hat. Vertrauen wächst. Vertrauen ist nicht einfach da, weil ich einen kurzen Moment lang etwas erlebt habe."

Genau darum geht es aber doch.
Frage: Wodurch "stellen wir" es denn "fest", dass es sich gelohnt hat?
Dadurch, dass ein Gebet nicht erhört wurde?
Dass ein geliebter Mensch eine Katastrophe doch nicht überlebt hat (der böse Nachbar aber schon)?
Dass eben KEIN Wunder geschehen ist?

Hier wird es kritisch: Worauf soll ich vertrauen, wenn ich mich auf nichts verlassen kann? Sich nichts als vertrauenswürdig erweist?

So halte ich den Versuch, zumindest auf lange Sicht einen Sinn, eine (gute!) Absicht in den Dingen zu erkennen, schon durchaus für gerechtfertigt. Und das "Wunder" bezieht sich dann auf die großen Zusammenhänge. Das Wunder "Schicksal" eben. Wenn diese Zusammenhänge nicht irgendwann sichtbar werden, woran soll man sich dann halten?

Vertrauen -und damit Glauben- wird schon geprägt und gestärkt durch genau die Erfahrung, dass sich das auch lohnt. Dass man nicht als Betrogener dasteht. Alleingelassen.

Die Frage nach "Wunder" hat somit in meinen Augen schon durchaus seine Berechtigung.

Soweit mal vom MentalRover

Kommentare:

MindRevolution hat gesagt…

Es ist schön wenn ich dich zum bloggen motivieren konnte.
Ich fühle mich an ein paar stellen missverstanden, aber vielleicht ist es gerade deshalb gut, dass du so viel zu meinem Artikel geschrieben hast und ich so die Möglichkeit habe nochmal einiges zu kommentieren.


Zu 1) Zum einen glaube ich, dass unser Gesundheitssystem, Rechtssystem etc. von Gott stark mitgeprägt wird (sonst käme ER wahrscheinlich auch nicht im Grundgesetz vor). Demnach handelt er auch innerhalb dieser Systeme.
Zum anderen möchte ich mich verteidigen. Wenn es mir gut geht und ich keine Probleme habe brauche ich keine Hilfe. Auch wenn ein anderer dazu beigetragen hat, dass ich diesen guten Zustand erreicht habe.
Ich würde sogar wagen an dieser Stelle Lk 5,31 zu zitieren »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken."
Gottes wirken überflüssig zu machen halte ich aber für unmöglich. Zum einen werden wir immer Probleme haben, zum anderen haben wir eins sobald wir uns von Gott abwenden.
Ich setzte "Wunder" und "Gottes Wirken" nicht gleich. Es ging mehr um den Weg den Gott geht um zu helfen. Habe ich die Möglichkeit mich im Krankenhaus einer OP zu unterziehen, kann Gott die Chirurgen und den technischen Fortschritt benutzen. Dann kann Gott Mittel innerhalb der gesetzten Naturgesetze wirken. Diese Option fällt allerdings weg, wenn meine Krankheit als unheilbar gilt. Dann bleibt nur die Option eines Wunders. Einer Heilung die eigentlich nicht sein kann, weil sie die Naturgesetze bricht.
Anderes Beispiel: Um eine Bibel von Frankreich nach Deutschland zu bringen braucht man weniger Unterstützung als um eine Bibel von Südkorea nach Nordkorea zu bringen.
Ein Wunder auf der zweiten Reise würde mich kaum überraschen, bei der Ersten würde ich nicht mal an ein Wunder denken.

Zu 2.) Amen

Zu 3.) Hab ich noch zu wenig drüber nachgedacht um darauf zu einzugehen.

Zu 4.) Wie du festgestellt hast, definieren wir Wunder unterschiedlich. In meinem Artikel definiere ich Wunder als Brechen der Naturgesetze und du definierst es als Gottes Wirken.
Die Entstehung der Schöpfung sehe ich aber auch nach meiner Definition als Wunder an, da vorher ja keine Naturgesetze da waren oder die vorherigen geändert, also dauerhaft gebrochen werden. In dem Moment wo die Gesetze in Kraft getreten sind, sind sie dann aber kein Wunder mehr, da sie sich selbst nicht brechen.
Wenn ich von deinem Wunderverständnis ausgehe, kann ich dir im folgenden Teil von 4. auch nur zustimmen.

Zu „ein weiterer Punkt“: Hier habe ich wahrscheinlich die falschen Worte getroffen. (habe ich eine Gabe für) Daher will ich es nochmal anders ausdrücken: Es geht um den einen Moment, aber es geht mehr darum das es diesen einen Moment immer wieder gibt. Weil mit jeder neuen Erfahrung, dass Gott Relevanz für mein Leben hat, mein Vertrauen ein weiteres Stück wächst. Die Summe scheint mir wichtiger als der einzelne Moment.
Begründung:
Bein einzelnen Moment kann ich mir Verhältnis mäßig leicht einreden, dass ich mich getäuscht habe oder ich kann Gott Wirken in diesem Moment anzweifeln (wie in deinem Beispiel mit dem Statistiker) Ein geheilter Arm sieht nun mal heil und nicht geheilt aus. Demnach könnte ich bezweifeln, dass er einmal nicht heil war.
Die ständige und wiederholte Erfahrung von Gottes Eingreifen in Frage zu stellen scheint mir hingegen nahezu unmöglich.
Demnach würde ich formulieren: Vertrauen wird geprägt durch die ErfahrungEN, dass sich das auch lohnt.
Die Frage nach dem Wunder hat m.M.n. eine Berechtigung, wenn sie die Frage nach Gottes Hilfe und nicht nach Unterhaltung ist.

MentalRover hat gesagt…

Heyho, danke für den ausführlichen Kommentar. Das ist es, was ich an Blogs so mag ;-) .